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Rezension: Belletristik : Das süßsaure Schmunzeln der Gremienhirsche

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Ein Campus und die Folgen: Warum und zu welchem Ende es den Universitätsroman gibt / Von Burkhard Müller

          Wo kommt auf einmal diese Gattung her, der "Campusroman"? Denn daß von allen Leuten, die jemals belletristische Literatur in die Hand nehmen, schätzungsweise vierzig Prozent als Studenten oder Dozenten an der Universität zu finden sind, dürfte nicht ganz neu sein, so wenig wie das Leiden an den Massenuniversitäten, auf denen, in den Siebzigern voller Schwung gegründet, schon zehn Jahre später die Erschöpfung so schwer lastete wie die undichten Flachdächer.

          Die Antwort dürfte in einem einzigen Wort zu finden sein: dem "Campus". In ihm schießt, wie es vor dreißig Jahren beim "Streß" der Fall war, ein bislang diffuses Phänomen plötzlich in einen Begriff zusammen. Im "Campus" fand sich ein ganzes Milieu, das sich bisher nur negativ in seiner Isolation von der restlichen Gesellschaft erlebt hatte, auf einen positiven Namen getauft, und dafür war es dankbar: Im Namen, den es endlich erhielt, verzauberte sich das nur allzugut Bekannte unter dem Vorwand der Satire zur Heimat. Hierin hat der "Campus" die einst, in den Fünfzigern, ähnlich gattungsstiftende "Penne" beerbt, und er bezeugt damit, wie weit ins Erwachsenenalter hinein sich inzwischen das erstreckt, was eine Gesellschaft als Jugend gelten läßt.

          "Der Campus" hatte der Hamburger Anglist Dietrich Schwanitz mit geriebener Schlichtheit seinen Erstling genannt. Der Roman erschuf den Begriff und der Begriff sofort das gierige Bedürfnis nach dem Roman. Das war eine Pioniertat und doch schon unübertrefflich, es mußte die Nachahmer auf den Plan rufen und ihnen zugleich das Leben sauer machen. Am sauersten sicher für Schwanitz selbst, der an seinen großen Erfolg nun mit einer Fortsetzung anzuknüpfen gedenkt: "Der Zirkel", den der Verlag gewiß, wie es im schamloseren Kino üblich ist, am liebsten als "Campus II" auf den Markt gebracht hätte; so sorgt wenigstens der Umschlag dafür, daß keinem die Ähnlichkeit entgeht.

          Um es vorwegzunehmen: Mit dem "Zirkel" gewinnt Schwanitz dem "Campus" nichts hinzu, aber verliert manches, vor allem die Fähigkeit zur Selbstkritik. Der "Campus" hatte überzeugt durch die genaue Kenntnis des Milieus, die Schwanitz, alter Gremienhirsch der akademischen Selbstverwaltung, mitbrachte, und durch die elegante Figur, mit der er seinen Plot durch alle Sektoren dieses unübersichtlichen Gebildes führte, bis, wie in Tom Wolfes "Fegefeuer der Eitelkeiten", aus dem kleinen privaten Ehebruch eine große öffentliche Affäre geworden ist. Das Milieu ist dasselbe geblieben, auch das Personal kam teilweise in den Genuß der Überleitung, so die Frauenbeauftragte Wagner, die den Ton ihrer Kreissägenstimme seit dem Hackmann-Debakel ein wenig gedämpft hat; ein zuvor eher angedeuteter Lispler hat eine Rede bekommen, in der mit quälender Konsequenz jedes "s" durch ein "f" ersetzt ist.

          Solche Kleinigkeiten sind typisch. "Der Zirkel" braucht nur ein bißchen fahrlässiger und selbstgefälliger zu werden, um schon unerträglich zu sein. Die präzise Herzlosigkeit, mit der der "Campus" die Sozialcharaktere gezeichnet und die ihn zum Gesellschaftsroman qualifiziert hatte, ist, wie der Untertitel "Eine romantische Komödie" bereits befürchten läßt, zu einem süßsauren Schmunzeln über den Lauf der Welt ermäßigt. Der Leser wird eingeladen, sich mit den beiden Hauptfiguren, dem Wissenschaftssenator Weiß und seinem persönlichen Referenten Daniel Dentzer, 31 Jahre alt und mit genau 57 Haaren auf der Brust, zu identifizieren. Der eine hat nie seinen Vater gekannt, der andere über der Karriere einen Sohn zu zeugen versäumt, und so haben sie sich gefunden.

          Daß der Protagonist des "Campus" in der Eingangsszene unter dem Ehebett festgeklemmt worden war, das mag hämisch und, schlimmer, sogar symbolisch gewesen sein, aber es hatte doch für eine wohltuende Kühle gesorgt, die man im "Zirkel", wo sich alles Soziale ins Familiäre auflöst, arg vermißt. Das erfrischende Insidertum ist einer Geste des Tuschelns hinter vorgehaltener Hand gewichen, das Geheimnisse verrät, um die der Hörer sich nie beworben hat: "Die schweinischsten Graffiti aber hatte er auf der Toilette der Theologen gefunden." Von der Bitterkeit über die verfehlte Bildungsreform, die den "Campus" noch spürbar grundiert und ihm Schärfe verliehen hatte, ist nichts übriggeblieben, Sätze wie "Welch trauriger Witz: Als die Massen die Privilegien erobert hatten, waren es keine mehr" sucht man im neuen Schwanitz vergebens.

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