23.03.1996 · Wie vom Mechaniker: Margaret Atwoods Gedichte
Die Frage, ob gute Romanautoren auch gute Gedichte schreiben können, läßt sich im Fall von Margaret Atwood leicht beantworten. Ehe sie ihren ersten Roman, "Die eßbare Frau", schrieb, war sie in Kanada schon mit Lyrik bekannt geworden. Inzwischen gibt es von ihr fast ein Dutzend Gedichtbände. Der letzte, "Morning in the Burned House", erschien vergangenes Jahr in Toronto und liegt nun in deutscher Übersetzung vor.
Auch die Gedichte von Margaret Atwood erzählen Geschichten oder doch Ansätze zu solchen. Doch sie sind keine Abfällsel vom Arbeitstisch der erfolgreichen Romanautorin. Sie benutzen das Parlando der Alltagsrede, ziehen sich aber zu jähen, aufblitzenden Schlüssen zusammen - sie schließen sich wie eine Zange, bemerkte ein amerikanischer Kritiker. Kurz, sie leisten etwas, das nur Lyrik leisten kann.
Der Titel "Ein Morgen im verbrannten Haus" verspricht nichts Pläsierliches oder Harmloses, was die Widmung "Für meine Familie" immerhin nahelegen könnte. Haus, Familie und Alltag sind in den Gedichten durchaus gegenwärtig; und die Themen Margaret Atwoods reichen von der Erinnerung an die Kindheit bis zum Sterben des Vaters, greifen aber auch aus in Sage und Mythologie. Doch der Stoff, den ihr das Leben zuträgt, ist bloß Anlaß für ihre Sensibilität, ihren illusionslosen Blick. Unter diesem Blick gerät das Vertraute ins Zwielicht, das scheinbar Sichere ins Wanken. Es braucht keine großen Ereignisse, um den alltäglichen Darwinismus des Lebens vorzuführen. Ein aufdringlicher Kater, "eine schwarze Fellwurst", genügt, um den blinden élan vital in Aktion zu zeigen. Und der Blick auf eine hungrige Füchsin führt zur Erkenntnis: "Um zu überleben, würden wir alle zu Dieben."
Älterwerden besänftigt nicht, sondern macht alles nur unausweichlicher. Aber unter der Maske - "Fräulein Julie wird älter" - läßt sich alles bekennen. Je entrückter das Motiv, um so rigoroser der Blick. Vor Manets "Olympia" brilliert diese Technik der Vivisektion. Der verblüffte Leser wird einbezogen und zum Voyeur gemacht: Beachten Sie den Körper,
unzerbrechlich, trotzend, die bleichen
Brüste,
starrend wie Revolverläufe.
Beachten Sie das schwarze Band
um den Hals. Was ist darunter?
Eine dünne rote Linie, wo der ab geschlagene Kopf
einst wieder aufgesetzt wurde.
Das ist schon nicht mehr Porträt, sondern nature morte. Härter noch und auch riskanter das Gedicht "Ein Mann sieht". Es ist die Analyse des pornographischen Begehrens, das nicht die Frau, sondern nur mehr die Mechanik des Sexus in den Blick nimmt - oder bloß noch die Vokabel, etwa "Vulva": "Ein Wort wie ein Teil aus einem Automotor, / etwas aus Gummi, ein öliges Ventil, / das sich zusammenzieht und von innen nach außen stülpt." Das hat eine kalte Präzision, ist aber fern von Bezichtigung oder Polemik. Denn nicht bloß der Mann, auch die Frau versagt in der Farce des Geschlechterkrieges - Margaret Atwood verweigert den feministischen Bonus.
Auch die freundlicheren Szenen taugen ihr nicht zu Tröstungen. Der Weltalltag der Margaret Atwood kommt ohne Metaphysik aus: "Die spürbare Abwesenheit / Gottes und seine spürbare Anwesenheit / laufen so ziemlich auf dasselbe hinaus." Es bleiben das Leben und sein starker Geschmack - und ein nüchterner Gleichmut, der eigentümlich ermutigend wirkt: "Du verstehst schon: es gibt kein Haus, es gibt kein Frühstück, / und doch bin ich hier." HARALD HARTUNG
Margaret Atwood: "Ein Morgen im verbrannten Haus". Gedichte. Aus dem Englischen übersetzt von Beatrice Howeg. Berlin Verlag, Berlin 1996. 125 S., geb., 29,80 DM.