01.10.1996 · Friederike Mayröckers neue Gedichte/Von Hans-Herbert Räkel
Friederike Mayröckers neueste Gedichtsammlung "Notizen auf einem
Kamel - Gedichte 1991 bis 1996" beginnt schon auf dem Umschlag, mit dem erst 1995 geschriebenen Eröffnungsgedicht "was brauchst du". Es unterläuft eine Erwartung: Denn der "gelernte Mayröcker-Leser" (Harald Hartung) will mindestens dies verstanden haben, daß ihre Texte das "Assoziationspotential" des Lesers mobilisieren (W. Schmidt-Dengler), daß sie also fragen, aber die Antwort selber nicht wissen. Um so erstaunter wird er sein, daß dieses programmatische Gedicht auf die gestellte Frage ohne Umschweife antwortet, in einer Sprache, die auch der ungelernte Mayröcker-Leser auf Anhieb versteht, deren fehlende Interpunktion er mühelos restituieren kann und in deren Rechtschreibung nur das mayröckerische "sz" beinahe anheimelnd auffällt:
was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie grosz wie klein das Leben
als Mensch
wie grosz wie klein wenn du aufblickst
zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie grosz wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem
Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein
Haus
keines für dich allein nur einen Winkel
ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu
träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den
Freund
die Gestirne das Gras die Blume den
Himmel
Ein "du" darf sich angesprochen fühlen, die unergründliche Wahrheit der poetischen Klischees "Baum" und "Haus" wird Leserinnen und Lesern zugemutet und schamlos ästhetisch aufgeladen: "in grüner üppiger Schönheit"! In der vorletzten Verszeile bringt das lyrische Ich sich ein, es ist die Autorin selber, mit ihrem Schreiben, ihrem Schweigen und ihrem Freund, aber natürlich dürfen und sollen hier jede Leserin und jeder Leser die Person imaginieren, die ihnen die teuerste ist - denn das ist ja das Wunder des Gemeinplatzes: Er ist Ort der Begegnung, er gehört allen und jedem. Und tapfer heißt es im Klappentext (vor dem hier ausdrücklich gewarnt sei): "Sprache wird nicht erst durch eine Person verbürgt . . . Ein Begriff wie lyrische Subjektivität deckt die Herkunft des Gedichttextes nicht mehr ab, so wenig wie der herkömmliche Bezug auf eine gegenüberliegende Wirklichkeit gilt." Wer Deutsch versteht, wird sich jedoch der Einsicht nicht verschließen können, daß hier eine der bedeutendsten dichterischen Stimmen unseres Fin de siècle genau das versucht, nämlich mit ihrer Person zu verbürgen, was sie zu sagen hat. Das ist ihr Wagnis, darum läßt sich ihr Gedicht auch so leicht parodieren, ridikülisieren, als Kitsch abtun.
Der gelernte Mayröcker-Leser braucht jedoch nicht zu erschrecken: Nicht alle 122 Texte des Bändchens wandeln auf den Wegen dieses ersten. Die Autorin bleibt auch hier jene Artistin, die ihr Publikum seit einem halben Jahrhundert an ihren Fanatismus der Perfektion gewöhnt hat: was sie schreibt, ist gewollt, ist gekonnt, ist gelungen. Suchen wir aber diesmal nicht nach den mayröckerischen Ingredienzien, sondern folgen wir dem Fingerzeig des Eingangsgedichts!
Da ist rückblickend zuerst einmal zu bemerken, daß Friederike Mayröcker immer schon, selbst in der Blütezeit der Konkreten Poesie, ihre Sprache mit den subjektiven Krallen hypertropher Metaphorik und vagabundierender Assoziation festgehalten und für ihr Dichten als Ausgangspunkt ein "Körpergefühl" verantwortlich gemacht hat. Das mag auch oft genug den Rhythmus ihrer "Atemgedichte" bestimmt haben. Von Versen ist allerdings kaum je die Rede, und wenn einmal, dann ist "der Jambus: ein Inkubus, rufe ich, als Fünf- oder Sechstakt, hat er sich einmal / festgekrallt, ist er nicht ab- / zuschütteln, ist er kaum los- / zukriegen (fließende / Metrik!) und schon verloren . . ." (aus "Levitation" von 1985).
Die "linguistische Wende" mit ihren Vorstellungen von Emanzipation durch Spracherziehung, von Generierbarkeit des Satzes und angeblichen Merkmalen poetischer Sprache war dem Vers nicht günstig: die Poesie mußte sich in die Wortlehre retten. Ohne Wortzertrümmerung, ohne metaphorische Zwangsverschweißung, ohne Neologismen kein modernes Gedicht. Daran hat man sich gewöhnt und rühmt zum Beispiel "jene mehrdimensionale Dialogstruktur der Sprache - entdeckt im Assoziationshof ihrer Wörter". Werden aber Gedichte aus Wörtern gemacht?
Das ist ja die zweite und vielleicht noch größere Überraschung des neuen Gedichts: Es nähert sich behutsam klassischen Formen an, es benutzt den Zeilensprung auf dem Papier durchaus nicht zum demonstrativen Zerreißen dessen, was zusammengehört, und es besteht aus Versen, aus vierhebigen (und zwei fünfhebigen) Versen mit ein- oder zweisilbigen Senkungen. Dieser jambisch-daktylische Rhythmus, schon im Mittelalter für die deutsche Sprache entdeckt, konnte im achtzehnten Jahrhundert den Sturm und Drang junger, heftiger Poeten beflügeln und sie in Hexametern, griechischen Strophen und endlich in klopstockischen freien Rhythmen von ihrem Jambus befreien. Wenn wir es dann unsererseits wagen, die letzten drei Verse als Terzett zu lesen, ordnet sich das Vorhergehende zu zwei Quartetten, und das Gedicht erhebt sich zum virtuellen Sonett.
Die autobiographische Referenz hat Friederike Mayröcker nie verschmäht, besonders ihre eigene Kindheit wurde immer wieder zum Thema, gerade weil sie nicht erlebt, sondern nur als "Totenschrift" erschrieben werden konnte: Der "herkömmliche Bezug auf eine gegenüberliegende Wirklichkeit" war unterbrochen, wie auch sonst Sprachkonstruktion das Medium der "Weltkomposition" sein mußte. In dieses moderne literarische Allerheiligste, das Schreiben des Schreibens, ist nun aber bei Friederike Mayröcker seit längerem eine Wirklichkeit eingebrochen, die sich nicht wie die Kindheit erschreiben läßt, sondern die vor allem Schreiben tatsächlich gelebt werden muß: 1992 zeugte davon der Gedichtband "Das besessene Alter". Bestand das Ziel früheren Dichtens in der rücksichtslosen Erfüllung eines Ausdrucksbedürfnisses, so tritt jetzt eher ein Bedürfnis nach Verständigung und Vergewisserung in den Vordergrund, dem unser Eingangsgedicht Form und Inhalt verdankt: Es ist schlicht didaktisch und spricht aus Erfahrung: gewollt, gekonnt, gewagt - und gelungen?
Man sollte das Bändchen unter diesem Blickwinkel lesen. Die selbstherrlich-assoziative Metaphernproduktion und die destruktiv-konstruktive Spracharbeit tritt zurück, die Autorin schlüpft selber in die Rolle des lyrischen Subjekts, sucht den Anklang an neue und alte Poesie, nennt Namen von Dichtern, versichert sich fast ausnahmslos mindestens einer Leserin oder eines Lesers durch namentliche Widmung und zieht vor allem immer wieder, gleich wohlgehüteten Photographien, eigene Motive und Formulierungen, erschriebene Erlebnisse zitatweise hervor.
Rilkes "Wer jetzt kein Haus hat . . ." klingt mit hinein in "du brauchst ein Haus"; in "eines Lebensabschnittes Bestandsaufnahme" heißt es: "in meinem Tornister / ein Thymianstämmchen / zwei Münzen / ein stumpfer Bleistift . . .", als Geste des Sichvergewisserns vielleicht nie einprägsamer realisiert als in Günter Eichs "Inventur"; ein Gedicht für Ernst Jandl versucht sich in der Erhabenheit Klopstocks, ohne Hölderlins "nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!" ist der schöne Vers "noch einen Sommer nein zwei nein drei laß mich noch hier" ein Waisenkind. Die Widmungen stellen wirkliche Bezüge her, pochen darauf, daß hier die Sprache von einer Person verbürgt werden soll, am stärksten vielleicht in dem intimen Achtzeiler "wie und warum ich dich liebe / für Ernst Jandl zum 70. Geburtstag". Die beunruhigende Erfahrung hinter diesen poetischen Formen drängt aber auch nach direkter Vermittlung, und das geschieht so:
" / noch / sich sagen ich lebe / noch /" oder so: "zugeschüttetes Gesicht: was wird sein wenn / ich schon bald vielleicht statt in den Büchern / zu lesen nur noch über die Buchrücken meiner Bibliothek / werde streichen können . . ." Dieselbe Erfahrung rechtfertigt auch einen erneuten Zugriff auf die Vergangenheit, auf neue Tode der Mutter, den bittersten ("Verfärbung einer Oberlippe"), den anklagendsten ("Mutters Hostienblatt"), den traurigsten ("nach ihrem Tod") und den gültigsten ("MEINE MUTTER MIT DEN OFFENEN ARMEN").
Das Wagnis des Eingangsgedichts nimmt die Autorin wieder und wieder auf sich. Eine sprachbenutzende Poesie, die sich vornimmt, über etwas zu sprechen und etwas zu sagen, setzt sich allen jenen Gefahren aus, denen die automatische, die sprachzerstörende, die sprachschaffende, die sprachkritische zu entgehen verstand. Das macht die Lektüre dieses Bandes so spannend und vielleicht noch spannender als die der vorausgehenden, obwohl doch alles schon da war. Es sei nicht verschwiegen, daß dies Wagnis manchmal auch mißlingen kann: bei der Betulichkeit in "ein Eschenblatt auf regennassem Balkon am Morgen", bei der Wichtigtuerei des Bedeutens in "Die abgeschnalle Armbanduhr in der Jackentasche, die abgehalfterte Zeit", bei dem musikalischen und anderem Bildungsplunder. Diese Entgleisungen, wenn es denn welche sind, gehören vielleicht "zu den Lizenzen von Alterswerken", wie sie Harald Hartung in "Lectionen" fand. Aber die "flehentliche Bemühung um Verständigung ("verstehst du", "ich meine . . .") in der Annäherung an Gemeinplatz und poetische Form sollte man für ein Zeichen der Zeit halten, den mutigen Versuch, zu beweisen, daß nicht das Klischee und die Sprache, sondern vielleicht doch die Menschen lügen, wenn sie nicht die Wahrheit sagen.
Friederike Mayröcker: "Notizen auf einem Kamel". Gedichte 1991-1996. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 144 S., geb., 38,- DM.