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Rezension: Belletristik : Ein Freund, ein Freund

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Jakob Arjounis Erzählungen / Von Florian Illies

          Man verlangt ja hierzulande viel von einem Dichter. Er soll Trendforscher sein, Mitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache und natürlich auch Mitarbeiter im Haus der deutschen Geschichte. Als Jakob Arjouni vor zwei Jahren in seinem Romanerstling "Magic Hoffmann" all diese Eignungen so nachdrücklich unter Beweis stellte, also die Manie, Baseballmützen verkehrtherum aufzusetzen, ebenso beschrieb wie die neudeutschen Sprachmarotten und zudem noch ein präzises Bild des metropopeligen Berlins in der Nachwendezeit lieferte, versetzte man dem jungen Autor begeistert den Ritterschlag.

          Man verlangt hierzulande nicht viel von einem Dichter. Ja, man war durch die drei schnellen, unterhaltsamen, an Hammet geschulten Multikulti-Krimis, die der junge Autor aus Frankfurt zuvor vorgelegt hatte, bereits so sehr darauf eingestellt, daß man die vielleicht wichtigste Botschaft des Romans kaum zur Kenntnis nahm. Die da lautet: Hier ist endlich ein Autor, der spürt, daß man sich nicht länger um das herumdrücken darf, was man gerne die "großen Themen" nennt. Daß Träume sich in Rauch auflösen und Liebschaften auch, das können andere ebenso und vielleicht sogar besser beschreiben. Doch mit welcher Intensität der oberflächlich so unangestrengte Text um Treue (zu anderen und sich selbst), Freundschaft und Verantwortung kreist, wird einem vielleicht erst jetzt ganz bewußt, da der Diogenes Verlag sechs Geschichten von Arjouni zu einem Buch gebündelt hat.

          Auch hier geht es wieder lustig zu, auch hier genießt man den Ton, der die Geradlinigkeit, Schnoddrigkeit und den Rhythmus des Krimis in die hohe Literatur hinübergerettet hat. Und wie in seinen Krimis erzeugt Arjouni die Spannung auch in diesen Erzählungen mit einem ungewöhnlichen Stilmittel: dem Kontrast zwischen Witz in der Form und Ernst im Inhalt. So kann man die titelgebende Geschichte "Ein Freund", die die Feier des dreißigsten Geburtstages eines jungen, aufstrebenden Theaterregisseur schildert, bequem als Persiflage auf die Generation Golf und den korrumpierten Kulturbetrieb lesen. Geld spielt keine Rolex, man trinkt Champagner und tut alles dafür, um im nächsten Jahr in Bochum inszenieren zu dürfen. Nur der kurze Pony und die stillosen Schuhe verhindern, daß man bei Marcel Retzmann permanent an Leander Haußmann denken muß. Höhepunkt der Geburtstagsfeier ist der Gedichtvortrag der besorgten Mutter des Regisseurs: "Guten Abend, liebe Leut'/ welch schönes Fest für uns hier heut".

          Arjouni beschreibt die skurrile, weinselige Atmosphäre wie so oft aus einer Außenseiterperspektive. In diesem Fall durch die Augen eines zufällig hineingeschlitterten Taugenichts, den das ganze Palaver immer stärker fasziniert, um so mehr es ihn abstößt, wie "wenn man in ein anderes Programm schalten will, aber durch gespreizte Finger weiter zuguckt".

          Wahrscheinlich hat Arjouni seine eigene schriftstellerische Position selten so klar justiert wie in diesem Satz. Er guckt immer dann besonders eindringlich hin und spreizt seine Finger, wenn seine Figuren zu sich selbst kommen und ihre Masken abziehen. Also banal werden. Und ehrlich. "Vielleicht", so denkt der Geburtstagsgast mit Blick auf die reimende Mutter, "machte ihr die Einsamkeit ihres Sohnes tatsächlich Sorgen, doch ich hatte den Eindruck, Freunde hielt sie nicht unbedingt für das richtige Mittel dagegen." Es ist Arjounis auffälligste Begabung, daß er auch im Tiefgang noch leichtfüßig tänzeln kann, daß ihm die Geschichte des übermutterten Regisseurs, der sich unseren Taugenichts für sechshundert Mark Tagesgage an einer Tankstelle als "Freund aus alten Tagen" eingekauft hatte, weder zu einer Tragödie gerät, die sie ist, noch zu einer Farce, die sie sein könnte. "Es gibt in Deutschland so wenige Leute, die mit Humor ernsthaft sind", hat Arjouni einmal geklagt.

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