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Rezension: Belletristik Der Schatten des Körpers des Ketzers

Miguel Delibes läßt die Geschichte zu kurz kommen / Von Andreas Kilb

In Spanien, hört man, sind historische Romane auf dem Vormarsch. Das kommt nicht unerwartet, schließlich schreitet das Genre seit dem Erfolg von Ecos "Name der Rose" in ganz Europa flott voran. Überraschend ist eher die Verspätung, mit der Ecos Erbe die Schriftsteller der Iberischen Halbinsel erreicht. Nun hat auch Miguel Delibes, der im Oktober achtzig Jahre alt geworden ist und neben Juan Goytisolo und Camilo José Cela als Großmeister der spanischen Literatur bezeichnet wird, einen historischen Roman geschrieben.

"Der Ketzer" erzählt die Lebensgeschichte eines Kaufmanns, der seine Anständigkeit mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bezahlen muß. Cipriano Salcedo, Sohn des Pachtherrn Bernardo und seiner Frau Catalina, kommt am 31. Oktober 1517 im nordkastilischen Valladolid zur Welt, am gleichen Tag, an dem viele hundert Meilen weiter nördlich der Mönch Martin Luther seine Thesen ans Portal der Wittenberger Schloßkirche schlägt. Von dieser schicksalhaften Koinzidenz ahnt Cipriano freilich lange Zeit nichts. Nur von fern dringen die theologischen Debatten der Zeitgenossen an sein Ohr, während er eine beinahe sorglose Kindheit und Jugend in der Residenzstadt am Rio Pisuerga verlebt, eine Schafschererin heiratet und das von seinem Vater ererbte Wollhandelsgeschäft zum Blühen bringt.

Erst die Bekanntschaft mit einem Dorfpfarrer, welcher der neuen Lehre anhängt, treibt den erfolgreichen Unternehmer und frustrierten Ehemann Salcedo in die Arme der Lutheraner. Cipriano liest die in Spanien zirkulierenden Streitschriften Luthers und Erasmus' von Rotterdam, entsagt der Doktrin vom Fegefeuer und der irdischen Statthalterschaft des Papstes und wird zu einem der eifrigsten Mitglieder der protestantischen Gemeinde Valladolids. Schließlich schicken ihn seine Glaubensbrüder sogar nach Deutschland, damit er Kontakt mit Melanchthon und anderen führenden Reformatoren anknüpft. Mit Ciprianos Rückkehr von dieser Reise beginnt das Buch.

Nun zieht der Autor ein anderes literarisches Kaninchen aus dem Hut. Cipriano, der Glückliche, hat nämlich auch ein Händchen fürs Geschäft: Mit einer veredelten Version des "zamarro", jenes Schafpelzmantels, den die Hirten der kastilischen Hochebene im Winter tragen, macht er ein Vermögen. Cipriano Salcedo bringt das kapitalistische Ethos nach Valladolid, doch der Platz neben ihm im Bett bleibt leer, bis er Teodomira begegnet, der Tochter des Schafzüchters Don Segundo. "Es war in der ganzen Gegend bekannt, daß sie keinen Tag brauchte, um hundert Schafe zu scheren."

"Der Nebel hob sich, und die Küste kam, viel näher nun, wieder in Sicht, wurde im schwachen Sonnenlicht bewegt und greifbar. In der sanften Hügellandschaft lagen zwischen Buchen- und Eschenwäldchen kleine Höfe verstreut, und auf den angrenzenden Wiesen weideten Kühe und Pferde . . ." Es ist ein Idyll, das man da erblickt, und ein idyllischer, manchmal ironischer, gelegentlich gleichgültiger Ton regiert auch die folgenden dreihundert Seiten des Romans. Sie schildern, nach der Einfahrt des Erzählers durch das Prunktor des Anfangskapitels, den Weg Cipriano Salcedos von seiner Geburt bis zu seiner Verhaftung durch die Schergen der Inquisition. Ciprianos Mutter stirbt am Kindbettfieber, so daß der Knabe in der Obhut seiner Amme Minervina aufwächst. Das schlichte Mädchen wird auch seine Geliebte, als Cipriano nach dem Pesttod seines Vaters und ein paar Lausbubenjahren an der Waisenschule des Städtchens ins Haus seines Onkel Ignacio zieht: "Instinktiv gab sie ihm wieder die Brust, säugte ihn, und er klammerte sich an sie wie an ein Gnadenbild." Man könnte meinen, nun begänne ein christlich-erotischer Schelmenroman, doch das Paar wird entdeckt und Minervina davongejagt; Delibes spart sie sich für später auf.

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Veröffentlicht: 14.11.2000, 12:00 Uhr