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Rezension: Belletristik : Das Leben ist eine Personenwaage

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Herrlich, in England ein Verlierer zu sein. England liebt seine Niederlagenverschulder wie andere Länder ihre Sieger. Man muß gar nicht an den desaströsen Skihüpfer Eddi the Eagle zurückerinnern, der Ende der achtziger Jahre durch seine beharrlich herausgeflogenen letzten Plätze bei allen Skiflugveranstaltungen der Welt zum großen Liebling seiner Nation wurde.

          Herrlich, in England ein Verlierer zu sein. England liebt seine Niederlagenverschulder wie andere Länder ihre Sieger. Man muß gar nicht an den desaströsen Skihüpfer Eddi the Eagle zurückerinnern, der Ende der achtziger Jahre durch seine beharrlich herausgeflogenen letzten Plätze bei allen Skiflugveranstaltungen der Welt zum großen Liebling seiner Nation wurde. Und der erst durch die Einführung einer Mindestflugweite von verliererfeindlichen Sportfunktionären gewaltsam aus den Wettbewerben gedrängt werden mußte. Auch David Seaman, der Torhüter der englischen Fußball-Nationalmannschaft, wurde zum begeistert massengetrösteten tragischen Helden, als er in diesem Sommer das WM-Aus seiner Elf gegen Brasilien durch das Passierenlassen eines lächerlichen Lupfballes ganz allein verschuldet hatte. Glück - das haben die Deutschen. Pech zeichnet den sportlichen Engländer aus und die Größe, dies stolz zu tragen.

          Auch Gareth Southgate ist ein solcher großer Verlierer. Er schoß im Halbfinale der Europameisterschaft von 1996, als ein ganzes Land sich darauf freute, daß der Fußball endlich im Triumph nach Hause kommen würde, im Londoner Wembley-Stadion den entscheidenden Elfmeter gegen Deutschland. Hunderttausend Zuschauer im Stadion, vielleicht eine Milliarde an den Bildschirmen zu Hause, und Southgate - verschießt. Was fühlt Southgate jetzt? "Southgate fühlt nichts. Noch fühlt Southgate nichts. Erst sickert langsam die Verzweiflung in ihn ein, mechanisch murmelt er etwas, das vermutlich Scheiße heißt, und er begreift, daß er der unglücklichste Mensch auf der ganzen Welt ist und selbst seine Mutter sich von ihm abkehren wird."

          Das vermutet Karen Duve in ihrem neuen Roman "Dies ist kein Liebeslied". Die Protagonistin dieses Romans hat soeben das Versagen Southgates in einem Londoner Pub inmitten unendlich glücksbereiter englischer Fanmassen miterlebt, versucht nun um alles in der Welt, sich nicht als Deutsche zu erkennen zu geben, und macht sich über das Seelenleben Southgates ihre Gedanken: "Wie viele Jahre Psychotherapie braucht man, bis man einen solchen Fehlschuß verwunden hat?" Eine unendliche Zahl vermutlich. Zumindest sie, Anne Strelau, würde eine unendliche Zeit damit verbringen. Zum Glück schießt sie keine Elfmeter. Es würde aber auch keinen großen Unterschied machen, da sie ohnehin viel Zeit beim Psychiater verbringt. Denn Anne Strelau ist eine unglückliche Frau, die unglückliche Heldin des neuen Unglücksromans von Karen Duve.

          Duve hatte vor dreieinhalb Jahren mit ihrem "Regenroman" einen außerordentlich großen Erstlingserfolg und wurde in die schauerliche Fräuleinwunder-Riege der jüngsten deutschen Damenliteratur aufgenommen. Da paßte sie schon damals nicht hinein, da ihr "Regenroman" die Vernichtungsphantasien eines gewaltbereiten Nicht-Liebespaares im Moor gar nicht fräuleinhaft ausphantasierte. Mit unzähligen literaturhistorischen Anspielungen und einer ironisch immer wieder herbeizitierten romantischen Todessehnsucht hatte Duve gleich mit ihrem Erstling ein brillantes, mitleidloses Untergangsepos des zu Ende gehenden Jahrhunderts geschrieben.

          Jetzt ist endlich ihr zweiter Roman erschienen. Und er weiß von Unglück, Niedergang und Einsamkeit soviel wie sein Vorgänger. Die verzweifelte Person im Zentrum des Buches will nicht auf der Welt sein. Vom Vater mißachtet, von der unseligen Mutter hilflos geliebt, ist das Leben der Anne Strelau von Anfang an mißraten. Häßlich, unsportlich und allein, beginnt sie schon mit zehn Jahren ihre erste Diät. "Der wichtigste Moment im Leben eines Mädchens", schreibt Duve. "Jedenfalls bedeutender als das maßlos überschätzte Ereignis der Entjungferung. Eine Art Initiationsritus, nur daß du nicht als fertige Frau daraus hervorgehst, sondern immer wieder von vorn anfangen mußt. Du bist elf oder zwölf, und vielleicht bist du auch erst zehn, wenn du begreifst, daß du so, wie du bist, auf keinen Fall bleiben kannst. Fortan wirst du versuchen, anders zu sein, und zwar besser - also weniger."

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