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Rezension: Belletristik Der Ruf des grünen Leguan

Phänomenal gestimmt: Carlo Lucarelli lauscht dem Rauschen

"Die Piazza Verdi in Bologna ist ein rechteckiger Platz auf halbem Wege der Via Zamboni, der Universitätsstraße. Folgt man ihr, dann machen die Arkaden einen Bogen, schwenken langsam nach links, und an dieser Stelle öffnet sich der Platz, auf dem fünf Straßen zusammentreffen, so gerade wie die Strahlen einer Kindersonne, gestochen unregelmäßig und ebenfalls von Arkaden gesäumt. Selbst an Aprilnachmittagen bleibt es unter den Arkaden von Bologna kühl, weil die Frühlingssonne nicht bis dorthin dringt, die Arkaden liegen im Schatten und manchmal, wenn die Sonne ganz verschwindet, herrscht Dunkel."

Die Hälfte Bolognas liegt im Verborgenen. Auf der dunklen Seite, die dem Besucher des historischen Zentrums der norditalienischen Metropole mit ihren 200000 Studenten und ihrer unübersichtlichen Szene von Künstlern, Fixern, Spinnern und Unterweltlern gewöhnlich nicht zugänglich ist, entfaltet Lucarelli eine Bühne für moderne Medien, Pop-Musik, Esoterik, Subkultur, archaische Gewaltphantasie und moderne Semiotik. Grazia, der jungen Polizistin, die aus dem Süden, aus Lecce, kommt und gern in der Sonne liegt, ist das Bologneser Milieu fremd, auch die Arkaden mag sie nicht: Jedoch verfügt sie über jenen aufklärerischen Instinkt, der durch Lokalkenntnisse nicht zu ersetzen ist. Der Psychologe und Ethnologe Vittorio, ihr Chef, betrachtet sie daher mit nur geringer Jovialität als ideale Ergänzung zu seiner computergestützten kognitiven Vorgehensweise. Die beiden gehören einer römischen Spezialeinheit zur Ermittlung von Serienmördern an, denn ein solcher, der bald "der grüne Leguan" genannt werden wird, treibt im Studentenmilieu von Bologna sein bestialisches Unwesen.

Der kombinierte Ansatz der Erkenntnisgewinnung, der männlicherseits auf Beobachtung und Logik, weiblicherseits auf Intuition setzt - mit Husserl gesprochen: auf die ermittelbare Verbindung zwischen dem Außen der Anzeige und dem Innen des Ausdrucks - scheint aber im vorliegenden Fall zu versagen, denn der Serienmörder ist auf geheimnisvolle Weise in der Lage, sich der sprachlich fixierbaren Identität des Erscheinenden zu entziehen. Zu Grazias Glück klingt ihre Stimme blau und nach "Summertime", denn das ruft Simone auf den Plan, den Jazzliebhaber, der allabendlich Chet Bakers "Almost blue" hört, weil der dieses Lied mit geschlossenen Augen gesungen haben muß. Simone nimmt Bologna über alle Kanäle moderner Kommunikation nur als Klang, Stimme und Tonfall wahr, denn er ist von Geburt an blind und verläßt seine Dachwohnung nur selten. "Bologna habe ich nie gesehen. Trotzdem kenne ich es gut, obwohl die Stadt, die ich kenne, wahrscheinlich meine ganz eigene ist." Mit seinen Scannern hört er den Sprechverkehr ab und hat sogar ein Verfahren entwickelt, die Bildschirm-Sätze der Chatlines in Stimmen zurückzuverwandeln. Die Phänomenalität des Gegenüber erschließt er sich aus der Stimme und aus dem Geruch. So erfährt Grazia verwundert, daß sie süß nach Schmieröl, Schweiß und Baumwolle riecht, durchscheinende Haut hat und blaues Haar. Mit Simones Hilfe wird in der Folge der Serienmörder ermittelt und erlöst. Ob und wie sich am Ende die Ordnung der Dinge wiederherstellt, wird selbstverständlich nicht verraten, das Geheimnis der Identitätsbildung aber bleibt bestehen, aller psychologisierenden Aufklärung zum Trotz.

In der Verschiebung des Leserinteresses vom vorgestellten Sichtbaren auf das Hörbare, von der bildlich erfahrenen zur gehörten Wirklichkeit, zeigt sich, daß die tiefere Motivation der Protagonisten wie der verschiedenen Erzähler im Akustischen besteht. Deshalb ist es fragwürdig, daß der ursprüngliche Titel des Buches "Almost blue" nicht beibehalten worden ist. Die Literatur führt die Figuren des Spiels, aber hinter ihrer Maske verbirgt sich die Musik. Während Simone eine Stimme liebt, "die leise singt, als käme sie nur mühsam ganz unten aus der Kehle hervor, als wäre dazu so viel Kraft nötig, daß man die Augen schließen muß", hört sein Gegenspieler überlaut per Kopfhörer den Hard und Satanic Rock von Nine Inch Nails und AC/DC, der "Hell's Bells", die Glocken der Hölle ertönen läßt. Ein Schlüssel des Geschehens liegt daher in dem Lied "Reptile" von Nine Inch Nails: "Angels bleed from the tainted touch of my caress I need to contaminate to alleviate this loneliness" (Die Engel bluten bei meiner unreinen Liebkosung. Ich muß mich besudeln, um diese Einsamkeit zu lindern). Und was Grazia an Simone lieben lernen wird, ist, daß er ihr beim Sprechen zuhört: "Er beobachtete nicht, er starrte nicht, er forderte nichts. Er hörte zu und Schluß." So ist es schließlich das sensitive Hören, das wahres Verstehen ermöglicht und die Phänomene aus ihrer Entfremdung befreit. In der Stimme als tönendem Zeichen kommt Idealität zur Erscheinung. Das alles aber erfährt der Leser durch die Schrift, und übrigens sollte er nicht versäumen, den Schutzumschlag des Buches einer beidseitigen genauen Betrachtung zu unterziehen.

Bologna ist seit Umberto Ecos Mittelalterkrimi das Zentrum einer Literatur geworden, in der sich traditionelles und spannendes Erzählen mit der zeitgenössischen semiotischen und erkenntnistheoretischen Reflexion verbindet. In seinem multiperspektivisch darstellenden Roman, der von Peter Klöss in ein kristallines Deutsch übersetzt worden ist, gelingt es Lucarelli auf meisterhafte Weise, die Erzähltradition nach der Art Edgar Allan Poes in die Reflexion der Strukturen modernster medialer Wirklichkeit hineinzubilden. Das ergibt in der Summe mit der schönen Ausstattung des Buches ein wunderbares Vergnügen für Geist, Seele und Sinnlichkeit. FRIEDMAR APEL

Carlo Lucarelli: "Der grüne Leguan". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Peter Klöss, DuMont Buchverlag, Köln 1999. 206 S., geb., 38,- DM.

Der grüne Leguan

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.1999, Nr. 104 / Seite 50

 
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Veröffentlicht: 06.05.1999, 12:00 Uhr