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Rezension: Belletristik : Dr. Bruegel oder Wie man malt

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Michael Frayn sucht "Das verschollene Bild" / Von Thomas Wagner

          Lieben Sie Gemälde? Womöglich solche der alten Niederländer? Leben Sie gern auf dem Land, dort, wo es nicht so hektisch ist und sich der Wechsel der Farben in der Folge der Jahreszeiten genießen lässt? Dann begeben Sie sich auf die Fährte, der Michael Frayn in seinem Roman "Das verschollene Bild" folgt, und achten Sie auf die pinkfarbene Schnur, mit der die Hecktür eines Landrovers zusammengehalten wird.

          Von zwölf Monaten seiner Beurlaubung von seiner Arbeit im Institut bleiben dem Philosophen Martin Clay noch fünf Monate, um ein Buch über den Einfluss des Nominalismus auf die niederländische Malerei des fünfzehnten Jahrhunderts zu schreiben, zu lange hat er sich vom "Meister des gestickten Laubs" ablenken und zu kunsthistorischen Studien verleiten lassen. Gemeinsam mit Kate, seiner Frau, die an einem Standardwerk zur vergleichenden christlichen Ikonographie arbeitet, und Tilda, ihrer kleinen Tochter, fährt er aufs Land, wo sie ein Haus besitzen. Dort soll das Versäumte nachgeholt werden.

          Doch das Land - irgendwo nördlich von London - drückt die Städter vehement "an seinen schmutzig braunen Busen". Hier scheint zwar alles "beruhigend authentisch", doch nur, solange man es betrachtet wie ein Landschaftsgemälde im Museum. Zur Ruhe kommen die Stadtflüchtigen nicht. Denn als Tony Churt, ein skurriler Landadliger und Nachbar der Clays, sie vor ihrem Haus empfängt und zum Abendessen einlädt, weil er sie um "einen kleinen Rat" bitten möchte, nimmt die Geschichte einer sensationellen Entdeckung ihren Lauf. Der Landbesitzer im braun karierten Sportjackett und der Intellektuelle aus der Stadt mit dem grauen Pfeffer-und-Salz-Sakko verstricken sich in eine abstruse und fulminante Geschichte.

          Als die Clays Tony Churt und seine Frau Laura auf Upwood besuchen, zeigt Tony den mutmaßlichen Kunstexperten einige Gemälde, die er verkaufen möchte, um mit dem Erlös seinen heruntergekommenen Besitz zu retten. Neben einem "Raub der Helena" von Luca Giordano stoßen sie auf eine bemalte Holztafel, die als provisorische Kaminabdeckung dient. Das Gemälde wird auf den Tisch gehievt, und "dort steht es jetzt, und in dem eiskalten Frühstückszimmer, inmitten der Stühle, während Laura noch die dreckige Zeitung in der Hand hält, mit der sie das Holz abgewischt hat, und Tony mir über die Schulter blickt, noch immer auf ein Urteil hoffend, und Kate auf der Schwelle steht und den Tragekorb geduldig hin und her schaukelt, sehe ich es zum ersten Mal. Mein Schicksal. Meinen Triumph, meine Ungewissheit, meine Niederlage. Ich erkenne es sofort. Ich sage: ich erkenne es. Ich habe es nie zuvor gesehen. Ich habe noch nicht einmal eine Beschreibung gesehen. Meines Wissens ist es auch nirgendwo beschrieben worden. Niemand weiß, wer (abgesehen vom Künstler selbst) das Bild jemals gesehen hat." Martin glaubt, ein Gemälde Pieter Bruegels d. Ä. entdeckt zu haben, ein Gemälde, das zum Motor seines Schicksals, seines möglichen Triumphs, seiner Ungewissheit und seiner drohenden Niederlage wird. Mal glaubt Martin, es müsse die verschollene erste von ursprünglich sechs Tafeln von Bruegels berühmtem Jahreszeitenzyklus sein, mal scheint es ihm wertloser Tand. Denn je entschiedener er das Bild mit Hilfe wissenschaftlicher Literatur einzukreisen sucht, desto größer werden seine Zweifel; doch je mehr er zweifelt, umso mächtiger wird sein Wunsch, die Echtheit des Bildes nachzuweisen und durch seinen Besitz reich und berühmt zu werden.

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