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Rezension: Belletristik : Die wilden Herzen der Senioren

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Saul Bellow betrauert seinen Freund und freut sich des eigenen Lebensabends / Von Hans Ulrich Gumbrecht

          Wenn Amerikaner sich heute an die Kriege der jüngeren Vergangenheit erinnern, dann kann es geschehen (und für Nichtamerikaner ist das durchaus erstaunlich), daß ihr Rückblick nicht nur zu den militärischen Interventionen im Persischen Golf und im Balkan geht, sondern auch zu den nationalen "Kulturkriegen". Jene "Schlachten um den Literatur-Kanon" rückten während der späten achtziger und frühen neunziger Jahren - dies eine Mal - Kultur in den Vordergrund der politischen Debatten einer Gesellschaft, in der das Wort "Kulturpolitik" sonst wie ein Oxymoron klingt. Um die ganz unmetaphorische Verbissenheit und den heiligen Ernst jener Kulturkriege zu verstehen, muß man wissen, daß in den Vereinigten Staaten - wo sich eine romantische Verklärung der nationalen Vergangenheit in ein normatives Bild für die nationale Zukunft nie zu vollziehen brauchte - der verbindliche Kanon der literarischen Klassiker immer ein betont internationaler geblieben ist, und daß man deshalb - in orthodox aufklärerischer Tradition - eben auf Literatur als zentrales Medium der nationalen Moralerziehung setzte. Die linken Intellektuellen, welche vor etwa fünfzehn Jahren den Kulturkrieg auslösten, als sie den von Figuren wie Shakespeare, Dante oder Goethe beherrschten Kanon ersetzen wollten durch eine stärker (im weitesten Sinne dieses breiten Begriffs) multikulturelle Auswahl, glaubten an diese Logik der nationalen Moralerziehung durch Literatur ebenso bedingungslos wie die Gralshüter des Kanons. Alan Bloom, ein Professor für politische Philosophie an der University of Chicago, war unter den amerikanischen Verteidigern der abendländischen Tradition zugleich der gebildetste und der provozierendste. Mit soviel Energie und Kompetenz, aber wenigstens passagenweise auch mit solch verführerischem literarischem Charme suchte er die unverrückbare Überlegenheit des alten Kanons zu illustrieren, daß sein 1987 erschienenes Buch "The Closing of the American Mind" zum seltenen Fall eines absoluten Bestsellers aus der akademischen Welt wurde. Dafür haben ihn viele Leser auf beiden Seiten des "kulturellen Grabenkriegs" (auch dieses Bild wurde tatsächlich verwendet) entweder vergöttert oder verteufelt. Die Rechten kauften sein Buch und lasen es nicht, während die Linken das Buch polemisch zitierten, ohne es gekauft zu haben. Außer Zweifel steht jedenfalls, daß Alan Bloom eine Trendwende in jener Polemik auslöste.

          Der 1976 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrte, heute fünfundachtzigjährige Saul Bellow war an der University of Chicago ein Kollege und ein enger Freund des 1930 geborenen und 1992 verstorbenen Alan Bloom. Gemeinsam trugen sie bei zur Entstehung eines zugleich betont sachlichen und politisch ambitionierten intellektuellen Stils, der heute als typisch für Chicago gilt. Es soll Bellow gewesen sein, der den zuvor fast ausschließlich auf seine Wirkung als akademischer Lehrer konzentrierten Bloom überredete, "The Closing of the American Mind zu schreiben"; und auf der anderen Seite suggeriert "Ravelstein", Bellows jüngstes Buch, daß der Denker (Bloom, in der Fiktion: Ravelstein) kurz vor seinem Tod dem Literaten (Bellow/Chick) das Versprechen abnahm, ihn in einer Biographie zu verewigen. "Ravelstein" präsentiert sich als die Einlösung dieses Versprechens, welche freilich aus der erwünschten Biographie einen eigenartigen - vielleicht sollte man eher sagen: einen einzigartig hybriden - "Roman" gemacht hat.

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