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Rezension: Belletristik : Der Rezensent erklärt

  • Aktualisiert am

Antonio Tabucchi hat es sich etwas zu leicht gemacht

          Der Rezensent gesteht, daß er den Roman "Erklärt Pereira" von Antonio Tabucchi mit geringerer Begeisterung gelesen hat als dessen italienische Landsleute, die ihn zum Bestseller machten, und als die deutschen Kritiker, die ihn hochgepriesen haben. Die italienischen Leser haben in Tabucchis Geschichte ihre Gegenwart wiedererkannt, das Land Berlusconis, in dem das freie Wort in den Redaktionen ein Gut geworden ist, für das man kämpfen muß. Ihnen hat eine Geschichte gefallen, die einen apathischen und depressiven Kulturredakteur schildert, der in der portugiesischen Diktatur der dreißiger Jahre zum Widerstandskämpfer wird. Der beleibte, wenig heldenhafte Pereira, der von Omeletts und Zuckerlimonade lebt, in Bars herumhängt und ständig vom Herzinfarkt bedroht ist, dabei aber nur die Kunst liebt und in der Vergangenheit lebt - er ist nicht nur ein mediterraner, sondern vor allem ein italienischer Typus. Wie er durch die Bekanntschaft mit einem frischen jungen Mann und dessen feuriger Freundin halb willenlos auf die Bahn des Widerstands gezogen wird, das gewinnt in der Tat vor der Folie der aktuellen italienischen Politik geradezu allegorische Bedeutung.

          Das Bedeutungsvolle und Hintersinnige, mit dem Tabucchis Büchlein kokettiert, machte es dann auch für nichtitalienische Literaturfreunde reizvoll, denen vor allem die Machart gefiel. Die Erzählung ist nämlich als Protokoll einer Zeugenaussage angelegt, in der der Held alles "erklärt" (italienisch: sostiene), also aussagt und feststellt. Dieses "Pereira erklärt" steht nun nicht ein für allemal über dem ganzen Buch, sondern wird ein paar hundertmal im Text wiederholt, womit vielfach indirekte Rede verbunden ist.

          Das ist nicht einfach eine Affigkeit, sondern soll - zumal da die Instanz, vor der Pereira aussagt, im dunkeln bleibt - vor die Geschichte einen Schleier von undurchsichtigem Schrecken ziehen, von Teilnahmslosigkeit, polizeilicher Kälte, ja vielleicht von Folter und Unterdrückung. Das steigert umgekehrt die Teilnahme für Pereiras an sich harmlosen, gutmütigen und vor allem unheroischen Lissabonner Feuilletonistenalltag. "Erklärt Pereira, Pereira erklärt": Diese endlos wiederholte Formel ist, der Rezensent gibt das zu, eins der schlichtesten, weil kürzesten bisher in der Literatur gefundenen Mittel, um Abgründigkeit zu erzeugen.

          Der Rezensent erklärt aber auch, daß ihm der Dauereinsatz dieses Mittels über die ganze Länge von Tabucchis ja nicht gerade langem Buch zunehmend auf die Nerven gefallen ist. Denn der Verhör- und Protokollschleier vor Tabucchis Geschichte entlastete den Erzähler auch von psychologischer Eindringlichkeit und von plausibler Situationsschilderung. Sein Pereira ist literarisch ein eher blasser Nachkomme der existentiell angeödeten Helden von Sartres "Ekel", Camus' "Fremdem" oder Moravias "Gleichgültigen". Tabucchi hat ihn in einem nur notdürftig skizzierten Lissabon angesiedelt, in dem spionierende Portiersfrauen und mißtrauische Polizisten das Klima zu bestimmen beginnen. Dem einsamen Witwer Pereira wird die Politik zum Schicksal, und sie erreicht ihn in existentieller Verkappung. Als Kulturredakteur sucht er einen Nachrufschreiber und verfällt auf einen Doktoranden, der über den Tod promoviert hat und ergo, so denkt Pereira, für Tote zuständig werden kann. Dies ist der junge Mann, der ihn dann auf die Bahn des Widerstands zerrt. Denn der Todesexperte erweist sich als lebenslustiger Mensch, er ist Kommunist, und er gewinnt Pereiras väterliche Zuneigung, der daraufhin seine eigene Todesangst überwindet und auch ein Held wird, der das Leben liebt.

          Diesen ganzen Gedankenkitsch zwischen Tod und Leben soll nun das Protokollgetue der Erzählform verhüllen und erträglich machen. Der Rezensent gibt aber seinerseits zu Protokoll, daß er die Absicht schon nach wenigen Seiten gemerkt hat und verstimmt war. Der durchsichtige Trick ließ ihn an die alberne Balladenparodie denken, die an jeden Vers die Ausdrücke "im Hemd" oder "in der Hose" hängt ("Wer reitet so spät durch Nacht und Wind - im Hemd / Es ist der Vater mit seinem Kind - in der Hose" und so weiter). Übrigens ruiniert auf ähnliche Weise schon Aischylos in den "Fröschen" des Aristophanes die Verse seines Gegenspielers Euripides. Er hängt an jeden Halbvers des Feindes die Formel "verlor den Schuh" an, um dessen Trivialität zu beweisen (Euripides: "Der Tantalide Pelops, der nach Pisa / Mit schnellen Stuten kam -" Aischylos: "Verlor den Schuh!" und so fort). Was sich als Witz schnell verbraucht und bestenfalls eine Rezension lang erträglich ist, kann schwerlich einer schwachen Geschichte Tiefe und Bedeutung verleihen, erklärt GUSTAV SEIBT

          Antonio Tabucchi: "Erklärt Pereira". Eine Zeugenaussage. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Fleischanderl. Carl Hanser Verlag, München 1995. 207 Seiten, geb., 34,- DM.

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