Der Hundertjährige Krieg, diese lange Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich, fällt in den Herbst des Mittelalters. Johan Huizinga, der große Historiker dieser Epoche, hat beschrieben, wie die ritterlichen Ideale damals noch einmal aufblühten - nicht weil sie im Leben Geltung besaßen, sondern weil sie, als Fiktionen, die Unbegreiflichkeit der Gegenwart mit einer "Illusion der Ordnung" überspielten. Froissart etwa, ein zeitgenössischer Autor, schwelgte in hochromantischen Ritterträumen, aber zugleich schrieb, wie Huizinga berichtet, "seine Journalistenfeder fortwährend über Verrat und Grausamkeit, schlaue Habgier und Übermacht, kurz ein Kriegshandwerk, das ganz Sache der Gewinnsucht geworden ist". Ungefähr so würde sich wohl auch der Knabe Tom ausdrücken, der der Leibeigenschaft auf dem Dorf entrinnt und nun als Knappe bei Henry, dem Duke of Lancaster, dient.
Aber nicht im Schwertkampf wird er unterrichtet, nicht die Rüstung darf er pflegen - er muß die lateinisch geschriebene Post der Geistlichkeit überwachen. Ist nicht der Geheimdienst, seit Kiplings "Kim", die vornehmste Sozialisationsagentur für britische Ideal-Knaben? Tom also sitzt in der Champagne in der Etappe, aber nicht lang. Dann beginnen die Wirrnisse des Krieges ihn durch Frankreich zu wirbeln, in üble Gefängnisse, in den Schacht eines Brunnens, zu unterirdisch versteckten, halbverhungerten Menschen. Oben wird inzwischen geplündert und gebrandschatzt. Tom kämpft auf keiner Seite, sondern um sein Überleben; meist gelingt es ihm, sich gerade so durchzuschlagen. Im Zweifelsfall können die Begegnungen mit seinen Landsleuten von der englischen Armee genauso gefährlich enden wie die mit den "Feinden". Dann findet er die Aufgabe, die ihm, nur ihm zugedacht ist: Er muß die Botschaft der Verhungernden an den Papsthof nach Avignon bringen.
Tom bleibt nicht allein. Alan, ein zweiter Knappe, in dessen Kleidern sich in Wahrheit Ann verbirgt, begegnete dem Leser schon im ersten Band. Nun kommt die hochgeborene Emily hinzu, und Tom erlebt in allen äußeren Verwicklungen und Proben vor allem die inneren: das mal zartere, mal drängendere Erwachen der Liebe.
Terry Jones erzählt die Geschichte mit deftigem Humor, wie man es bei einem früheren Mitglied von Monty Python erwarten darf. Das Mittelalter hat es Terry Jones seit den "Rittern der Kokosnuß" angetan; mit einem Buch und einer Fernsehserie über die Kreuzzüge hat er seine historischen Kenntnisse erneut unter Beweis gestellt. Aber hier bilden sie nur den Hintergrund der Erzählung, und niemals drängt sich ein belehrender Impuls vor die Spannung.
LORENZ JÄGER
Terry Jones: "Wie der Knappe Tom einen Handstand machte, sein Herz verlor und beinahe die Wasserspülung erfand". Aus dem Englischen übersetzt von Yvonne Hergane. Mit Illustrationen von Michael Foreman. Bertelsmann Jugendbuch Verlag, München 2002. 351 S., geb., 15,- [Euro]. Ab 10 J.