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Rezension: Belletristik : Die Schaben der Aktionäre

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Giorgio de Chirico ist der Maler, der mit solchen Einstellungen immer wieder zitiert wird, an einer Stelle wird das berühmte Bild "Geheimnis und Melancholie einer Straße" exakt nachgezeichnet. Pittura metafisica - das wollen auch die überwiegend auf optische Eindrücke fixierten Beschreibungen Cartarescus sein, und wie bei de Chirico wirkt die im einzelnen scharf konturierte Darstellung im ganzen surreal und kulissenhaft. Vom "Einströmen des Traumes in das wirkliche Leben" hat Gérard de Nerval gesprochen; auch der düstere Romantiker gehört zu den sensiblen Heroen Cartarescus. Diese Traumsucht, die Sucht nach Ästhetisierung und die Fluchten zu "alten Erinnerungen" setzen die Farb- und Trostlosigkeit des Gegenwärtigen voraus. Aber nicht nur an die Ceausescu-Diktatur, unter der das erstmals 1989 in von der Zensur gekürzter Fassung erschienene Buch noch entstand, ist zu denken, sondern auch an das pessimistische Lebensgefühl, das der Exilrumäne Cioran beschrieben hat. Ihn zitierend, sagt eine von Cartarescus Figuren: "Lebte ich doch, blasiert und unbeweibt, einzig und allein deshalb, weil ich nun mal geboren war." Nostalgie, das ist ein "banges Herzstocken angesichts des Ruins aller Dinge".

Um eine Liebesgeschichte mit bösem Ausgang geht es in "Die Zwillinge". Im Mittelpunkt steht ein junger Büchernarr und Mädchenfeind, der entschlossen alles ignoriert, "was den Jugendlichen meines Alters lieb und teuer war. Ich kam dem Wahnsinn so nahe, daß ich auch heute noch seinen eisigen Atem um meinen Schädel spüre." Er führt ein hochgestochenes Tagebuch und fühlt sich zum Übermenschentum berufen, indes seine Mitschüler, normale Siebziger-Jahre-Jugend, auf dem Schulhof Platten von Santana und den "Rollings" tauschen - Bukarester Pausen scheinen sich wenig von denen in London oder Kassel unterschieden zu haben.

Doch dann hebt Gina - ein fatales Mädel, versnobt und raffiniert - den gesamten "inneren Aufbau" des jungen Mannes "aus den Angeln". Wie die blühenden Mädchen Prousts beherrscht sie das entnervende Wechselspiel von Annäherung und Abweisung und treibt ihren Verehrer immer tiefer in die Qualen der Eifersucht. Der ratlos Verliebte wünscht sich, "in ihr Hirn eindringen zu können, in ihre Nerven, ihre Adern, um endlich zu begreifen, wer sie war". Der Wunsch geht in Erfüllung. Nach einer einzigen Liebesnacht im Naturkundemuseum - es ist merkwürdigerweise durch einen schmuddeligen Geheimgang mit Ginas Zimmer verbunden - finden sich die beiden, nun vollends verstört, in vertauschten Körpern wieder. Das Museum und sein plötzlich zu panischem Leben erwachendes Getier werden zum Gegenstand einer wortmächtigen Beschreibungskaskade, diesmal mit Seitenblicken auf Thomas Mann.

Das Phantastische dominiert die beiden übrigen Stücke. "Der Architekt" ist eine Groteske, die so harmlos wie nur möglich beginnt, um sich dann kurios ins Monströse auszuwachsen. Problematischer ist die Überfülle des schön und schaurig Geträumten, des Märchenhaften und Visionären in der Erzählung "REM", in der die Ferienzeit bei einer Tante am Stadtrand für ein kleines Mädchen zum Ausflug in eine bizarre Wunder-Welt gerät. Hier besteht die Gefahr, daß die Erzählung, mit einer Formulierung des Autors, zum "großen Kunstgewerbeladen" für Surreales wird.

"REM" ist zugleich eine Variation auf Borges' berühmte Erzählung vom "Aleph", jenem geheimnisvollen Punkt auf der Kellertreppe eines dilettantischen Poeten, der das simultane Erleben aller Vorgänge des Universums ermöglicht. Das wirkt in der Wiederkehr bei Cartarescu - ebenso wie einige weitere Borges-Anleihen, etwa die Spiegelangst - bisweilen mühsam und unfrisch. Bestes Borges-Erbe sind allerdings die Eleganz und die Genauigkeit des Stils. Gerade die phantastische Literatur bedarf, nur scheinbar paradox, der "realistischen" Exaktheit, um nicht in mysteriöse Fabelei abzusinken - die Meisterwerke dieser Disziplin, von Hoffmann und Gogol bis zu Kubin und Kafka, machen es deutlich.

Sicherlich lassen sich in dem von Gerhardt Czejka vorzüglich übersetzten Buch auch Schwachstellen ausmachen. Gelegentlich wird es des "Purpurnen" und der Melancholie zuviel, Preziositäten wie der "schwarze Tau der Nostalgie" müßten bei allem neuen Fin-de-siècle-Romantizismus nicht sein. Doch ist dies das außerordentliche Debüt eines virtuosen Erzählers, der den Leser in den Bann zu ziehen vermag. Mittlerweile hat Mircea Cartarescu seinen ersten Roman geschrieben. WOLFGANG SCHNEIDER

Mircea Cartarescu: "Nostalgia". Erzählungen. Aus dem Rumänischen übersetzt von Gerhardt Czejka. Verlag Volk & Welt, Berlin 1997. 444 S., geb., 45,- DM.

Nostalgia

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.1998, Nr. 69 / Seite 42

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