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Rezension: Belletristik : Der Eiserne und sein Eigentum

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Philip Roth und der Zorn der alten Männer / Von Ulrich Raulff

          Seit etlichen Jahren und ebenso vielen Büchern hat Philip Roth seinen alten Neigungen zur Nabelschau entsagt. Er gibt sich nicht mehr mit den kleinen dreckigen Geheimnissen von Männern und Frauen ab, er kümmert sich jetzt um den unheimlich großen Dreck der amerikanischen Moral. Philip Roth, der ironische Seelenzerleger und Selbstverdoppler, der ewige Sohn, der dem Überich der obstinaten Väter die Groteske seiner obszönen Schelmenromane entgegensetzte, Philip Roth ist zum seriösen Autor politischer Romane geworden. Aus dem mal schrillen, mal melancholischen Gespött über jüdisch-amerikanische Identität ist ein tiefernstes Nachdenken über Amerika geworden. Die Klarinette der Klezmermusik ist dem Cello einer Meditation in Moll gewichen.

          Im selben Zug haben sich auch seine Figuren verändert. In Philip Roths jüngstem Roman, "Mein Mann, der Kommunist", ist Ahasver, der wandernde Jude, kein literarisch-libidinöser Betthase mehr, er ist jetzt ein kommunistischer Rhetor in der Wüste der McCarthy-Zeit. Von der Humoralpathologie des frühen Roth ist nicht viel übrig geblieben, in diesem Roman fließt nichts mehr, es sei denn Blut. Gelegentlich noch etwas Galle: Gewiss ist der schnelle, giftige Witz noch da, der den frühen Roth so unwiderstehlich machte, aber auch der ist älter, zynischer, politischer geworden. Er macht sich allzu rar und entfaltet sich jetzt vorzugsweise in der Beschreibung von Begräbnissen. Ein Höhepunkt des Buches ist die Szene von Nixons Beerdigung, begleitet von abgründig verlogenen Reden auf diesen Abschaum der politischen Klasse Amerikas, unter denen die des "Hofjuden ,Doktor' Kissinger" wiederum die verlogenste ist. Statt Hamlet über seinen Vater hätte der nämlich Hamlet über Claudius zitieren müssen. Das ist so bitterböse und gallenkomisch, dass es des Hinweises auf Daumier nicht mehr bedurft hätte.

          Aber Philip Roth garniert immer gern Lesefrüchte oder legt eine Spur in die Literatur, diesmal bevorzugt zu Shakespeare und Dostojewski. Doch das sind Spuren, die sich hinter den sieben Assoziationshügeln verlieren und nicht in den Kern der Erzählung führen. Die ist wie immer vielschichtig und mindestens doppelbödig. Viele der Leser von "Mein Mann, der Kommunist" wollten darin nichts als einen großen politischen Roman aus der Zeit des Kalten Krieges und der Kommunistenjagd unter Joseph McCarthy sehen. Die Geschichte zweier Brüder, Ira und Murray Ringold, oder richtiger die tragische Geschichte des aufrechten und zornigen Kommunisten Ira Ringold, gesehen durch die Augen seines vernünftigeren Bruders Murray Ringold, der sie wiederum seinem früheren Schüler erzählt, Nathan Zuckerman - seit Jahrzehnten das literarische Alter ego Philip Roths, sein großzügig mit autobiographischem Material ausgestatteter Schatten, ein sprunghaft-launisches Relais zwischen dem Leben und der Literatur.

          Die erste Geschichte handelt vom Aufstieg und Fall des wütenden Ira Ringold. Als Iron Rinn ist er nach dem Zweiten Weltkrieg vom Grubenarbeiter zum Star der Radioserie "The Free an the Brave" avanciert, ein "Eisenmann" des aufrechten, hart arbeitenden Amerika. In den frühen Fünfzigern wird er als Kommunist zur Strecke gebracht - von der Hand seiner eigenen Frau. Im Innern des Romans steckt die fatale Liebes- und Ehegeschichte von Ira und Eve, einer Diva aus den "Radio Days" der späten Vierziger. So verschieden die beiden Parteien des Rosenkrieges sein mögen, der wahre Grund für das Scheitern ihrer Ehe ist die Tochter Eves aus einer ihrer drei früheren Ehen, Sylphide, eine bösartige und verfressene Harfenistin, die zur wahren Gegenspielerin Iras wird. Ihretwegen kommt es zur Trennung des Paares, ihretwegen wird Ira von Eve verraten. Sie liefert ihn, seine politischen Freunde, seine Überzeugungen und ihre gemeinsame Geschichte einem intriganten Kolumnistenpaar vom rechten Flügel der Republikaner aus. Das von ihnen verfasste Buch "Mein Mann, der Kommunist" besiegelt das Schicksal von Ira Ringold, der noch froh sein muß, "nur" als Demagoge und nicht als Landesverräter enttarnt worden zu sein. Hier zeigt sich das große Thema dieses Romans, der politische Verrat, hinter dem ein Liebesverrat steht.

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