Home
http://www.faz.net/-gr4-oy6e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Belletristik Das Singen wird es bringen

03.12.1996 ·  Die Wacht am Reim: Robert Gernhardts Gedichte 1954 bis 1994 / Von Hubert Spiegel

Artikel Lesermeinungen (0)

Goethe ist tot! Schiller ist tot! Klopstock ist tot! Robert Gernhardt lebt! Wozu?"

So darf eigentlich keine Rezension beginnen, allenfalls eine Laudatio, die beweisen wollte, daß wir Goethes, Schillers, Klopstocks Hinscheiden durchaus verschmerzen können, solange nur Robert Gernhardt uns nicht genommen wird. Aber die zitierten Sätze gehören zu keiner Lobrede, im Gegenteil, sie sind der Beginn eines Schmäh- und Beschwerdebriefes, mit dem jemand seinem Ärger Luft machen wollte. "Was soll das ,Gedicht'? Wem dient dies?" fragte ein Leser aus Hamburg 1979, nachdem in einer Wochenzeitung Verse Gernhardts unter dem Titel "Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs" erschienen waren. Berechtigte Fragen, zweifellos. Daß sie den Dichter nicht ganz unvorbereitet trafen, zeigt sein Gedicht "Was ist Kunst". Darin heißt es:

Kunst, das meint vor allen Dingen

andren Menschen Freude bringen

und aus vollen Schöpferhänden

Spaß bereiten, Frohsinn spenden

denn die Kunst ist eins und zwar

heiter. Und sonst gar nichts. Klar?

Ob das klar ist? Sie ist heiter!

Heiter und sonst gar nichts weiter!

Heiter ist sie! Wird es bald?

Heiter! Hab'n sie das geschnallt?

Ja? Dann folgt das Resümee;

bitte sehr:

Obenstehendes ist zwar

alles Lüge, gar nicht wahr

und ich meinte es auch bloß

irgendwie als Denkanstoß -

aber wenn es jemand glaubt:

ist erlaubt.

Mag ja sein, daß wer das mag.

Guten Tag.

Man erfährt durch dieses Gedicht, nur eines von mehreren hundert, die der Band "Robert Gernhardt. Gedichte 1954-94" enthält, schon eine ganze Menge über den Verfasser. Hier wagt sich ein Dichter unverzagt an ein großes Thema und behandelt es mit größter Leichtigkeit. Gernhardt zieht die Klassiker an den Haaren, und zugleich zerrt er seine Leser für die Dauer einiger Zeilen zurück auf die Schulbank, wo ihnen das Wesen der Dichtung eingebleut wird wie das kleine Einmaleins. Scheint das Lernziel erreicht, streckt der Dichter die Zunge heraus, wünscht einen guten Tag und verläßt den Saal. Auf die Frage nach dem Wesen der Kunst antwortet Gernhardt mit ihrer Anwendung, die Demonstration ersetzt die Definition. Ein Kunstgriff, aber einer mit Bravour und Eleganz.

Doch ist ein empörter Freund des klassisch gereimten Wortes damit zu begütigen? Gernhardts "Materialien" zu einer Sonettkritik erregten Anstoß, weil sie den Jargon einer Szene parodierten, die in jedem Klassiker nur den Anspruch auf Kanonbildung und in jedem Kanon nur den autoritären Charakter am Werk sah: "Sonette find ich sowas von beschissen / so eng, rigide, irgendwie nicht gut;". Gegen anti-emanzipatorische Zumutungen jeglicher Art setzte sich diese Szene nicht ungern mit jenen Fäkalworten zur Wehr, die den sittsamen Leserbriefschreiber so entsetzten, daß er gar nicht bemerkte, daß die Parodie dieser Phrasen selbst ein Sonett bildete.

Gernhardts Sonett übte Kritik an der Sonettkritik und ließ die Form über den Inhalt triumphieren: ein Gedicht als Kritik des Szenegeschwafels und Apologie der klassischen Gedichtform, gekleidet in eine Kritik der klassischen Gedichtform mit den Mitteln des Szenegeschwafels. Das war zuviel Dialektik für die konservative Rechte und zuviel Ironie für die progressive Linke, deren Mangel an Humor Gernhardt früh bemerkt hatte. So blieb der Dichter weithin unverstanden, und da sich immerhin zwanzig Leser über sein Sonett beschwert hatten, eine in Anbetracht des literarischen Genres erstaunlich hohe Zahl, schien sich ein altes Gernhardt-Wort zu bewahrheiten, das da heißt: "Die große Menge wird mich nie begreifen, / die Pfeifen."

Robert Gernhardts lyrisches Werk aus vier Jahrzehnten, das der Haffmans Verlag jetzt in einem Band versammelt hat, chronologisch geordnet, mehr als fünfhundert Seiten stark, auf Dünndruckpapier gedruckt und so handlich, daß man das Büchlein auf allen Wegen mit sich führen kann, ist ein Studienobjekt für alle, die wissen wollen, wie komische Lyrik funktioniert. Zugleich ist es ein Künstlerroman in Versen. Er erzählt von einem, der auf keinen Fall eine Pfeife unter Pfeifen sein wollte, der früh an Nachruhm dachte und schon in seinen Anfängen recht begabt nachdichtete (unter den vier Schülergedichten von 1954 findet sich eines im Trakl- und auch eines im Benn-Ton). Er zeigt, wie man heute im Tonfall von Ringelnatz und Wilhelm Busch, Morgenstern und Heine dichten kann, wie man dem freien Vers trotzt und unverdrossen die "Wacht am Reim" hält. Er führt vor, wie man die großen Menschheitsthemen Kunst, Liebe und Tod in Knittelverse zwängt oder die kleinen Verlegenheitsworte "Dings", "verdingst" und "Dingens" in Terzinen setzt und aus beidem komische Funken schlägt. Gernhardt relativiert die hohe Form durch den banalen Inhalt, und er adelt die schlichte Form durchs hohe Thema. Der komische Effekt entsteht durch das Aufeinandertreffen des scheinbar Inkommensurablen. Früher mag man Gernhardt vor allem gelesen haben, weil er lustig war. Das ästhetische Vergnügen an der sprachlichen Virtuosität kam erst später hinzu, und bis man merkte, daß er etwas zu sagen hatte, dauerte es sogar recht lang.

1964 ging Gernhardt nach Frankfurt. Er war siebenundzwanzig Jahre alt und staatlich geprüfter Kunsterzieher, hatte an den Akademien in Stuttgart und Berlin Malerei studiert und zu Beginn der sechziger Jahre an der Freien Universität Berlin auch Germanistik. Ende der siebziger Jahre gründete er mit Henscheid, Bernstein, Traxler, Poth und anderen die Satirezeitschrift "Titanic", die "Neue Frankfurter Schule" öffnete ihre Pforten. Der Einfluß der Region ist übrigens nicht von der Hand zu weisen: Gernhardt war immer auch ein Heimatdichter, ein hessischer Stadtbote, der dicke Männer in der Freßgass, herbstliche Bäume in der Neuhausstraße, Tretboote auf dem Main und mit Gottfried Benn das Frankfurter Operncafé besang. Der Künstler karikierte, parodierte, zeichnete, malte, schrieb Verse, Reime und Gedichte - auch und nicht zuletzt über Dichterruhm und Dichterleid.

In dem 1966 erschienenen, gemeinsam mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein verfaßten Band "Die Wahrheit über Arnold Hau" gedachte Gernhardt unter der Überschrift "Tierwelt - Wunderwelt" nicht nur der Wanderratte und des hoffärtigen Schnabeltiers, sondern auch eines Kragenbären, von dem die Nachwelt nicht viel Aufhebens machte. Die Gründe liegen auf der Hand: "Der Kragenbär in seinem Kragen / weiß nichts vom Singen und vom Sagen / . . . und angesichts des Sternenlichts / da blieb er stumm und sagte nichts." Ein Bär ohne Werk also. Dabei ist es doch, wie im letzten Gedicht des Bandes zu lesen steht, das Werk allein, das Ewigkeit verheißt: "Wer keine Kunst gemacht hat, / wie will der fortleben?"

Der Dichter weiß nun zumindest, was er nicht sein will: Kragenbär und Pfeife. Aber wie er "Ich Ich Ich" werden soll, um mit dem Titel von Gernhardts postmodern lasiertem Künstlerroman von 1982 zu sprechen, ist ihm noch nicht klar. Seine Gedichte tragen nun Titel wie "Ich über mich" oder "Die Welt und ich". Eine erste Zwischenbilanz wird mit dem Zyklus "Ich selbst" vorgelegt. Er besteht aus sechs Vierzeilern, die das Ringen des Dichters um Inhalt und Form zum Thema haben: "Ich horche in mich rein. / In mir muß doch was sein. / Ich hör nur ,Gacks' und ,Gicks'. / In mir da ist wohl nix." Auf das niederschmetternde Ergebnis dieser "Selbstbefragung" folgt im Zyklus die "Selbstfindung". Aber auch sie spendet nur wenig Trost: "Ich weiß nicht was ich bin. / Ich schreibe das gleich hin. / Da hab'n wir den Salat: / Ich bin ein Literat." Solche Phasen der Niedergeschlagenheit wechseln mit Momenten, in denen Zweifel am eigenen Werk nicht aufkommen: "Gell? Wer nicht total vertiert ist / schnallt, wie toll das formuliert ist."

Und dennoch: Bis Robert Gernhardt anderen die "Wege zum Ruhm" weisen kann, ist es noch lange hin. Dieses Buch wird Gernhardt erst 1995 schreiben. Zuvor reimt der Dichter die "Hau-Gedichte" und besorgt zahllose lyrische Laubsägearbeiten für die Zeitschrift "Welt im Spiegel", eine Auswahl daraus erscheint 1976 unter dem Titel "Besternte Ernte". Fünf Jahre später folgt der Gedichtband "Wörtersee". Diese frühen Texte machen das erste Drittel des vorliegenden Bandes aus, den der Dichter selbst im Anhang mit recht aufschlußreichen Anmerkungen versehen hat. Den größten Raum, neben allerlei Verstreutem, nehmen die beiden Gedichtbände "Körper in Cafés" (1987) und "Weiche Ziele" (1994) ein. Sie etablierten Gernhardt als wichtige Stimme der deutschen Gegenwartslyrik.

Hatte Gernhardt bis dahin Sprachakrobatik getrieben und der Wortspielwut gehuldigt, etwa von Mardermördern und Mördermardern gereimt, ein nur aus einsilbigen Worten bestehendes "Indianergedicht" geschrieben oder ein "Dreißigwortegedicht" verfaßt, das seinen Titel nicht Lügen strafte, so suchte sich der Dichter seine Gegenstände fortan vor allem im Alltäglichen. Gernhardt spricht nun weniger von der abstrakten Liebe und mehr vom konkreten Begehren, er betrachtet Körper, die erregen, und Körper, die zerfallen. Er beobachtet Zeitgenossen, die einander in Cafés versprechen, was sie zu Hause, im Schlafzimmer, nicht halten können. Man liest das gern, weil es den eigenen Beobachtungen entspricht. Man kennt die schönen Frauen und die dumpfen Typen, man kennt die Kneipen und Cafés, die Sprüche, Meinungen und Maßstäbe. Und auch auf Heinrich Böll hat man sich längst seinen Reim gemacht. Nur war er nicht so schön wie dieser: "Der Böll war als Typ wirklich Klasse / Da stimmten Gesinnung und Kasse. / Er wär' überhaupt erste Sahne, / wären da nicht die Romane."

Dann gleitet der Blick des Dichters von den anderen zu sich selbst. Versagensangst und auch die Erfahrung, daß diese Furcht nicht unbegründet war, werden im Gedicht besungen. Zwar fallen noch immer begehrliche Blicke auf den Nebentisch: "Wer ist der Herr / der rund und satt / da diese schöne / Dame hat?" Aber zuweilen geht es auch schon anders, zumindest im ersten Moment: "Zwei Frauen, dann ich, / dazwischen Leere - / wie schön, daß ich keine / von beiden begehre." Das klingt abgeklärt und gelassen, als wäre hier einer mit sich im reinen. Aber so ist es keineswegs.

Nach wie vor taugen Splitter aus der Alltagswelt wie der Freistellungsauftrag bei der Bank, ein Endspiel im Damentennis oder die Lektüre der Kontaktanzeigen mit ihren irrwitzigen Abkürzungen zu Gegenständen des Gedichts. Dennoch wird der Ton privater, ernster auch. Aus seinem ICE-Abteil sieht der Reisende Stilleben mit Bussard und Mäusekind, Vanitas-Motive allerorten. Auch Zahnausfall ist keine schöne Sache und ruft dem Dichter die eigene Vergänglichkeit in den Sinn: "Ich bin nicht mehr vollkommen / ein Zahn ward mir genommen." So beginnt das Gedicht mit den Titel "Am Abend der ersten Extraktion". Es schließt mit den Zeilen: "Er ging voran, der Rest folgt nach: / Heut abend lag ich lange wach." Der Dichter altert. Er hat einen Menschen verloren, den er geliebt hat, und muß erfahren, daß die Verse, die daraus erwachsen, nicht nur Trost spenden. Der Tod trennt, schafft aber auch neue, unangenehme Gemeinschaften. Er "ernährt Interpreten" - "Die Dichter, die Priester - / Sinngeile Biester / Die Priester, die Dichter - / Feiles Gelichter." So weiß sich der Dichter in seinen dunkelsten Stunden nicht nur metaphysisch unbehaust, sondern auch poetologisch obdachlos.

Zur Trauer gesellt sich Bitterkeit, und der Neid erhebt sein Haupt. Zur Linken ziehen all die "stumpfen Typen" vorbei, die sich einfach nehmen, was man selbst immer nur mit dumpfem Begehren anstarrt. Zur Rechten erstreckt sich unerbittlich die Prozession der besseren Dichter. Ein lyrisches Ich wird überholt. Immer ist einer begabter, betuchter, berühmter, beliebter. So geht es ein Leben lang, bis in den Tod: "Immer einer besser als du / Du kränkelst / Er liegt danieder / Du stirbst / Er verscheidet / Du bist gerichtet / Er ist gerettet: / Einer immer noch besser / Immer / Immer / Immer".

Kein Trost in Sicht? Doch, aber nur für den, der sich bescheiden zeigt, an alte Tugenden denkt und sich ganz klein macht, bis er in ein "Mäusegedicht" paßt:

Und dräut die Katze noch so sehr

sie kann uns nicht verschlingen,

solange wir nur unverzagt

von allem, was noch ungesagt,

von Lust und Frust,

von Frist und List

und dem, was sonst noch sagbar ist,

nicht schweigen, sondern singen:

Das Singen wird es bringen!

Robert Gernhardt: "Gedichte 1954-94." Haffmans Verlag, Zürich 1996. 537 S., geb., 39,80 DM.

Gedichte 1954-94

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.1996, Nr. 282 / Seite L3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel