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Rezension: Belletristik Der Friseur der kleinen Leute

10.05.1997 ·  Aus der Republik der Unsicherheiten: Martin Walsers "Gesammelte Werke in zwölf Bänden" · Von Thomas Steinfeld

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Schon bald war Halbzeit. "Ein Roman, der die Falten unserer Gesichter aufblättern möchte", hat Martin Walser 1960 erklärt, "der erzählen möchte, daß wir keineswegs eine besonders ruchlose Gesellschaft sind, daß wir zwischen Grausamkeit und Gleichgültigkeit, zwischen Liebe und Sehnsucht hin und her pendeln, ein solcher Roman kann schwer aufhören." Und Martin Walser hört seitdem nicht auf. Sein großer Roman pendelt seit vierzig Jahren durch unsere Literatur. Er mäandert von einem Buch zum nächsten, aus der Erzählung durch den Essay bis zur reflexiven Prosa und wieder zurück in den Roman. Und selbst durch das Drama, obwohl diese Gattung doch nach einem entschiedenen Schluß verlangt. Und nun wird es unabweisbar: Dieses Werk ist eine Geschichte der Bundesrepublik, mit ihren Windungen und Zäsuren. Alle fünf oder zehn Jahre wird eine Summe gezogen. Dann ordnet Martin Walser seine Figuren neu, mit der ihm eigenen klugen Sparsamkeit.

Dann war wieder einmal eine Anpassung fällig. Dem ersten Roman, den "Ehen in Philippsburg", war eine kurze Vorrede vorangestellt. Der Verfasser hoffe, "er sei Zeitgenosse genug, daß seine von der Wirklichkeit ermöglichten Erfindungen denen oder jenen wie eine eigene Erfahrung anmuten". Das sind Worte von 1957, von einem altmodischen transzendentalen Ernst. Aber darin verbarg sich auch eine Modernisierungsidee: Walser meinte, den Abstand zwischen der Literatur und der Erfahrung verkürzen zu müssen. Das hat er seither immer wieder getan. Unter den zeitgenössischen deutschen Schriftstellern ist er derjenige, dem am meisten am Einverständnis mit seinen Lesern, an einem nachvollziehbaren Verhältnis zwischen seinen Werken und einem gesellschaftlichen Schicksal liegt. Er will kopfnickend gelesen werden.

Man könnte eine Abhandlung schreiben über das Motiv des Haarschnitts bei Martin Walser. Es ist überall zu finden. In den "Ehen in Philippsburg" trat ein Mann auf, dessen Haartracht sich dem Prinzip verdankte, "daß kein Haar über das andere zu liegen kam, daß alle sorgsam nebeneinander ausgebreitet wurden und alle eine Fingerbreite tief in der Stirn aufhörten, . . . so daß es auf jeden Fall so aussah, als habe der Träger dieser Haartracht eine so hohe, so gewaltige Stirn, daß er gut und gerne einen Teil davon unter seinen Haaren verbergen konnte". Im "Brief an Lord Liszt" von 1982 war von einem Mann die Rede, der ein Haarteil trug und einen großen Teil seiner Kraft darauf verwendete, sich von allen Mitwissern daran zu befreien. In der "Verteidigung der Kindheit", vor sechs Jahren, wurde weitläufig über den "Russen-Schnitt", den "Brecht-Schnitt" und den Zusammenhang von Haarwuchs und Gesinnung nachgedacht. Martin Walser beobachtet mit den Augen eines Nörglers. Aus jeder seiner Figuren macht er einen Tüftler am Schicksal, einen Abgesandten des krittelnden Verstands, der seine Umgebung danach durchmustert, wer sich mit unlauteren Mitteln zu behaupten gedenkt. So entsteht das räsonierende Parlando, an dem alle Werke von Martin Walser zu erkennen sind.

Es gab Kritiker, die dieses Gerede für Geschwätz, für das Zeichen eines schwachbrüstigen Realismus hielten. Aber der Vorwurf setzte voraus, Pracht und Farbe dieser Gesellschaft wären in einen Roman zu bannen und es müßte das schiere Unvermögen sein, wenn dies nicht geschieht. Was aber, wenn es die Lebensfülle, von der die realistischen Romane des neunzehnten Jahrhunderts zehrten, schon lange nicht mehr gibt? Walsers Werke spielen unter deutschen Angestellten. Sie haben kein formuliertes Verhältnis zu ihrer Geschichte, und die Außenwelt ist für sie nicht mehr wie eine Wand, die man in der Manier der romantischen Helden durchstoßen muß, um zu sich selbst zu kommen. Sie gleicht eher einem teigigen Gebilde, das gerne nachgibt. Eine Gesellschaft wie die alte Bundesrepublik war für romantische Charaktere unergiebig.

Tatsächlich ist die Schieflage, in der sich Martin Walsers literarisches Personal im Verhältnis zu seinen Taten und Schicksalen befindet, das Interessanteste an diesen Büchern. Nähme man den Geschichten ihren räsonierenden Ton und ließe man bloß die Handlung übrig, würde man nur in das gelangweilte Gesicht der deutschen Provinz blicken. Es würde nicht lange dauern, bis der Leser dieser Diagnose überdrüssig wäre. Statt dessen läßt Walser die Langeweile sich selbst bereden - auch wenn er, im Zwiespalt zwischen einem Sichverlieren der Beobachtungen, der Marotten und der Eigenheiten seiner Figuren auf der einen, der dramaturgischen Notwendigkeit, die Geschichte zu einem Ende zu bringen, den Faden mehr als einmal verloren hat. Aber deswegen war er als Romancier noch lange nicht gescheitert, wie die Kritik, immer wieder zwischen Hymne und Verriß schwankend, behauptet hat. In der Frankfurter Vorlesung "Selbstbewußtsein und Ironie" von 1980 hat er über seinen Namensvetter Robert Walser gesagt, dieser habe die verschwiegene Form gesucht. Er dagegen schien das Gegenteil getan zu haben. Und doch kann beides zur Deckung gelangen. Martin Walsers Größe liegt darin, die Unmöglichkeit eines gelingenden Lebens auf die schwatzhafteste Weise vorgeführt zu haben.

Kaum hätte man geglaubt, daß dieses Gerede sich je zu einem _vre runden würde. Und doch ist es gelungen. Heute sieht man, wie sehr Walser auf allen seinen Abwegen, in seinen impulsiven Umschwüngen mehr recht behalten hat als andere mit ihrer Konsequenz. Martin Walser ist den Weg gegangen, den auch die Geschichte genommen hat, und das konnte er, ein Parzival als Miesepeter, unterwegs gewiß nicht ahnen. Als er Mitte der fünfziger Jahre begann, die enge Welt der Angestellten zu beschreiben, war noch keineswegs gewiß, daß sich die Gesellschaft auf diese Seite schlagen würde. Walser hat ihr aber auch im Erfolg die Treue gehalten, dabei allenfalls von Heinrich Böll ein Stück weit begleitet. Günter Grass beschwor die barocken Proleten und den alten Osten, Peter Weiss die einsamen Kunstfiguren, Uwe Johnson das "eigene Land", und Max Frisch ließ fragen, wer man denn eigentlich sei. All diese Versuche sind längst historisch. Aber Martin Walser folgte auf seinem Weg der Gemeinsinn, Schritt für Schritt: von den "Ehen in Philippsburg", in denen es um die Eroberung des Wohlstands ging, über "Das Einhorn", das 1966 bei der sexuellen Befreiung versagt, bis hin zu "Finks Krieg", der um die Ehre eines Beamten ausgefochten wird. Daß die bürgerliche Mittelschicht diese Gesellschaft beherrscht, erscheint uns inzwischen als selbstverständlich. Aber wenn man Martin Walsers Romane, ein paar seiner Dramen und die Essays zur Zeitgeschichte nebeneinanderstellt, ist es offensichtlich, daß man diese Geschichte nicht von ihrem Ende aus betrachten darf. Die politische Einheit Deutschlands, die Martin Walser als einziger Schriftsteller hierzulande auch wirklich wollte, hat diesem Weg ein unerwartetes Ziel gegeben.

Dieses Ergebnis könnte zu der Annahme verleiten, Walser sei ein politischer Autor. Er ist es vermutlich nicht. Je älter er wird, desto fremder scheint ihm alle Entschiedenheit zu werden. In "Die Verteidigung der Kindheit" von 1991, dem Buch, das der Roman der deutschen Einheit hätte werden können, ist er ins Biographische ausgewichen. Und die berühmte Rede über Deutschland vom Oktober 1988 kulminiert in einer Beschwörung: "Man hat es, oder man hat es nicht. Aber wenn man es hat, kann man ja zugeben, daß man es hat: das Geschichtsgefühl. Ich will es hiermit zugegeben haben." Aber das ist eben ein Gefühl, nicht politischer Sinn.

Man kann dieses Bekenntnis für Rhetorik halten, aber der Verdacht geht in die Irre. Selbst in seinen Parteireden aus den sechziger Jahren war Martin Walser ein Räsonierer geblieben - "weil ich sonst nicht weiß, wie es . . . weitergeht und wie es weitergehen kann" -, und nie hat er nach Art der politischen Schriftsteller versucht, über das Allgemeine zu verfügen. Es ist umgekehrt: Er vermeidet die theoretischen Wahrheiten und kultiviert dagegen die Abhängigkeit, das Nebeneinander und Durcheinander der Stimmen und die Macht des Augenblicks, die von den Vorsätzen befreit und für die Folgen nicht haftbar macht.

Walser ist kein Journalist, aber er besitzt ein journalistisches Gespür für Themen. Man kann ihn auch für einen begnadeten Opportunisten halten, für einen Windbeutel und für einen Eulenspiegel, der es sich zum Prinzip gemacht hat, fünf Minuten früher als die anderen um die Ecke zu gucken. Was hat er nicht schon alles behauptet! Den "humanen Kapitalismus" erklärte er für ein "sprechendes Pferd"; das Ufer des Bodensees wollte er sozialisieren; und vor fast zehn Jahren, als nicht einmal mehr im Kuratorium Unteilbares Deutschland an die Einheit geglaubt wurde, stellte er ungerührt fest, man könne die deutsch-deutsche Grenze nicht für vernünftig halten; jüngst erklärte er den "Schurken" und "Lieferanten-Würger" José Ignacio López zu einem unentdeckten Helden des Feuilletons und warb um Verständnis für die Skinheads. Diese Reihe könnte lang werden. Schaut man an ihr entlang, bemerkt man, wie die Urteile mit der Zeit milder ausfallen, aber das Willkürliche an ihnen verliert sich nie ganz. Man vermißt in dieser Werkausgabe deshalb einen Band mit den großen Interviews, in denen Martin Walser sich selbst erläuternd beigesprungen ist. Der Experte für Unsicherheiten, zumal seiner eigenen, hat dieses Genre zu einiger Vollendung gebracht.

Walsers journalistisches Gespür bewährt sich an den Themen der literarischen Werke. Die Darstellung dagegen ist frei von aller Affenliebe zu den Fakten. Tatsächlich bleibt die literarische Bundesrepublik ein wolkiges Gebilde, ein Phantom, selbst wenn sie von versetzten Ministerialräten oder, wie jüngst im Drama "Kaschmir in Parching", von Kleinstadtbürgermeistern mit nationalsozialistischer Vergangenheit erzählt. Man erkennt diese Republik weniger an ihren Tatbeständen als an ihren Gemütslagen. Man muß die Leute nur reden hören, ihre nie ermüdende Anstrengung wahrnehmen, ihre Lage in dieser Welt zum Gegenstand ausufernden Räsonnements zu machen, und sofort weiß man, wo man sich befindet. Schon in den "Ehen in Philippsburg" ist die Republik der Unsicherheiten und Verlegenheiten ein erstaunlich fertiges Gebilde. Zwar tauchen Bilder auf, die unverkennbar zu einer bestimmten Zeit gehören, ein Automodell, ein Schlager, eine Hosen- oder Möbelmode, und je länger Martin Walser schreibt, desto dichter wird das Stoffliche. Aber noch immer werden diese Bilder - ein Schupo auf seinem Elefantenpodest, das Mädchen, das keinen Büstenhalter tragen will, das Surfbrett mit Namen "Escape" - aufgezogen wie Fähnchen. Es sind die Kleider, die über die immer ähnlichen Seelenzustände geworfen werden.

Ist also aus diesen zahllosen Anläufen am Ende doch eine "comédie humaine" entstanden, ein Kolossalgemälde der Bundesrepublik? Man hat Martin Walser immer wieder mit Honoré de Balzac verglichen. Und tatsächlich ließen sich die "Ehen in Philippsburg" wie ein Roman des neunzehnten Jahrhunderts erzählen: Ein junger Mann kommt in die Stadt, erobert eine Frau aus besseren Kreisen, macht Karriere. Manche andere Geschichte, so Anselm Kristleins "Sturz" von 1973 oder der Roman "Jagd" von 1988, berichtet von Aufstieg und Fall eines Geschäftsmanns, selbst wenn die Amplituden arg verflacht sind und der Niedergang immer wichtiger ist als die Karriere. Und auch die Aufstellung für "Finks Krieg" ist aus dem neunzehnten Jahrhundert bekannt: Ein Mann, erprobt in vielen Kämpfen, fühlt sich in seiner Ehre gekränkt und verlangt Genugtuung.

Doch während die alten Helden weithin sichtbare Bahnen zogen, sind die Spuren von Walsers Helden bald schon verwischt, kaum daß sie aufgetreten sind. Balzac betrieb literarische Frontberichterstattung und meldete Schicksale von den Vorposten einer entstehenden Gesellschaft zurück an das Publikum, das nicht so weit vorne stand. Walser dagegen liebt die Mittelmäßigen, weil sie zu Helden nicht taugen und keine großen Wahrheiten tragen können.

Was einmal Gesellschaft war, ist zur kleinen Welt der Bekannten geschrumpft, zu einer sehr trockenen Idylle, und in dieser Geselligkeit pflegen seine Protagonisten ihre schwächlichen Depressionen und lauwarmen Euphorien. Nicht das Geld, wie man meinen möchte, sondern Stolz und Scham treiben sie an, jeder Irrtum wird sofort in ein schlechtes Gewissen, jeder noch so kleine Erfolg in eine Angeberei verwandelt. Von ferne betrachtet, ist es überraschend, daß sich ein Autor, der sich so gründlich mit den experimentellen Formen der Dichtung, mit Franz Kafka und Marcel Proust beschäftigt hat, so unbeschwert dem konventionellen Erzählen ergibt. Tatsächlich war der Roman "Halbzeit" von 1960 sein einziger Versuch, richtig anstrengend zu sein. Von nahem gesehen, ist die Form eine kleine Lüge von derselben Art wie die Ideale, die sich Walsers Helden von sich selber machen: Ein jeder will wie ein anderer sein, und ein jeder bleibt, wie er ist.

Ein Geburtstag, auch der siebzigste, den Martin Walser vor kurzem feierte, ist kein Einschnitt, und doch zieht diese Werkausgabe ihre Summe zur rechten Zeit. Zwar gibt es keinen Apparat, keinen Kommentar und keinen Editionsbericht, aber sieben Bände für die Romane, fünf für die kleineren Werke, für die Prosa, die Dramen, die Hörspiele und die Essays sind auch nicht wenig: zwölf Bücher, auf deren Einbänden die goldenen Initialen "MW" prangen, verpackt in einen dunkelblauen Schuber, ein halber Meter im Regal. Die Gesamtausgabe zu Lebzeiten ist unter den größeren deutschen Schriftstellern zu einer Üblichkeit geworden. Martin Walser hat sie verdient.

Martin Walser: "Gesammelte Werke in zwölf Bänden". Herausgegeben von Helmuth Kiesel in Zusammenarbeit mit Frank Barsch. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. 7982 Seiten, geb., Subskriptionspreis bis zum 31. Dezember 1997 480,- DM, danach 580,- DM.

Gesammelte Werke in zwölf Bänden

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.1997, Nr. 107 / Seite B5
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