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Rezension: Belletristik Die Farce der Frösche

16.04.1999 ·  Muriel Sparks Roman "Träume und Wirklichkeit"

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"Er fragte sich oft, ob wir etwa alle Figuren in einem von Gottes Träumen sind." Zweimal stellt sich der 63jährige Tom Richards diese Frage, das erste Mal gleich zu Beginn des Romans, als er in einem Krankenhaus erwacht. Alle Rippen sind gebrochen, an Toms Bett paradiert eine Reihe von Krankenschwestern vorbei. Ein halber Tag erscheint ihm in diesem Trancezustand wie eine halbe Stunde: "So lenkt unser Gewerbe also unsere Wahrnehmungen und unsere Träume, dachte er. Tom war Filmregisseur von Beruf. Überblendete die Morgenszene mit der Abendszene."

Man muß sich Tom Richards als einen Erkenntnistheoretiker der neunziger Jahre vorstellen. Seine knappen philosophischen Exkurse finden statt zwischen Grübeleien über das nächste Skript, den Ärger mit störrischen Schauspielern und die finanziellen Transaktionen seines Anwalts Fortescue-Brown. Mindzapping könnte man diesen ständigen mentalen Kanalwechsel nennen, der das Tempo des neuen Romans von Muriel Spark bestimmt. Das hat abrupte Wort-, Themen- und Szenenwechsel zur Folge. Ein gutes Drittel des Romans und etliche Genesungswochen sind verstrichen, als Tom Richards eine Antwort findet: "Unsere Träume sind in der Tat unwirklich; die Träume Gottes nicht."

Damit ist die Perspektive des Romans beschrieben. Es ist die Froschperspektive der Menschen. Um ihrem Tun einen Sinn abzugewinnen, müßte man den Weitblick Gottes haben, der aber hält sich bedeckt. An seine Stelle tritt, das ist ein altes Thema der Muriel Spark, ein allwissender, aber undurchschaubarer Erzähler. Er wechselt die Perspektiven. Einmal decken sich seine Ansichten mit denen seiner Protagonisten. Ein anderes Mal distanziert er sich süffisant: "Beide waren sehr ernste Menschen - für Toms Geschmack zu ernst, aber wer wollte behaupten, daß er über anderer Leute Charakter gerecht urteilte?"

Unterdessen spielt sich in den Niederungen der Frösche eine Farce ab. Tom Richards ist seit einem Vierteljahrhundert mit der millionenschweren Claire verheiratet. Beide sind sich nicht treu und sehen darin den wichtigsten Grund, ihre Ehe fortzuführen. Ihre gemeinsame Tochter Marigold ist flachbrüstig, häßlich und von einem Missionseifer getrieben, den Tom lachhaft findet. Marigolds Gegenspielerin heißt Cora. Sie stammt aus Toms erster Ehe und hat, außer ihrer Schönheit, kaum nennenswerte Qualitäten. Zunächst werden alle arbeitslos: Tom, der bei Filmaufnahmen vom Kamerakran gestürzt ist, Coras Gatte Johnny Carr, Cora, Marigolds Schwager Ralph. Später wird kopuliert, Cora mit Ralph, Tom mit der Schauspielerin Rose Woodstock, Marigold mit deren gehörntem Mann Kevin, Rose mit Johnny und Cora mit dem Privatdetektiv Ivan. Dieser wurde inzwischen angeheuert, um Marigold zu finden, die verschwunden ist und so einen Skandal herbeiführt, der Toms Ansehen schadet.

All das geschieht in Toms üppig ausgestatteter Villa oder auf dem Filmset. Die Umgebung unterstreicht den artifiziellen Charakter der Ereignisse. Muriel Spark ist eine Autorin, die nur vordergründig auf Alltagsereignisse abhebt. Sie verzichtet auf jeden erzählerischen Realismus zugunsten des Absurden, Skurrilen, Makabren. Der Gestus gesellschaftlicher Entrüstung liegt ihr so fern wie ihrer Hauptfigur: "Niemand feuert einen Angestellten, der ausgesprochen gut ist", erwidert Tom dem arbeitslosen Johnny Carr, der gekommen ist, um seinen Rat einzuholen. Tom, der jähzornige, eitle Workaholic, ist eher ein Typus denn ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Umstände seiner Invalidität könnten zu einer Parabel gehören. Mit Tom Richards Sturz vom Kamerakran variiert Spark das Thema des Künstlers, der sich für gottgleich hält, überdeutlich. Gegen Tom Richards waren die Turmbauer zu Babel wackere Handwerker: "Ja, dort oben auf dem Kran habe ich mich gefühlt wie Gott. Es war wunderbar, Befehle durchs Mikrophon zu rufen und gottgleich zuzuschauen, wie sich die Schauspieler unten auf meine Anweisungen hin immer wieder neu gruppierten." Noch einmal: "Wollen Sie damit sagen, daß Gott einen Sicherheitsgurt trägt?" Es bleibt eine Parabel ohne Schluß. Hybris kommt vor dem Fall. Doch dieser spezielle Fall löst kein Umdenken aus. Kaum genesen, verfährt Tom wie zuvor. Er manipuliert seine Schauspieler und geriert sich auf dem Set als Diktator. Der Roman endet, als ein anderer Mensch vom Kamerakran stürzt und stirbt, so willkürlich, wie Tom gerettet wurde.

Der Roman ist ein Lehrstück ohne Lehre. Die späte, über achtzigjährige Muriel Spark gibt ihren Lesern Rätsel auf. Im Rückblick auf ihr Leben und ihr Werk läßt sich manches entschlüsseln. Der Roman steckt voller autobiographischer Anspielungen, etwa, wenn Tom Richards sich nach verstorbenen Freunden sehnt, die die Wegbegleiter der Autorin waren: Graham Greene, W. H. Auden, Allen Tate. Wie ihr Mentor Greene hat die 1954 zum Katholizismus konvertierte Spark ihre religiösen Überzeugungen in ihren Romanen verarbeitet. Ihr verhilft der Katholizismus zu einem ästhetischen Modus operandi. Im vorliegenden Buch hängt ihr erzählerischer Unernst wohl mit der Prämisse zusammen, daß der Mensch nur in Gottes Vorstellung existiert. Diese Einsicht tröstet nicht über die chaotische Darstellung hinweg. Vielleicht wollte Spark ihren Leser zur Sorge ermahnen. Doch der bleibt ungerührt. Eine weitere Farce im Weltraum. TANYA LIESKE

Muriel Spark: "Träume und Wirklichkeit". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Oeser. Diogenes Verlag, Zürich 1998. 173 S., geb., 34,- DM.

Träume und Wirklichkeit

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.04.1999, Nr. 88 / Seite 42
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