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Rezension: Belletristik : Die Stätte bleibt wüst und leer

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Ein Mann, ein Baum: Danielle Auby im Wald der toten Dichter

          Ein Antikriegsbuch aus Frankreich - das trifft sich gut, nachdem der sogenannte "französische Sonderweg" ungebrochener Bewaffnungs- und Verteidigungsgläubigkeit bei uns so heftig ins Gerede gekommen ist. Danielle Aubys Roman "Der Wald der toten Dichter", im Original "Bleu Horizon", wurde zwar einige Jahre vor der aktuellen Debatte verfertigt, widerlegt aber die Vorstellung, im atombegeisterten Nachbarstaat gäbe es keine Pazifisten mehr.

          Die Autorin hat, fernab von spektakulärem Bekenntnis oder von flammender Anklage, einen ebenso stillen wie arbeitsaufwendigen Zugang zum Thema "Krieg" gewählt: die Spurensuche auf einem literarischen Heldenfriedhof, dessen Existenz man als makabre Kuriosität zur Kenntnis nehmen könnte, wären die Parolen, die zu seiner Entstehung führten, nicht so unverwüstlich und so beklemmend lebendig bis heute.

          Im Jahr 1931 wurde im Département Hérault ein Wald aus 560 Zedern angepflanzt, zur Erinnerung - ein Mann, ein Baum - an 560 französische Schriftsteller, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen. Daß sie alle dem Geburtsjahrgang 1891 angehörten, wie es der Klappentext behauptet, ist Unsinn - so fruchtbar an Dichtern war jenes Jahr selbst im Kulturland Frankreich nicht. Der bekannteste, Henri Alban Fournier alias Alain-Fournier, der seinen Roman "Le Grand Meaulnes" noch 1913 veröffentlichen konnte, wurde 1886 geboren. Er fiel im September 1914, eines der ersten Opfer aus einer vielversprechenden Generation von Literaten und solchen, die es werden wollten, bevor der kollektive Wahn ihre Pläne und Hoffnungen vernichtete.

          Das Wäldchen gedieh am windigen Südhang der Cevennen mehr schlecht als recht, die Bäume mochten in dem "feindlichen Boden" keine tiefen Wurzeln schlagen, ein Waldbrand tat ein übriges. Die Wegsteine, auf die man Dichternamen geschrieben hatte, wurden überwuchert und gerieten allmählich in Vergessenheit, wie die fünfbändige Anthologie mit 560 Kurzbiographien und Texten, die unter dem Titel "Hérisson", Igel, schon von 1924 bis 1926 in Amiens erschienen war, ein sperriges Erinnerungswerk voll patriotischer Schönfärberei.

          Durch Igelstacheln und Gestrüpp bahnte sich Danielle Auby ihren Weg, um ein paar Dutzend abrupt beendeter Lebensläufe zu rekonstruieren und sie dem Nebel verschwommenen Heldengedenkens zu entreißen. Sie durchforstete das fragmentarische Material, suchte Heimatorte auf, redete mit Zeitzeugen, betrachtete vergilbte Fotos und trug versprengte Details zusammen, mit deren Hilfe sie Namen in kenntliche Figuren zu verwandeln hoffte. Behutsam spekulierend stellte sie Beziehungen her, inszenierte Begegnungen, erfand Dialoge, dachte Schicksale zu Ende. Der erste Teil des Buches spielt kurz vor Kriegsausbruch, der zweite auf den Schlachtfeldern, der dritte handelt von der Vereinnahmung der Toten durch die Nachwelt, von Mythen, Reden und Denkmälern, von "widerlichen Tröstungen" und "Trauer-Werkelei".

          Auf das Erklären politisch-historischer Zusammenhänge hat die Autorin ebenso verzichtet wie auf das Ausmalen von Greuelszenen. Bei aller Zurückhaltung aber verhehlt sie nicht ihr Engagement, gestattet sich milde Polemik in spröden, lakonischen Sätzen sowie den Kommentar, mit der Ermordung des pazifistischen Sozialistenführers Jean Jaurès im Juli 1914 sei "eine Hoffnung gestorben, die es in diesem Jahrhundert nun nur noch als Fälschung geben wird".

          Subtrahiert man freilich das ehrenwerte Anliegen, den respektgebietenden Fleiß und die bewunderungswürdige Diskretion, so bleibt ein Buch zurück, das mit einem Beinhaus viel mehr Ähnlichkeiten hat, als dies vermutlich beabsichtigt war. Der Leser sieht sich von einer verwirrenden Fülle knöcherner Partikel umgeben, die er zu einem funktionsfähigen Skelett zusammensetzen soll. Auch wenn ihm diese Fronarbeit gelingt, erwacht der Text deshalb noch nicht zum Leben. Keiner der knapp fünfzig Schriftsteller, die Danielle Auby mit ihrer halbdokumentarischen Collage aus dem Schattenreich holen wollte, nimmt hier eine neue, erdichtete Gestalt an. Die Stätte bleibt wüst und leer, und in dieser Ödnis hakt sich der Blick an den zahlreichen Nachlässigkeiten des Lektors fest: Gerade in einem Buch über den Krieg wäre es beispielsweise angebracht, zwischen "Mine" und "Miene" sauber zu unterscheiden. KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Danielle Auby: "Der Wald der toten Dichter". Roman. Bruckner & Thünker Verlag, Köln und Basel 1995. 365 S., geb., 46,- DM.

          Der Wald der toten Dichter

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.1995, Nr. 259 / Seite 42

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