http://www.faz.net/-gr3-2ir8

Rezension: Belletristik : Die Leere im Auge der Kamera

  • Aktualisiert am

Patrick Modianos neuer Roman Von Sabine Doering

          Wer einige Bücher des französischen Schriftstellers Patrick Modiano gelesen hat, erkennt bald den Dreisatz, nach dem er seine Romane zu arrangieren pflegt: Ein gereifter Erzähler blickt aus der Gegenwart auf seine Jugend zurück; dahinter aber scheint die Fata Morgana einer noch ferneren Vergangenheit auf, von der in geheimnisvollen Andeutungen die Rede ist.

          Der schmale Roman "Ein so junger Hund", dessen französisches Original im Jahre 1993 erschien, ist schon der sechzehnte des 1945 geborenen Verfassers. Auch er hält sich an das bewährte Muster. Doch gelingt es Modiano einmal mehr, den Leser in poetisch knapper Sprache für die Unerfahrenheit seiner jungen Helden zu interessieren. Im Grunde schreibt er seit langem an den Kapiteln eines einzigen Buches. Das hat ihm in Frankreich einigen Ruhm verschafft. Hierzulande wird er erst allmählich entdeckt.

          Diesmal führt Modiano den Leser aus der Gegenwart ins Paris des Jahres 1964. In einem Café lassen sich ein junger Mann und seine Freundin von einem Fotografen ansprechen, der Modelle für seine Reportage über die "Jugend von Paris" sucht. Aus den rasch absolvierten Aufnahmen, einer Auftragsarbeit für eine amerikanische Illustrierte, entsteht eine Verbindung, die den Erzähler noch dreißig Jahre später beschäftigt. Denn obwohl er damals "ein so junger Hund" war und unbekümmert in den Tag hineinlebte, fand er durch die Gespräche mit dem Älteren zur Kunst und entdeckte das Schreiben als die ihm gemäße Ausdrucksform. Eine Erweckungsgeschichte, in der Modiano im Rückblick seinen eigenen Weg in die Literatur neu erfindet?

          Wer diese Aufzeichnungen als autobiographisches Dokument lesen will, wird in der Tat manche Parallelen zwischen dem Autor und seiner Figur entdecken - das gleiche Alter, vor allem aber die gemeinsame Faszination durch die Großstadt Paris, deren Boulevards, Plätze und Gassen Modiano in so vielen seiner Bücher mit liebevoller Aufmerksamkeit beschreibt. Doch verdeckt solche Spurensuche das poetische Spiel, das der Autor mit seinen Lesern treibt. Über die Herkunft und den Hintergrund des jungen Mannes erfahren wir nur wenig, den erfundenen Fotografen Francis Jansen stattet Modiano hingegen mit einer so detaillierten Biographie aus, daß man versucht ist, in einer Geschichte der Fotografie nach seinem Namen zu suchen. Sein Platz wäre dort neben dem berühmten Robert Capa, dem Chronisten des spanischen Bürgerkriegs, mit dem ihn, glaubt man dem Erzähler, eine lange Freundschaft verbunden haben soll. In virtuoser Vermischung von Fiktion und Realität nennt Modiano Adressen und Telefonnummern von Personen, die niemals gelebt haben, und beschreibt Fotos, die vermutlich niemals aufgenommen wurden. Dieser Detailrealismus, der an die literarischen Pseudo-Biographien Wolfgang Hildesheimers erinnert, demonstriert die Fragwürdigkeit aller vermeintlich dokumentarischen Aufzeichnungen. Immer enger verknüpft der Roman seine kleine Geschichte einer Nachkriegsjugend mit Reflexionen über das Vermögen der Kunst.

          Durch Jansens Bilder, die er zu katalogisieren begonnen hat, wird dem jungen Erzähler erstmals die Flüchtigkeit des Augenblicks bewußt. Doch glaubt er diesem Phänomen mit seinem Archiv begegnen zu können und verfolgt eifrig die Spuren, die in Jansens Vergangenheit führen - die dritte Zeitstufe kommt ins Spiel. Von politischen Verstrickungen ist, wie so oft bei Modiano, nur andeutungsweise die Rede: von der deutschen Besatzung, von Internierungslagern und den Sorgen der Emigration. In feinen Nuancen schildert der Roman die Irritation des jungen Mannes, der sich bislang ausschließlich für das Gegenwärtige interessiert hat, nun aber aus bruchstückhaften Dokumenten weit zurückliegende Ereignissen zu rekonstruieren versucht.

          Den Fotografen freilich kann der jugendliche Sammeleifer nicht mehr erreichen; eines Tages ist er spurlos aus Paris verschwunden. Sein junger Bewunderer braucht drei Jahrzehnte, um diesen planvollen Schritt in die Unsichtbarkeit zu verstehen, um zu begreifen, daß Jansen, der seine Kamera so meisterhaft beherrschte, seinem Medium nicht mehr vertraute, weil er den Glauben an die Überwindung der Vergänglichkeit verloren hatte. Die Flüchtigkeit und Zufälligkeit menschlicher Begegnungen sind seit langem ein zentrales Thema für Patrick Modiano. In diesem Roman hat er zu einer fragilen Darstellung gefunden, die kleine Momentaufnahmen wie in einem Fotoalbum aneinanderreiht und auf die ordnende Hand eines souverän über den Dingen stehenden Chronisten verzichtet. Diese Zurückhaltung zeugt von Übung und Erfahrung. Ein "junger Hund" ist Patrick Modiano längst nicht mehr.

          Patrick Modiano: "Ein so junger Hund". Roman. Aus dem Französischen von Jörg Aufenanger. Kowalke & Co Verlag, Berlin 2000. 115 S., geb., 36,- DM.

          Ein so junger Hund

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.02.2001, Nr. 41 / Seite V

          Weitere Themen

          Trump und Bannon werfen sich in „Schlacht von Alabama“ Video-Seite öffnen

          Wahl um Senatssitz : Trump und Bannon werfen sich in „Schlacht von Alabama“

          Es ist eine Richtungsentscheidung: Im erzkonservativen Südstaat Alabama liefern sich der Demokrat Doug Jones und der Republikaner Roy Moore eine Schlammschlacht um einen frei werdenden Senatssitz. Präsident Trump unterstützt Moore, obwohl der frühere Richter minderjährige junge Frauen vor Jahrzehnten sexuell belästigt haben soll. Seine Anhänger ficht das nicht an.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Anti-Brexit-Demonstranten erheben schwere Vorwürfe gegen die britische Regierung.

          Gegen Mays Willen : Britisches Parlament erzwingt Brexit-Veto-Recht

          Das britische Parlament hat sich gegen den Willen der Regierung von Premierministerin Theresa May ein Veto-Recht über das Brexit-Abkommen gesichert. Der Druck auf May steigt. Stehen ihr weitere Niederlagen im Parlament bevor?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.