08.10.2002 · Die osteuropäische und gerade die polnische Avantgarde hat mit besonderer Vorliebe einen bestimmten Motivzusammenhang der internationalen Moderne ausgebildet, den der große polnische Regisseur, Maler, Schriftsteller und Theoretiker Tadeusz Kantor mit dem Begriff einer "Realität niedersten Ranges" am genauesten und folgenreichsten zusammengefaßt hat.
Die osteuropäische und gerade die polnische Avantgarde hat mit besonderer Vorliebe einen bestimmten Motivzusammenhang der internationalen Moderne ausgebildet, den der große polnische Regisseur, Maler, Schriftsteller und Theoretiker Tadeusz Kantor mit dem Begriff einer "Realität niedersten Ranges" am genauesten und folgenreichsten zusammengefaßt hat. Die "Realität niedersten Ranges" ist das Reich des Marginalen, Kleinen, Schmutzigen, Kaputten und Unbedeutenden, in dem jedoch - vermöge der Kunst - die Epiphanie jenes unabsehbaren Sinns aufgeht, nach dem die respektablen, gepflegten, gebildeten und wohlanständigen Institutionen und Kunsttempel vergeblich Ausschau halten.
Die "Realität niedersten Ranges" ist der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben. Der Begriff leitet sich vielleicht - auf die unterirdische, halb telepathische, halb auf Mißverständnissen beruhende Weise, in der sich authentische künstlerisch-theoretische Einflußnahme vollzieht - von Batailles Theorie der Souveränität her. Jedenfalls herrscht die "Realität niedersten Ranges" in den nächtlichen Stadtlandschaften Bruno Schulz' vor; als geheimes Zentrum steht dieses Motiv im Innern von Witkacys "Theater der reinen Form"; als objet trouvé (ein zerbrochenes Wagenrad, ein den Nazis geklauter Lautsprecher) findet es sich auf der Bühne der großen Inszenierungen Kantors aus der Zeit der deutschen Okkupation, und die "Realität niedersten Ranges" zeigt sich nicht zuletzt im Schmutz der Kafkaschen Dachbodenarchive, Schloßbüros oder im Staub des Interieurs, auf dem der verwandelte Gregor Samsa, einen verfaulten Apfel im zerbrochenen Rückenpanzer, sterbend umherkriecht.
Der zweiundvierzig Jahre alte Autor und Verleger Andrzej Stasiuk hat sich in Polen einen guten Ruf und im Ausland den Status eines der bekanntesten polnischen Schriftsteller erworben durch die zeitgenössische Variation dieses avantgardistischen Motivs. "Unterwegs kommen wir an einem jener innerstädtischen Brachgrundstücke vorbei, die man übersieht", heißt es in einer Reportage über Stasiuk, seinen Wohnort und seine Landschaft. ",Hier', sagt er und schwenkt eine Dose in einer zeremoniellen Geste, ,hatte ich meine Erleuchtung': Wir schweigen ehrfürchtig und betrachten den herumliegenden Müll und zwei nebeneinander stehende spitze Betongebilde, die wie übriggebliebene Zähne in einem Gebiß aus dem niedergetretenen Gras ragen. ,Und was ist das?' fragen wir das Naheliegende. ,Ein Scheißhaus', erwidert der Dichter vergnügt und benennt die Türen zu unseren Ehren auf deutsch: ,Damen und Herren'." Hier haben wir die Motive der derzeitigen Stasiuk-Rezeption beieinander: die als innerstädtische Brache und sogar als "Scheißhaus" auftretende "Realität niedersten Ranges"; das ehrfürchtige Schweigen der Literaturredakteurin; der mit einer Bierdose bewaffnete, "zeremonielle Gesten" vollführende und "Erleuchtungen" andeutende Dichter.
Der gebürtige Warschauer Stasiuk ist Mitte der Achtziger in eine gottverlassene südpolnische Vorgebirgsgegend an der Grenze zur Slowakei gezogen, die seither in seinen Büchern als Inkarnation dieser Wirklichkeit die Hauptrolle spielt. Schon in dem Roman "Der weiße Rabe" geht die Erleuchtung von heruntergekommenen Skihütten in die Welt hinaus, und in dem essayistisch-erzählenden Prosabuch "Dukla", Stasiuks bisher gelungenstem Werk, wird ein denkbar unbedeutendes Kaff in der Nähe seines Dorfs zu einem epiphanischen Ort, in den sich die Mitteleuropa-Metaphysik der achtziger Jahre poetisch zusammengezogen hat, ganz weit weg von den Globalisierungs-und Verwestlichungs-Sündenbabeln Warschau, Berlin und London. "Jedesmal, wenn ich in Dukla bin, ist etwas los. Kürzlich war es das frostige Dezemberlicht bei Sonnenuntergang. Dunkles Blau durchspann die Luft. Es war unsichtbar, aber tastbar und hart. Es senkte sich auf den viereckigen Marktplatz und erstarrte wie gefrorenes Wasser."
Der mystische Zusammenhang solcher schön und genau beobachteter Momente und Elemente der "Realität niedersten Ranges" mit einem heideggerhaft unbestimmten und unabsehbaren Sinn- und Bedeutungsversprechen ist das zentrale und zugleich das in einem ursprünglichen und neutralen Sinn fragwürdige Element in der Literatur Andrzej Stasiuks. Es macht seine Bücher mit den Arbeiten Peter Handkes und seine derzeitige deutsche Rezeption mit der des aus der Mode gekommenen Österreichers vergleichbar. "In diesem vergessenen und erodierenden Scheißhaus sah ich die Materie im letzten Stadium des Verfalls, in letzter Verlassenheit. Minuten und Jahre waren in die Dinge eingedrungen und zersetzten sie von innen. Das gleiche wie immer und überall. Sechsunddreißig Jahre hatte ich gebraucht, um hierherzufinden."
"Galizische Geschichten", eine erst jetzt auf deutsch erscheinende Erzählungssammlung aus der Mitte der neunziger Jahre, versetzt das Motiv der "Realität niedersten Ranges" in die traditionelle Gattung der Galiziengeschichte, eines aus dem neunzehnten Jahrhundert überkommenen Genres, das durch Leopold von Sacher-Masoch, Karl Emil Franzos und Joseph Roth berühmt und erfolgreich geworden ist. Das Königreich Galizien und Lodomerien, eine der seltsamsten, unrentabelsten, exotischsten und poetischsten Provinzen des Habsburgerreichs, ist bei ihnen zu einer Landschaft vor allem der sozialen Phantasie geworden. Dort hatten mittelalterliche Formen der Volksfrömmigkeit, des Elends, des Machtmißbrauchs, der Tracht, des Gettos, der Erotik und des Dorfes bis weit ins neunzehnte und sogar bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein überlebt und waren zu einem festen Bestandteil der k.u.k. Romantik geworden.
Stasiuks Buch besteht aus fünfzehn sehr pointiert gearbeiteten Texten. Jeder ist um eine Figur aus einer Landgemeinde zentriert, in der man, wenn man mit den Umständen vertraut ist, unschwer jenes Czarne im Beskidenvorland zu erkennen glaubt, wo der Dichter lebt. Einige der Figuren tauchen in verschiedenen der Geschichten auf, von anderen hören wir nur einmal, bevor sie wieder verschwinden. Da gibt es den Wanderarbeiter und Gelegenheitsmetzger Kosciejny, der das Töten liebt, das Töten von Tieren und dann, einmal, auch das Töten eines Menschen. Er wird als Mörder verurteilt, kommt aus dem Gefängnis, geht direkt in die Kneipe und erfriert sturzbetrunken irgendwo in der galizischen Nacht, worauf er in den folgenden Geschichten als Geist auftaucht. Da gibt es die schöne Maryska, die das Dorf mit zwanzig verläßt und mit fünfundzwanzig, gebrochen und fast schon alt, wiederkehrt. Es gibt einen "rotblonden Feldwebel" und eine alte Frau, Wladek, den Kioskbesitzer, Kruk, den Schmied, den Häusler Lewandowski, der von den Alleen Warschaus träumt. Es gibt die Kneipe und in einer der schönsten Geschichten der Sammlung eine ukrainisch-orthodoxe Kirche, von der wir nur noch das Brachgrundstück zu Gesicht bekommen, denn sie ist inzwischen abgerissen und in einem Freiluftmuseum wiederaufgebaut worden.
Es ist eine hoffnungslose, arbeitslose, kulturlose und freudlose Gesellschaft von ländlichen Modernisierungsverlierern, die in der armen und geschundenen Berglandschaft, in ihren halbverfallenen Häusern, auf Busfahrten, Lastwagen und natürlich vor allem der unvermeidbaren Kneipe ein schwer verständliches, alkoholisiertes, deprimierendes und irgendwie haltloses Leben fristet. Die große Stärke dieser Geschichten aus der galizischen Realität niedersten Ranges sind die zum Teil wirklich wunderschönen Beschreibungen einer kargen Natur, die man in Stasiuks Texten, immer wie nachts um vier, schwer betrunken vor die Wirtshaustür tretend, zu Gesicht bekommt: "Sie hörten, wie sich vor dem Fenster und über dem Dach die Dunkelheit bewegte. Als würde ein großes struppiges Tier sich am Haus reiben." Oder: "Nichts hatte sich verändert. Nur die Schatten der Erde krochen nach Osten, wie schwarze Samthandschuhe, und der Staub des Marktplatzes hinterließ keinerlei Spur auf ihnen."
Es ist, als seien die Menschen dort Teil dieser Natur. "Unter der Hülle des Kobolds", heißt es zum Beispiel über einen von ihnen, "strömt die dunkle Essenz des Nomaden. Verdünnt vom Alkohol, vom Blut der hier ansässigen Generationen und der Hoffnungslosigkeit des geschlossenen Horizonts, wo die Sonne hinter dem mit Windeln und und Weiberstoffen behängten Zaun aufgeht." Die einzige Hoffnung aber, die Andrzej Stasiuks in diesen engen Verhältnissen gefangenen Figuren offenstünde, die Teilhabe an den Chancen, Träumen, Karrieren und Bildungserlebnissen der neuen Zeit, wird vom Geist dieser Erzählungen nicht gebilligt. Der Kioskbesitzer Wladek zum Beispiel verabschiedet sich aus der Enge jener galizischen Welt und wendet sich den Versprechungen des Kapitalismus zu. Damit wird er zu einer komischen und fast zu einer verächtlichen Figur: "Vierzig Jahre Winterschlaf im Zustand der Armut, um sich innerhalb von zwei Jahren in den Boten und Künder einer neuen Religion zu verpuppen, die Widersprüche aufhebt, Streit abschafft und Wünsche konkretisiert." "Hier herrschen eindeutige Farben. Für Phantasie ist kein Platz. Weder die Zeit noch das veränderliche Licht, noch die Launen der Natur können dem etwas anhaben. Nicht ausgeschlossen, daß das neue Jerusalem schon auf dem Weg ist."
Das aber, und dies ist die unterschwellige, aber nicht zu überhörende politische Botschaft dieser "Galizischen Geschichten", darf nicht sein. Dieses Galizien darf vom Westen nicht erfaßt werden. Der große Glanz von innen, den diese Armut ausstrahlt, darf im Licht der Modernisierung nicht vergehen. Die da unten im Vorgebirge müssen weiter trinken, schwer arbeiten, schlecht bezahlt werden, scheitern und uns rühren. "Aus den Taschen gucken mit Tee gefüllte Coca-Cola-Flaschen. Beladen mit Benzinkannen, bepackt mit all den Sachen, die man zur Arbeit und zum Überleben braucht, wie Konserven und Brot, kriechen sie dahin wie antarktische Ameisen. Immer werden sie den Berg hinauf- oder ins Tal irgendeines vergänglichen Königreichs hinabsteigen auf der Suche nach Holz, Erz, Stein, nach all diesen elementaren, schweren, formlosen Dingen, die ihnen selbst ähneln. Nachfahren des zweiten Sohn, Noahs, die sich ihrer Herkunft nicht bewußt sind, verwickelt nur in die Erinnerungen des Vaters und Großvaters - was die Augen nicht sehen, kann das Gedächtnis nicht behalten."
Andrzej Stasiuk: "Galizische Geschichten". Aus dem Polnischen übersetzt von Renate Schmidgall. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 131 S., geb., 19,90 [Euro].