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Rezension: Belletristik Die Guten aufs Töpfchen

09.10.2001 ·  Neugierig und voller Schaulust kann man um Ulla Hahns Roman "Das verborgene Wort" herumgehen, wie um eine große Skulptur, deren Charakter und Schönheit changiert, je nachdem von welcher Seite man sie betrachtet. Versprochen wird uns die Geschichte von der kleinen Hildegard Palm, die als Kind einer Hilfsarbeiterfamilie ...

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Neugierig und voller Schaulust kann man um Ulla Hahns Roman "Das verborgene Wort" herumgehen, wie um eine große Skulptur, deren Charakter und Schönheit changiert, je nachdem von welcher Seite man sie betrachtet. Versprochen wird uns die Geschichte von der kleinen Hildegard Palm, die als Kind einer Hilfsarbeiterfamilie irgendwo zwischen Düsseldorf und Köln in stockkatholischer Gegend zur Welt kommt und sich allen Hindernissen zum Trotz auf den langen Weg zu den Büchern, zum Erkennen und Wissen begibt - die Geschichte einer Jugend also und sicherlich ein Stück Autobiographie der 1946 im Sauerland geborenen Autorin.

Frontal betrachtet ist dieses dicke Buch ein Stück deutscher Heimatgeschichte, nicht unähnlich jener Filmsaga aus dem Hunsrück, mit der Edgar Reitz vor Jahren das Fernsehpublikum weit über die deutschen Grenzen hinaus in seinen Bann zog. Reich an Personen, an Großeltern, Eltern, Kindern, Tanten, Onkeln, Geschwistern, an Kranken und Gesunden, an Priestern, Lehrern, Flüchtlingen, Fremdarbeitern, Fließbandarbeiterinnen, Sekretärinnen und ihren Chefs ist Ulla Hahns kleine Welt, die sich in großem Detail, lebhaft und leibhaftig, entfaltet. Kirmes, Hochzeit, Beerdigung sind Höhepunkte im Alltag, der von den Riten der Kirche durchdrungen ist. Katholische Wundergläubigkeit beschränkt die Köpfe, die Lehre vom erbsündigen Menschen macht selbst das Töpfchensitzen des Kindes zu einem Gott wohlgefälligen Akt, und der geile Kaplan gehört als Phänotyp wie selbstverständlich dazu.

Hie und da dringt ein Hauch Nachkriegszeit in Ulla Hahns epische Heimat, obwohl die große Politik und das goldglänzende Wirtschaftswunder nur ganz selten hindurchscheinen. Aber immerhin vollzieht sich die Entwicklung dieses kleinen Mädchens vor dem Hintergrund des wieder zu Selbstbewußtsein drängenden westdeutschen Staates. Fokus bleibt zwar stets das Leben dieser Hildegard - später "Hilla" - Palm, aber ihr Leben nimmt dennoch so etwas wie symbolische Züge für den deutschen Drang zu einem neuen Selbstwertgefühl an, nur daß es sich in ihr als Sehnsucht nach einer Neugründung im Kulturell-Geistigen, nicht im Materiellen äußert. Darin liegt wohl das Bedeutendste und Attraktivste dieses Romans.

Für Hilla Palm ist es ein Weg aus einer nahezu analphabetischen Sphäre zu den Buchstaben und in die Literatur. Wie das im einzelnen inszeniert wird, wie das kleine Kind aus Steinen Geschichten herausliest, nach dem Verhältnis von Worten und Dingen sucht und in Märchen die Magie der Sprache entdeckt oder aber als intelligente Schülerin leiden muß, das ist mit so viel Feingefühl und Beobachtungsreichtum dargestellt, daß allein dies schon reichen Lohn für die Ausdauer bei der Lektüre des Buches darstellt. "Zauberworte mußte man wissen, damit Felsen sich öffneten, Steine zu Menschen wurden . . ." Es ist nicht schwer, daraus ein Stück Initiation der Lyrikerin Ulla Hahn herauszulesen, der dann die Einweihung der Schriftstellerin und Germanistin in die Literaturgeschichte folgt. Denn Hilla Palm erschließt sich lesend die Werke von Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Keller, Heine, Rilke und der Droste: "Bücher starben nicht", waren resistent gegen die Vergänglichkeit, deren unerklärliche und erbarmungslose Macht dem Kind nach und nach bewußt wird. Ein Bildungsroman also?

Das wohl nicht, sondern allenfalls ein Entwicklungs- oder, besser noch, ein Auswicklungsroman, denn nicht so sehr in der Wechselwirkung von Welt und Ich vollzieht sich der Werdegang dieses jungen Mädchens, sondern eher als Durchsetzung von etwas in ihr Angelegtem. So zumindest gibt es uns die erwachsene Erzählerin zu verstehen, deren Perspektive im zurückhaltenden, oft nur implizierten Deuten des einen oder anderen Geschehens spürbar wird, obwohl ein Kind spricht, dem vieles noch unverständlich bleiben muß. Geht man also neugierig ein wenig weiter um Ulla Hahns Buch herum und betrachtet seine epische Fülle von der Seite, dann erscheint das alles doch ein wenig flach. So stark die episodische Buntheit rheinischen Lebens wirkt - in seiner Summe bleibt es die Enge eines Heimatromans, die dieses Buch prägt, fernab von den Lehrjahren eines Wilhelm Meister, die uns in ein ganzes Zeitalter voller großer geschichtlicher Bewegung hineinblicken lassen, und fernab auch von den intellektuellen Höhen eines Zauberbergs.

Nicht daß diesem Buch Intellektuelles fehlte. Gerade die Begegnungen der jungen Hilla mit der Literatur sind immer wieder Anlaß zu guten, richtigen, nützlichen Gedanken. Aber da ebendieses Gute, Richtige, Nützliche Absicht und Ziel solcher Begegnungen ist, bleiben auch sie etwas flach im Ganzen des Romans. Wie nach einem diskret verborgenen Lehrplan, dem man Tendenzen und Mühen anmerkt, wird dieses Begegnen veranstaltet, bei dem allein schon die Vielfalt der Werke ihrer Wirkung in die Quere kommt, und von der existentiellen Wucht, mit dem Shakespeares Hamlet den jungen Wilhelm Meister trifft, ist hier gewiß nichts zu spüren.

Ähnlich absichtsvoll sind im Grunde auch die Fäden der Zeitgeschichte und der unmittelbaren deutschen Vergangenheit hineingewebt. Nicht daß Ulla Hahn aufdringlich und grob auf das politisch Korrekte aus wäre. Dazu ist sie eine viel zu sensitive Künstlerin. Aber man kann sich dennoch nicht des Eindrucks erwehren, daß Lessings Nathan, daß Abel, der Junge mit der Schiebermütze, ein Zigeuner oder der Lehrer Rosenbaum da sind, weil sie einfach da sein müssen, also in das Leben der jungen Heldin notwendig gehören, sondern weil sie von der Autorin um des Guten, Richtigen, Nützlichen willen erst ihr Existenzrecht erhalten haben.

Ulla Hahns Roman ist ein Buch aus der rheinischen Tiefebene, durchsetzt von deren Dialekt, der zusammengerechnet wohl kaum weniger als ein Fünftel des fast sechshundertseitigen Buches ausmacht. Ein Glossar am Ende verzeichnet einiges aus dem Plattdeutsch dieser Landschaft. Darin wird das Wort "Müppe" als "Asoziale" definiert, im Buche selbst hingegen genereller als jemand, der im Dorf nicht dazugehörte: "Es gab eingeborene, dreckige Müppen, evangelische Müppen und die Flüchtlingsmüppen aus der kalten Heimat." Der Rezensent muß gestehen, daß er, hätte es ihn in Ulla Hahns fiktives Dondorf verschlagen, ganz sicher unter die Kategorie der Müppen gerechnet worden wäre. Das bedeutet allerdings auch, daß zu ihm und seinesgleichen dieses Buch nicht im gleichen Maße reden kann wie zu denjenigen, die seine Sprache sprechen.

Das ist das Handicap aller Heimatliteratur und Dialektdichtung. Auch Fritz Reuter oder Ludwig Thoma, das Ohnsorg-Theater oder der Komödienstadl sind nicht jedermanns Sache. Und Gerhart Hauptmann? Gerade im Vergleich mit ihm werden die Grenzen von Ulla Hahns Buch noch einmal erkennbar. Hauptmanns "Dialekt" ist in Wirklichkeit Soziolekt; keine seiner Gestalten spricht die gleiche Sprache, immer enthüllt sich in den mit großer Genauigkeit differenzierenden dialektischen oder umgangssprachlichen Eigenheiten seiner Weber, Fabrikarbeiter oder Beamten ihre Persönlichkeit in ihrer Herkunft und ihrem sozialen Umfeld. Hier aber herrscht linguistisches Kolorit, und die Fußnoten oder Glossare vermögen dazu nicht mehr zu tun, als Wortbedeutung zu dolmetschen.

Und dennoch: Mit diesem Roman hat sich die Lyrikerin Ulla Hahn als Epikerin etabliert. Fern von Thesenhaftigkeit wie von verkrampfter Originalitätssucht hat sie kräftig zupackend und zugleich feinnervig eine deutsche Geschichte erzählt und damit Selbsterfahrenem Sinn zu geben versucht: "Im Lichte des hellen Geistes verstand ich alles. Die Schönheit war der Schlüssel, die Schönheit der Ordnung, des Sinns. Bestimmung der Buchstaben war es, Wort zu werden, Zweck des Wortes war der Sinn, wer im Wort war, war im Sinn."

Es ist müßig zu fragen, inwieweit die Lebensgeschichte der Hilla Palm derjenigen der Ulla Hahn entspricht. Die Freiheit gegenüber den Gestalten und dem Geschehen des Buches darf sich die Autorin vorbehalten, wenn sie nicht Anspruch auf eine Autobiographie erhebt. Aber gelegentlich darf sie wohl auch bedeutsames Spiel mit den Gestalten treiben. Hilde Palm ist der bürgerliche Name der Lyrikerin Hilde Domin, die sich ihren Künstlernamen aus Dankbarkeit für die Dominikanische Republik gab, weil dieses Land der aus Deutschland Vertriebenen einst Asyl gewährte. 1992 erhielt Hilde Domin den Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg; Ulla Hahn hielt ihr damals die Laudatio. Falls hier eine stille Dedikation vermutet werden dürfte, wäre das nicht das Unbedeutendste, was es in diesem Buch zu entdecken gäbe.

Ulla Hahn: "Das verborgene Wort". Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, München 2001. 595 S., geb., 49,80 DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001, Nr. 234 / Seite L10
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