05.11.2002 · Es gibt gute Gründe, dem Dichter Peter Handke zu mißtrauen. Sie liegen offen zutage in seinen Büchern und Texten, vor allem in jenen, in denen er nicht dichtet, sondern redet. Etwa über Jugoslawien, das "neunte Land", und seinen Neuntöter, den einstigen Staatslenker Milosevic, nun angeklagt einiger Menschheitsverbrechen, die er, so Handke, womöglich nicht begangen hat.
Es gibt gute Gründe, dem Dichter Peter Handke zu mißtrauen. Sie liegen offen zutage in seinen Büchern und Texten, vor allem in jenen, in denen er nicht dichtet, sondern redet. Etwa über Jugoslawien, das "neunte Land", und seinen Neuntöter, den einstigen Staatslenker Milosevic, nun angeklagt einiger Menschheitsverbrechen, die er, so Handke, womöglich nicht begangen hat. Das Reden hat sich in den letzten Jahren bei Handke gewissermaßen selbständig gemacht, es ist in seine poetische Sprache eingedrungen, die zuvor, in den "Versuchen", so knapp und klar die Welt umschrieb. Nun dehnt sie sich zur Litanei, auf den gut tausend Seiten der "Niemandsbucht", den knapp achthundert des "Bildverlusts". Die Einsamkeit der Sierra de Gredos, in der sein jüngster Roman spielt, ist auch die Einsamkeit Handkes geworden, und die Krankheit des Eremiten, das Unvermögen, dem monologischen Fluß der Worte Einhalt zu gebieten, hat auch ihn erfaßt.
Aber nicht hier, nicht in diesem Band. Hier faßt der Dichter sich kurz, weil er in Gesellschaft ist. Er redet vor Publikum, vor einer ganz bestimmten Leser- oder Zuhörerschaft, und der Ort, an dem er spricht, begrenzt die Dauer seiner Rede - seien es die Spalten der "Zeit", der "taz" und der "Frankfurter Rundschau" oder die Festsäle diverser Preisverleihungen. Und weil er sich beeilen, weil er zum Punkt, zum Satz kommen muß, findet er Sätze von kristallener Härte. "Sie hat die Zwischenräume nicht mehr frei gelassen", schreibt er über die späte Marguerite Duras und über Hermann Lenz: "Du berührst die Wörter nicht und baust doch ein Haus." Handke, als Festredner und Zeitungskolumnist, berührt die Wörter ohne Scheu - jedenfall mit viel weniger Scheu als der Dichter Peter H., der hinter Fragezeichen und Relativierungen in Deckung geht. "Das Volk gibt es, denn ich habe es, zum Beispiel vor dem Hintergrund der Filme des Abbas Kiarostami, erlebt." Solche Entdeckungen sind kostbar, und wer sie, statt etwa auf Balkan-Reisen, im Kino macht, braucht das Gegenbeispiel nicht zu fürchten. Seine Rede ist Jaja und Neinnein, sie hat die Kraft der Evidenz. Mit Worten baut er den Bildern ein Haus.
Siebzehn kurze und halblange Texte aus den vergangenen zehn Jahren versammelt der Band, und wer zwischen den älteren und den jüngsten Texten nach Spuren einer Entwicklung, einer Veränderung sucht, wird überrascht sein: Es gibt sie nicht. Der Handke, der den letztjährigen Hermann-Lenz-Preisträger Ralf Rothmann für seine "mit Absicht verschmutzte Sprache auf der Suche nach Reinheit" lobt, ist derselbe, der in einem alten "Zeit"-Aufsatz dem Regisseursduo Straub/Huillet bescheinigt, die beiden seien "ein schreckliches Paar", dessen "augen- und ohrenöffnende Schocks" ihn im Kino gleichwohl tiefer erfrischten als "die inzwischen vampirisch gewordene Magie" Hollywoods. Auffällig ist dennoch, daß das Sprechen über Filme, das zu den ursprünglichen Beweggründen von Handkes Schreiben zählt, zurücktritt hinter dem Reden über Kunst und Literatur.
Und das ist schade. Natürlich erfährt man gern von unserem Dichter, daß ihm die Malerei Anselm Kiefers als "etwas Gefährliches" und die von Zoran Music als "Karte eines anderen Europa" erscheint. Oder daß Emil Schumachers Gemälde "Gleichnisse jenes uralten Hin und Her, Einander-Durchdringens zwischen zwanglosem Reden und kodifiziertem Aufschreiben" sind. Aber was ist mit den ganz anderen Gefährdungen, mit denen etwa das ekstatische, antipolitische Kino von Handkes Freund Emir Kusturica ringt? Was mit der augenöffnenden Wirkung des dänischen Dogma-Projekts? Welches Gleichnis steckt in der augenblicklich stattfindenden filmischen Machtergreifung der handgehaltenen Digitalkamera? Wenn man liest, was Handke Anfang der neunziger Jahre über die Filme von Straub/Huillet, Kiarostami und Tarantino - bei dem er eine "gar nicht so von Rohmer entfernte Subtilität und zugleich Beiläufigkeit der Reden" feststellt - geschrieben hat, möchte man bedauern, daß diese Stimme verstummt ist.
Denn dieser Dichter kann schwärmen wie selten einer. "Damals mit ,La Notte' erfuhr ich zum ersten Mal, weit über alle die Selbstgefühle hinaus, so etwas wie ein Weltgefühl." - "Ja, nach ,The Man Who Shot Liberty Valance' bekam ich Appetit auf die Welt: den Wind, den Asphalt, die Jahreszeiten, die Bahnhöfe . . .". Und immer wieder die Heimwege nach der Vorführung: "Mit nichts auf der Welt hat es für mich solche Heimwege gegeben wie zuzeiten nach dem Kino, nach der ,Reise nach Tokyo' von Ozu, nach ,Andrej Rubljow' von Tarkowski, nach ,Mouchette' von Bresson, nach ,El Nazarín' von Buñuel."
Heimweg, Heimweh, Heimkehr. Das Kino ist für Handke allgemach zum Hort der Erinnerung geworden, zum Gedächtnisalbum des eigenen Lebens. Worum er sich in seiner Romanprosa oft selbst- und sprachquälerisch bemüht, ohne es zu erreichen, das gelingt ihm hier mühelos: die Beschwörung des einen großen Moments, in dem ein Kunstwerk oder ein Erlebnis sich zur Erfahrung verdichtet. Wie er die Schlußeinstellung aus Abbas Kiarostamis Film "Quer durch den Olivenhain" beschreibt, den Weg des jungen Mannes die Böschung hinunter zu der Geliebten, das Verschmelzen der beiden Gestalten in der Ferne, schließlich die Umkehr und den Rückweg Hosseins, ohne daß der Betrachter wüßte, ob sein Antrag Erfolg gehabt hat, das ist Handke at his best, vergleichbar den schönsten Passagen aus "Wunschloses Unglück" oder dem "Kurzen Brief zum langen Abschied". Das "epische Problem", das unser Dichter seit gut zwanzig Jahren in immer neuen Anläufen formuliert, das Problem der reinen, durch keinerlei polemischen Impuls verzerrten poetischen Rede, ist in diesen Zeilen ganz nebenbei gelöst. Im Angesicht der Leinwand findet Handke zu jener Melodie des Rühmens, nach der sein Schreiben sich immer gesehnt hat.
Aber der Dichter Handke, und das ist ein Dilemma seiner Kunst, kann nichts sagen oder tun, ohne zugleich darüber zu räsonieren. Er haßt die Polemiker - und polemisiert fleißig gegen sie. So preist er den Filmwissenschaftler und -kritiker Helmut Färber, dem er 1994 die Laudatio zum Petrarca-Preis hält, für seine in der "Süddeutschen Zeitung" der sechziger und siebziger Jahre erschienenen Texte zum Kino, die "aus lauter Abweichungen, so leichten wie ernsten", bestünden; und wirklich möchte man jenen Bericht über ein Science-fiction-Filmfestival in Triest, in dem Färber statt über die gezeigten Filme über "ein Schaufenster in der Triester Innenstadt mit phantastischen Weltraumfiguren, geknetet, händisch, aus Marzipan, samt Nachtbeleuchtung" schrieb, unbedingt in voller Länge nachlesen, schon aus Appetit auf diese süße Welt. Doch dann kann es sich Handke nicht verkneifen, sein Lob Färbers mit einer Verdammung jener anderen (sprich: aller anderen) Filmkritiker zu verbinden, "denen die eigene Intelligenz so viel mehr gilt als . . . die so andersartige Intelligenz in ihrem jeweiligen Gegenstand", die "Veröffentlicher", die mit ihrem "lieblosen Scharfsinn", ihren "blödlässigen ahnungslosen Kintoppvisagen" das kinematographische Kunstwerk zerredeten.
Wo einer so verletzend dreinschlägt, hat er meist selbst eine Verletzung zu verbergen; und tatsächlich wurde Handkes zweiter und bisher letzter Spielfilm "Die Abwesenheit" (1992) bei seiner Kinopremiere von der Kritik ziemlich übel abgefertigt. Nur wird das, was er mit seiner Beschimpfung meint, die Abgrenzung des nichtanalytischen, beschreibenden, "dienenden" Redens über Film vom vernichtenden Scharfsinn, trotzdem nicht evident. Denn in alldem, was er von Färber zitiert, erweist sich dieser als ebenso scharfsinnig und polemisch wie nur je ein Filmkritiker, freilich ohne jene Verbeugung zum Publikum hin, auf die Redakteurskarrieren gebaut sind. So hält er sich rein von den Alltäglichkeiten der Kulturkritik, ein "Sehdenker" und "Erstbesteiger" (Handke) der Kinematographie. Und in dieser selbstgewählten Einsamkeit ist er des Dichters Freund.
Peter Handke: "Mündliches und Schriftliches". Zu Büchern, Bildern und Filmen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 166 S., geb., Abb., 19,90 [Euro].