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Sachbücher des Jahres

Rezension: Belletristik Die Matratze vor der Bundeslade

Endlich auf Deutsch: Béla Zsolts Bericht "Neun Koffer"

Auch in Ungarn wollte es nachher niemand gewesen sein. Über vierzig Jahre lang bestätigten einander die Kommunisten und die patriotischen Historiker, dass der Faschismus in ihrem Land eine Domäne der Feudalaristokratie war. Das Volk hingegen, ob Bauernschaft oder Arbeiterklasse, das "wahre Ungarn" habe unterdessen im Widerstand gekämpft und gelitten. Mit dieser schon vom stalinistischen Diktator Matyas Rakosi verordneten Lüge wurde nach 1945 das Bündnis der Kommunisten mit der antisemitischen Bauernpartei, die Einheit von neuer Staatsmacht und alten gesellschaftlichen Kräften besiegelt. So wurde aus Ungarn ein wundersames Land, in dem der Faschismus fast ohne Faschisten geherrscht hatte. Und in dem als Opfer nicht etwa die Zehntausenden ermordeter Juden, sondern die Klassen der Arbeiter und Bauern galten, von denen sich Zehntausende an Plünderung, Vertreibung, Mord beteiligt hatten.

Béla Zsolt, ein Gezeichneter, der durch Gefängnis und Getto gegangen war, wollte 1945 gerade diese staatstragende Lüge, deren Folgen Ungarn noch heute beschäftigen, kenntlich machen. Zu diesem Zweck gründete er die Zeitschrift "Haladas" (Fortschritt), schrieb Artikelserien - und vor allem den grandiosen, erschütternden, so lange totgeschwiegenen Bericht, der jetzt endlich auch auf Deutsch zu lesen ist: "Neun Koffer". In der Zwischenkriegszeit einer der bekanntesten ungarischen Publizisten, hatte sich Zsolt viele Feinde geschaffen. Ihnen war er als Asphaltliterat verhasst, dessen Produktivität und Sprachgewalt beängstigend waren und dessen schneidender Witz eine Gesellschaft bloßstellte, die sich mit Mythen aus Blut und Erz wappnete.

Als Ungarn an die Seite des Nationalsozialismus trat, bot sich für manchen die Gelegenheit, Rache an dem unbotmäßigen, dem gefürchteten Publizisten zu nehmen. Zsolt zeigt in "Neun Koffer", dass die faschistische Verfolgung keineswegs als selbsttätige Maschine funktionierte, sondern von Individuen, von zahllosen Ungarn betrieben wurde, die gerne auch eine Extraschicht im Foltern einlegten. Etliche seiner Folterer hat er gekannt, andere haben diesen berühmten Publizisten schon lange aus der Ferne gehasst und sich gesehnt, ihn einmal in ihre Gewalt zu bekommen. Der Faschismus, wie er ihn erlitt, war auch ein Exzess an privat motivierter Gewalt, eine Gelegenheit für Biedermänner, sich einmal mit gutem Gewissen dem Blutrausch hingeben zu können.

Zsolt musste durch alle Stationen der Verfolgung gehen: 1941 wird er zur Zwangsarbeit in die Ukraine verschickt, später von dort ins berüchtigte Gefängnis am Margaretenring in Budapest verlegt. Als er freikommt, geht er ins ostungarische Großwardein, um sich im Haus der Schwiegereltern von der Entkräftung zu erholen. Doch drei Tage nach seiner Ankunft wird die Stadt von deutschen Truppen besetzt, die die 20 000 Juden ins Getto pferchen. Die abenteuerliche Aktion des Journalisten Reszö Kasztner, der der SS gezählte 1648 Juden abkaufte, bringt Zsolt und seine Frau Ende 1944 in die Schweiz.

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Veröffentlicht: 11.02.2000, 12:00 Uhr