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Rezension: Belletristik : Drei Welten

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Volker Brauns unvollendete Geschichte der DDR

          Die DDR arbeitet weiter, aber nicht, wie man im Westen gerne glaubt, nur äußerlich, auf einer Ebene der Nostalgie und des Ressentiments, sondern von innen her: im Widerstreit verschiedener Loyalitäten, in einer komplexen Gemengelage von Gewissensfragen, sozialistischer Utopie, Geheimdienst und der Abwehr des bundesrepublikanischen Mainstreams. Für gewöhnlich vermögen diese selbstquälerischen Gedankengänge die westliche Wahrnehmungsgrenze nicht zu überschreiten, sie bleiben als öffentlich kaum artikuliertes Unbehagen im östlichen Verständigungshorizont zurück. Ebendeshalb kommt den jüngsten Äußerungen des Schriftstellers Volker Braun ein besonderer dokumentarischer Rang zu: Sie machen die seelischen Konflikte, die der Staatssozialismus hinterlassen hat, auch für jene nachvollziehbar, die diesen nicht erlebten.

          Braun hat in der letzten Ausgabe von "Sinn und Form" zum zweiten Mal eine Novelle namens "Unvollendete Geschichte" revidiert, die 1975 in derselben Zeitschrift erschienen war und damals viel Aufsehen erregt hatte. Daß eine solch abgründige Kritik der DDR im Organ der Ost-Akademie publiziert werden konnte, gab viele Rätsel auf. Als sich die Aufregung gelegt hatte, erschien die Erzählung zwei Jahre später als Suhrkamp-Buch im Westen. Geschildert wird ein Fall von staatlicher Repression mit höchst privaten Auswirkungen. Ein junges Paar wird wegen eines diffusen Verdachts auf Republikflucht auseinandergerissen. Eltern, Parteisekretär und Kaderleiter setzen der Parteikandidatin Karin so zu, daß sie ihren als ideologisch unzuverlässig eingestuften Freund Frank verläßt und dieser einen Selbstmordversuch unternimmt.

          Doch was diese "unvollendete Geschichte" so unerhört und subversiv machte, ist nicht der äußere Handlungsverlauf, sondern dessen Innenseite. Denn Karin stand ebenso wie ihr Erzähler loyal zur DDR, zu deren Zielen und Methoden. Wegen dieses Einverständnisses trifft Karin der Zusammenstoß mit den staatlichen Organen bis ins Mark: "In manchen Sekunden war der Schreck so groß, daß sie keinen Zusammenhang mehr fand mit der Wirklichkeit." Was sie zerriß, war der Widerspruch zwischen privater und politischer Existenz, die dem sozialistischen Selbstverständnis nach im unermüdlichen Parteiarbeiter zusammenfallen sollten, in der bürokratischen Wirklichkeit aber weit auseinanderklafften. Regelmäßig hintergeht der Apparat das quasi-familiäre Vertrauen, das er für sich reklamiert. Braun zeigte in der "unvollendeten Geschichte" ein mit sich zutiefst entzweites Land, dessen Tristesse um so furchtbarer ist, als sie unausweichlich erscheint. "Sich um das politische Leben bringen", eine Versuchung, die Karin am Ende befällt, war für Braun und seine Heldin gleichbedeutend mit: "Sich dieses Leben nehmen."

          Zusätzlich wurden moralische Bedenken mit Verweis auf die Anwesenheit des Klassenfeinds suspendiert, dem man nicht in die Hände spielen dürfe. "Wir leben in zwei Welten, oder drei, und leben in drei Zeiten", räsonniert ein nachdenklicher Bezirkssekretär im Trainingsanzug: "Und eine schlägt der andern nach der dritten in uns oder neben uns, wir müssen denken für alle drei und können handeln für das Drittel höchstens, das wir sind . . . Der Wettlauf mit den Toten, wir Totengräber jagen dem Kapitalismus nach über den Friedhof unserer Pläne." Immer schon bedienten sich die Funktionäre "einer taktischen und gewundenen Ausdrucksweise", wie es in der Erzählung an anderer Stelle heißt. Doch das Denken, das sich da so unglücklich äußert, verzweifelt auch an der eigenen Dialektik, die nicht mehr mit Schwung in eine leuchtende Zukunft trägt, sondern sich in ihren eigenen Widersprüchen verheddert. Die Kritik wurde damals durchaus in ihrer ganzen Schärfe wahrgenommen. Anna Seghers nahm Braun bei einem Treffen des Schriftstellerverbands, bei dem sie ihn in Schutz genommen hatte, zur Seite und sagte: "Weißt du denn nicht, daß man dafür vor einiger Zeit verschwunden wäre?"

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