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Rezension: Belletristik : Ein Denkmal

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Alfred Grünewalds Aphorismen

          Alfred Grünewald zelebrierte das Pathos des Außenseiters, des Künstlerseins, Fremdseins. Doch vielleicht verbarg die Pose das Gefühl existentieller Bedrohung, als Jude und Homosexueller in einer Zeit der lawinenhaft sich mehrenden Vorzeichen des Dritten Reiches. Seine unter dem Titel "Ergebnisse" wiederveröffentlichten Aphorismen lassen das ahnen.

          Viel ist über den Schriftsteller Grünewald heute nicht mehr bekannt. Die Nationalsozialisten haben ihn verfemt, verfolgt, ermordet. Sein Tod ging, wie bei vielen prominenten Opfern des Dritten Reiches zuvor, mit fast schlagartigem Vergessenwerden einher. Es war eine zweifache Vernichtung. Eine Wiederauflage seines Werks erscheint schon allein gerechtfertigt, um Urteil und Vergessenheitsdiktat der Nationalsozialisten aufzuheben.

          Alfred Grünewald wurde 1887 in Wien geboren. Nach dem Studium arbeitete er bei Adolf Loos in einem Architekturbüro, lebte zurückgezogen und schrieb: zwanzig Bände zunächst neuromantischer, später mehr expressionistisch gefärbter Lyrik und Theaterstücke. Sein letzter Gedichtband, "Die brennende Blume", erschien 1937. Ein Jahr später, am Tag der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten, versuchte Grünewald, sich das Leben zu nehmen. Er wurde gerettet, dann aber, in einer bitteren Wendung des Schicksals, von den Nationalsozialisten verhaftet und ins KZ Dachau gebracht.

          1939 wurde er entlassen, die Geschichte seiner zermürbenden Flucht und Verfolgung begann, eine Geschichte, wie man sie in unzähligen Varianten mit zufällig glücklichem oder zufällig unglücklichem Ausgang schon gehört hat. Grünewald floh über die Schweiz und Italien nach Südfrankreich. Er wurde in Antibes interniert, nach einiger Zeit wieder entlassen. Schließlich ging er nach Nizza, wo er im Herbst 1942 von der Regierung Pétain/Laval verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert wurde. Verläßliche Aussagen über sein Ende gibt es nicht, nicht einmal der Ort ist bekannt. Man nimmt an: Auschwitz oder Treblinka. In seinen Aphorismen kultiviert er die Attitüde des Verschlossenen, Unzugänglichen, Elitären. Er spricht vom "Laster des Vertrauens", geißelt die Offenherzigkeit. Tatsächlich aber gibt er viel von sich preis; tatsächlich legt er, rührend bemüht, gerade dies nicht zu tun, seine Seele bloß. Manchmal gelingen ihm kleine poetische Vignetten, manchmal nur banale Richtigkeiten. Er beschimpft die Unsensiblen, die Neugierigen, die unreflektierten Kunsterneuerer, die falschen Genies, die blinde Menge: ",Wir haben recht behalten' triumphierten jene, die lange nicht hören wollten und zu guter Letzt wirklich taub wurden."

          Unablässig vergleicht Grünewald die eigene Existenz mit der anderen, unablässig betont er die Differenz. Es ist, als müsse er sich umgrenzen und abgrenzen, ein Selbstporträt, ein Denkmal hinterlassen - als schreibe er an gegen die Angst vor einem spurlosen Verschwinden. MARION LÖHNDORF

          Alfred Grünewald: "Ergebnisse". Aphorismen. Edition Memoria, Köln 1996. 99 S., geb., 29,80 DM.

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