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Rezension: Belletristik : Die Flucht des Wellensittichs vor dem Umsturz

  • Aktualisiert am

Nichtzutreffendes bitte streichen: Michal Viewegh zitiert, bis Kunst kommt / Von Eva Menasse

          Die Geschichte, wie sich ein ehrbarer Familienvater in ein verwöhntes blutjunges Mädchen verliebt, kann man auf hundert Weisen erzählen, und doch würde jede so klingen, als wäre sie schon einmal dagewesen. Das wußte Michal Viewegh, als er "Erziehung von Mädchen in Böhmen" schrieb, und deshalb hat er für die Geschichte gleich eine Handvoll verschiedener Arten der Darstellung gewählt. In einer Version ist der Mann ziemlich lächerlich, ein spießiger Lehrer, der in der Freizeit schriftstellert und sich schnell gedemütigt fühlt, das Mädchen jedoch, Tochter eines Millionärs, ist eine unerreichbare Göttin. In einer anderen Version ist sie eine zickige Ziege, er aber ein sensibler Künstler, der sie von der ersten Sekunde an durchschaut.

          In einer dritten Version sind die beiden einfach kitschig und hoffnungslos ineinander verliebt. Schließlich ist er ein Schwein, weil er , bevor sie sich das Leben nimmt, vor allem mit ihr schlafen wollte, statt sie zu verstehen. Aber vielleicht hat es für sie ohnehin nie eine Rettung geben können und am wenigsten von diesem alten Spießer. Michal Viewegh, ein junger tschechischer Autor, in seiner Heimat bekannt, in unserer bekannt werdend, ist als Erzähler jedenfalls eines: bestürzend intelligent. Das ist das wenige, was sich mit Sicherheit über ihn sagen läßt, denn seine Literatur ist aus vielen Gründen nicht einzuordnen. Die Versionen in "Erziehung von Mädchen in Böhmen" existieren ja etwa nicht nebeneinander, als stünden sie zur Wahl, sondern sind ineinandergeschobene Facetten einer gerade deshalb so tragfähigen Geschichte. Es ist wie im Leben: Man kann nie sicher sein, was von den Menschen, denen man begegnet, wirklich zu halten ist, und das um so weniger, je länger man sie kennt. Viewegh ist damit bewußt weiter als die meisten Autoren von der Schaffung typologischer Charaktere entfernt.

          Vieweghs Schreiben ist paradoxerweise auch deshalb nicht einzuordnen, weil er jeden gelernten Postmodernisten im Zitieren und im Einflechten von Motiven und Bildern um naseweise Längen schlägt. Im erwähnten Roman baut er erst ein Skelett mit Zitaten von Kerr bis Dostojewski, von Havel bis Proust, von Bellow bis Golding, an das er dann seine zerfranste Geschichte hängt. Er parodiert damit einerseits die Gelehrsamkeit, andererseits aber scheint er todernst auch zu sagen, daß man sich ja auf wenig anderes mehr verlassen kann.

          Nun ist, kurz nach "Erziehung von Mädchen in Böhmen" (Deuticke Verlag) ein zweiter Roman von Viewegh auf deutsch erschienen: "Blendende Jahre für Hunde". Dieser ist in Wahrheit sein erster (von vieren), und deshalb wird er - es lebe auch das Selbstzitat - im "Mädchen"-Buch gelegentlich erwähnt. Der neue Verlag kommt seiner Aufgabe, dieses Buch zu bewerben, jedenfalls treusorgend nach, indem er dabei wie zufällig den Namen "John Irving" fallenläßt. Überflüssig zu sagen, daß Viewegh selbst Irving zitiert, zwar nicht in den "Hunden", doch in den "Mädchen", und daß dieser Vergleich genauso gut oder schlecht paßt wie Dutzende andere auch.

          "Blendende Jahre für Hunde", eine reichlich irrwitzige Familiengeschichte, wird vom fettleibigen Wunderkind Quido erzählt, das in seiner Schrulligkeit gewiß ein wenig an Owen Meany erinnert, so wie der Rest der Familie vielleicht an die Berrys aus dem "Hotel New Hampshire". Quidos Kindheit und Jugend fallen zusammen mit der für Tschechien so traumatischen wie ereignisreichen Periode von 1968 bis zur Wende. Viewegh gebraucht damit also ein beliebtes Roman-Modell: das Heranwachsen eines Kindes, gespiegelt in den politischen Umbrüchen seiner Zeit. Hier nun also die tschechische Version: Quidos Vater kommt aus einer antikommunistischen Familie, die Eltern der Mutter, einer Schauspielerin, sind überzeugte, Funktionäre. Der erst ein paar Jahre alte Quido, bisher aufgewachsen im Theater, jubelt, bis ihm der Mund gestopft wird, als wahrscheinlich einziger Mensch Prags den russischen Besatzern zu, weil er die "Vorstellung dieser Schauspieler" hervorragend findet, wie er altklug erklärt.

          Nach dem Ende des Prager Frühlings muß die Familie aus politischen Gründen die Stadt verlassen und zieht in ein trostloses Nest. Beide Eltern arbeiten in der Glasfabrik. Wenn Quidos Mutter ihre Gynäkologin braucht, muß sie in ein Prager Kino gehen, wo diese nun Karten abreißt, und als für den vom Kommunismus zerbrochenen Vater ein Psychiater benötigt wird, empfehlen Kenner einen, der irgendwo als Heizer arbeitet. Dorthin, in den Heizungskeller, geht Quidos Vater dann zur Behandlung. Dieser Vater ist die überzeugendste Figur des Romans, wahrscheinlich weil seine Geschichte mit dem geringsten phantastischen Aufwand erzählt wird - ansonsten ist das Buch mit wahnsinnigen Großmüttern, Wellensittichen, die regelmäßig bei politischen Umstürzen entfliegen, und ähnlichen Skurrilitäten angefüllt genug. Für diese Figur aber braucht man keine ausländischen Vergleiche zu bemühen: Quidos Vater ist der typische Tscheche, immer ein bißchen ungeschickter, dabei doch viel prinzipientreuer als die anderen. Letzteres rächt sich naturgemäß schrecklich, aber Unglück über jenes Maß hinaus, das sie sowieso ständig erwarten, können diese Menschen ja am allerwenigsten verkraften.

          Zuerst, als nach dem Einmarsch der Russen das Land zur reinen Lehre bekehrt wird, weigert er sich standhaft, irgendwo beizutreten oder mitzumachen. Doch als alle anderen Wohnungen zugewiesen bekommen, während seine Familie noch immer auf einer zugigen Glasveranda friert, gibt er nach und meldet sich auf der Abenduniversität für Marxismus-Leninismus an. Die Wohnung gibt es postwendend. Auf jeden kleinen Schritt folgt ein nächster: Nach vielen kleinen Kompromissen macht er, der am besten ausgebildete unter den Kollegen, endlich Karriere in der Glasfabrik. Höhepunkt ist seine Geschäftsreise nach England, die erste Reise in den Westen, vom Autor mit hinreißenden Details und jener leisen Ironie erzählt, in der sich das Ende des ganzen Glücks schon abzeichnet. Denn jenes kommt, als Quidos Eltern Pavel Kohout im Supermarkt treffen und kopflos genug sind, eine Abendeinladung von ihm anzunehmen. Am Tag danach wird Quidos Vater zum Pförtner degradiert. Er beginnt, aus Paranoia chronisch zu flüstern und schließlich im Keller den eigenen Sarg zu zimmern.

          Als er "Blendende Jahre für Hunde" schrieb, war Michal Viewegh keine dreißig Jahre alt. Das merkt man auch, ist nun der Satz, der naheliegt, aber nur deshalb, weil es auch schon "Erziehung von Mädchen in Böhmen" gibt. Die "Hunde" sind eine nette, komische Familiengeschichte, der man die Vorbilder, ob sie nun Irving oder Hrabal geheißen haben mögen, noch (zu) deutlich anmerkt. Eines aber ist hier in Ansätzen bereits angelegt, etwas, das den späteren Roman so faszinierend macht und das von dem 36 Jahre alten Autor noch einiges erwarten läßt: Er hat die größte Scheu vor der geschlossenen Erzählung und den größten Spaß an der gebrochenen. Quidos Geschichte etwa ist teilweise aufgeschrieben, teilweise dem Lektor erzählt, mit dem Quido das Buch, die Fabel bespricht.

          Der Lektor schlägt Änderungen vor, Quido akzeptiert, und damit ist jedes Vertrauen des Lesers auf "Wahrheit" innerhalb der Fiktion schon beseitigt. Auf die Spitze getrieben ist das in "Erziehung von Mädchen in Böhmen": Merkwürdig zerrissen ist die ganze Geschichte, alles andere als das tragische Kammerstück, in das der Leser sich wohlig schaudernd hineinfallen lassen könnte. Viewegh ist immer hoch oben auf seinem ironischen Beobachtungsposten, und am strengsten observiert er sich selbst. Daher rührt wohl auch die Unbalanciertheit der Fabel, die der eigentlichen Liebesgeschichte kaum Platz gibt, genausowenig wie den Schuldgefühlen und Verletzungen, also dem "Ernst des Lebens". Diese Unbalanciertheit würde man bei anderen kritisieren, doch hier ist sie nicht schlecht, nicht falsch, sondern etwas Originäres. Es ist, als würde der Autor mit dem Mißmut des Verklemmten sagen: Wie das ist, weiß doch ohnehin jeder.

          Und das ist es, was Vieweghs Stil am meisten ausmacht: die Scham beim Schreiben, weil er, der Belesene, doch am besten weiß, daß alles schon versucht und beschrieben worden ist; die Anstrengung, seine vermutlich unerträglichen Skrupel durch Flapsigkeit, rhetorisches Muskelspiel und denunziatorische Distanz zu immunisieren. Er ist ein Autor, dem sein Beruf vermutlich peinlich ist, der deshalb seine Geschichten so lange ironisch bricht und selbstanklagend zerfasert, bis wie durch Zauberhand ein Roman daraus geworden ist. Denn genau das geschieht, erstaunlicherweise: Am Ende ist "Erziehung von Mädchen in Böhmen" ein Guß, ein Stück, wenn auch ein schrilles, irritierendes.

          Michal Viewegh, der sein bestes Buch wahrscheinlich noch nicht geschrieben hat, ist auf dem Weg, etwas wirklich Eigenes zu schaffen, während er sich durch die Weltliteratur zitiert. Und während er seine Leser und sich selbst mit der reinen Wahrheit zum Narren hält: "Und nun zu meinen Ambitionen: mit journalistischer Sensationsgier die tragische Geschichte eines zwanzigjährigen Mädchens auszuschlachten. Wissentlich mit dem Effekt kitschiger Selbstbespiegelung (Jan Lopatka) auf den Leser zu kalkulieren. Zu beweisen suchen, daß die zeitgenössische Literatur Herrgott noch mal nicht nur davon handeln muß, wie schwer es ist, Literatur zu schreiben (John Fowles). Belesenheit zu demonstrieren. Exhibitionistische Neigungen zu befriedigen. Meiner Frau weh zu tun. Einigen ehemaligen Kollegen weh zu tun. Einen Skandal zu verursachen. Noch einen Literaturpreis zu gewinnen. Noch mehr Kohle zu machen. Meine Gewissensbisse zu vertreiben. Einen guten Roman zu schreiben (Nichtzutreffendes bitte streichen)."

          Michal Viewegh: "Blendende Jahre für Hunde". Roman. Aus dem Tschechischen übersetzt von Irene Bohlen und Kathrin Liedtke. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998. 266 S., geb., 38,- DM.

          Blendende Jahre für Hunde

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.1998, Nr. 231 / Seite L25

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