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Rezension: Belletristik : Die große Verfinsterung des Lebens und der Bücher

  • Aktualisiert am

Ein Buch, das dreiundvierzig Jahre lang nicht aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt wurde, das kein Buchmessenschwerpunkt aus der Versenkung hervorholen konnte, keine noch so große Renaissance der niederländischen Literatur in Deutschland und das jetzt also in diesem Herbst erscheint, was kann man von einem solchen Buch erwarten? Eigentlich nicht viel.

          Ein Buch, das dreiundvierzig Jahre lang nicht aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt wurde, das kein Buchmessenschwerpunkt aus der Versenkung hervorholen konnte, keine noch so große Renaissance der niederländischen Literatur in Deutschland und das jetzt also in diesem Herbst erscheint, was kann man von einem solchen Buch erwarten? Eigentlich nicht viel. Denn so verschlafen ist die deutsche Verlagslandschaft doch nicht, daß sie sich über vierzig Jahre lang ein Meisterwerk aus dem Nachbarland entgehen ließe. Und doch ist genau das geschehen: "Die Dunkelkammer des Damokles" ist ein meisterhafter Roman des 1995 verstorbenen Willem Frederik Hermans, und er ist jetzt erstmals auf deutsch zu lesen.

          Aber die deutsche Verlagswelt ist gar nicht schuld daran, daß uns dieser Roman so lange vorenthalten wurde, Hermans selbst hat es seinen ausländischen Verlegern alles andere als leichtgemacht. Als Anfang der sechziger Jahre eine erste komplette Übersetzung des 1958 erschienenen Romans vorlag, verwarf Hermans, nach kurzer Prüfung, nicht nur diese eine, sondern er war so empört über das schlechte Übersetzerhandwerk, daß er einen Bannfluch verhängte: Von diesem Roman soll nie eine deutsche Übersetzung erscheinen. Jetzt ist eine solche endlich, wenn auch unter strengen Auflagen der Erben, auf den Markt gekommen.

          Holland 1940. Henri Osewoudt ist Tabakwarenhändler in einem kleinen niederländischen Dorf. Er ist Tabakwarenhändler, weil sein Vater, den seine Mutter in einem Anfall geistiger Umnachtung ermordet hat, auch schon Tabakwarenhändler war. Mit achtzehn Jahren hat er seine außerordentlich häßliche Cousine Ria geheiratet, oder besser: Sie heiratete ihn. Denn Henri Osewoudt ist ein Mann ohne eigenen Willen, ein Mann ganz ohne Eigenschaften, ohne Antrieb, ohne Bartwuchs, mit einer Mädchenstimme, weißblonden Haaren, einem Kindergesicht, ein Mann, der vom Leben nichts erwartet. "Osewoudt wurde nun neunzehn und hatte das Gefühl, alles, was getan werden mußte, sei bereits getan." Und auch der Krieg scheint ihn zu verschonen. Fürs Militär ist er genau einen halben Zentimeter zu klein. Ihm ist es recht. Sein Heimatland sollen andere verteidigen. Kein Grund, sich bloß wegen eines Krieges aus der Lebensruhe bringen zu lassen. Osewoudt ist ein gleichgültiger Schatten, ein Nichts, ein Niemand mitten in einem inzwischen besetzten Land.

          Bis Dorbeck erscheint. Leutnant Dorbeck gleicht dem Tabakhändler Osewoudt wie ein Foto-Negativ seinem Positiv, denn Dorbeck ist schwarzhaarig, bärtig, männlich, stark. Ein Kämpfer in Zeiten des geschlagenen Widerstandes: "Auch wenn die ganzen Niederlande kapituliert haben - ich kapituliere erst dann, wenn es mir paßt." Er ist, trotz gleicher Körpergröße wie Osewoudt, bei der Armee, weiß, was er will, taucht kurz auf, zunächst nur, um einen Film entwickeln zu lassen. Doch schon nach kurzer Zeit hinterläßt er Mordaufträge im Dienste des Widerstandes. Und Osewoudt mordet. Kaltblütig, zielstrebig, schnell.

          Die unwiderstehliche Rasanz, der Schrecken und die Kraft, die der Roman von diesem Augenblick an entfaltet, hat ihre Ursache einerseits in der außerordentlich klaren, präzisen, lakonischen Sprache und andererseits in der Perspektive des Erzählers, der dem verwandelten Helden immer dicht auf den Fersen bleibt und ihn in seiner ganzen Unauffälligkeit und Kleinheit auf dem Weg zu seinen Morden begleitet. So schlendert Osewoudt mit dem Leser durch den Wald, seinen Auftrag scheinbar schon vergessend, bis er plötzlich mordet, wie aus dem Nichts: "Er hielt ihren Hinterkopf an den Haaren fest und brach ihr an der Spülsteinkante das Genick." Das ist schon alles. Dann geht er mit dem kleinen Sohn jener ermordeten Nazi-Kollaborateurin durch den Wald und pfeift: "Mit dir war es immer so schön". Es gibt keinen Moment des Mitleidens bei Willem Frederik Hermans. Was geschieht, muß geschehen. Genau so. Das Leben als einzige Konsequenz eines winzigen Moments, in dem Henri Osewoudt seinen wahren Lebensmöglichkeiten ins Auge blickte, Konsequenz jenes Moments, in dem er Leutnant Dorbeck traf.

          Jetzt muß er ein neuer Mensch werden: "Ich habe nie gewußt, daß ich das mißlungene Exemplar bin, bis ich Dorbeck begegnet bin. Von da an wußte ich, daß er das gelungene Exemplar ist, daß ich im Vergleich mit diesem Mann keine Existenzberechtigung hatte, daß ich mich nur zu einem annehmbaren Mann entwickeln konnte, indem ich genau das tat, was er wollte." Von einem widerstandslosen Individuum wird er, als Marionette Dorbecks, zum Helden des Widerstandes. Was beim Wiedererzählen wie ein schlechter Witz klingt, wird von Hermans auf glaubwürdigste Weise geschildert.

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