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Rezension: Belletristik : Die Rakete des Renegaten

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Leon de Winter in Sokolows Universum

          Ingenieur Alexander Sokolow, ein russischer Fachmann für "Metallmüdigkeit in Vakuumräumen", hält die Natur für ein Chaos, das es mit Regeln zu bezwingen gilt. Deshalb wurde er Wissenschaftler, entwickelte ein neues Antriebssystem und erdachte eine neue Metallhaut für die sowjetische Rakete "Oktjabr". Da diese aber anderthalb Minuten nach dem Start explodierte, wurde Sokolow ins sibirische Tomsk versetzt. Dort trat der Wodka an die Stelle der Zahlenkolonnen und Laborexperimente. Fünf Jahre später greift der Emigrant und Alkoholiker Sokolow in Tel Aviv zur schallgedämpften Pistole.

          Der Schusswechsel mit dem georgischen Kleinganoven ist das vorletzte Glied einer Kette aus Scham und Ekstase. Schon der fünfzehnjährige Alexander litt an der Verwandtschaft dieser beiden Erfahrungen. Der Schüler ließ sich von seinem Freund Lew überreden, den Schlüssel des Physiklehrers in einen Wachsblock zu drücken, damit ein Duplikat angefertigt werden konnte. Alexander Sokolows Betrug geschah "außerhalb der Grenzen seines normalen Ichs", führte zu Stolz und zu Schuldgefühlen. Achtundzwanzig Jahre später ist es erneut Lew Lesjawa, der seinen Schulkameraden um einen riskanten Gefallen bittet.

          Gerade ist der Weg vom Schuljungenstreich zum Mord aus Freundschaft in Leon de Winters 1992 verfasstem Roman, der nun auf Deutsch vorliegt. Alle Qualen scheinen in der Kindheit beschlossen. Der auflagenstarke Geschichtsfatalismus des niederländischen Autors bietet wie schon in "Zionoco", in "Hoffmanns Hunger" und in "SuperTex" einen unzufriedenen Akademiker mittleren Alters und jüdischen Glaubens auf, der vergeblich gegen seine Herkunft rebelliert.

          Brachten in den vorherigen Romanen der Ehebruch eines Rabbiners, die Gefräßigkeit eines Botschafters und schließlich die psychotherapeutische Behandlung eines Industriellen die innere Wahrheit über die Hauptfiguren ans Licht, so bedarf es in "Sokolows Universum" der Gewalttat, um das verschüttete Judentum freizulegen. Der Held, Abkömmling eines "Geschlechts von Rabbinern und Talmudgelehrten", hat durch seine bisher religionsferne Existenzform die Lebenslüge des Vaters fortgesetzt. Dieser war von Isaak Berenstein zu Iwan Sokolow, vom Rabbiner zum staatstreuen Marxisten mutiert. Sohn Alexander muss ein Verbrecher werden, ehe er sich zum Gott des Alten Bundes bekennen und "um Vergebung bitten" kann. Blut, "für fromme Juden tabu", macht aus dem russischen Einwanderer einen Gläubigen.

          Jetzt erst spricht der ehemalige Sowjetbürger vom "Urprinzip", dem er sich zu fügen habe. Nicht länger ist von einem würfelnden, "seltsamen Wesen" namens Gott die Rede oder von der "genialsten Abstraktion, die die Menschheit je erdacht hatte". Die Heimkehr ins Gelobte Land hat zwar zunächst den sozialen Abstieg vom Raumfahrtexperten zum Straßenkehrer bedeutet. Am Tiefpunkt der Demütigung jedoch, nach Kündigung und Delirium, führt ihn die Hand Lew Lesjawas erst in den Luxus und dann ins Verbrechen, das die Bekehrung vollendet. Während der Wodka als "Gedächtniskiller" ebenso versagte wie zuvor die Wissenschaft als Bändigerin der Schöpfung, gelingt der kriminellen Tat, wonach auch die ausführlich referierten jüdischen Mystiker strebten: Statt der Zeit regiert "die Ewigkeit des Nichts"; statt des Chaos der nur durch ein "Korsett aus Vorschriften" zu disziplinierenden Person herrscht die natürliche Ordnung der erhabenen Handlung.

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