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Rezension: Belletristik : Das langsame Schicksal

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Siegfried Lenz in einer Werkausgabe · Von Hans-Ulrich Treichel

          "Der junge Mann und das Meer" überschrieb der Kritiker Friedrich Sieburg seine Rezension von Siegfried Lenz' Erzählband "Jäger des Spotts" (1958). Wir wissen nicht, ob der damals zweiunddreißigjährige Lenz diesen Hinweis auf Ernest Hemingway als Kompliment oder Vorwurf verstanden hat. Zwar sieht man sich als Schriftsteller gern in gute literarische Gesellschaft zitiert, und Hemingway gehört gewiß dazu, doch allzu große Nähe zu einem bedeutenden Vorbild möchte man sich nicht nachsagen lassen, denn womöglich lauert hinter dem freundlichen Vergleich schon der Vorwurf, ein Epigone zu sein. Gegen diesen Vorwurf hätte sich der junge Lenz freilich gefeit fühlen können, denn bereits im Jahr 1955 hatte er seinen wohl größten Erfolg, den Erzählungsband "So zärtlich war Suleyken" veröffentlicht. Das Buch hat zwar viel mit masurischem Humor, aber nur wenig mit Hemingway zu tun, und es hat dem Autor der später ebenfalls äußerst erfolgreichen "Deutschstunde" nicht nur einen sicheren Platz auf dem Olymp der deutschen Gegenwartsliteratur, sondern auch in den Verkaufsregalen der Buchhandlungen gesichert. Lenz' masurische Geschichten sind dort noch immer gut plaziert und in vorderster Reihe zu finden. Doch spektakuläre Erfolge beeindrucken manche Autoren weniger nachhaltig als noch die leisesten Zweifel. Nun sei dies dem Schriftsteller Lenz nicht unterstellt, doch ist immerhin bemerkenswert, daß er sich acht Jahre nach Sieburgs Rezension ausdrücklich mit der Frage nach der Bedeutung Hemingways für das eigene Werk beschäftigt. Daß er dies offensiv und mit einer gewissen Schonungslosigkeit tut, läßt sich schon am Titel des Essays ablesen: "Mein Vorbild Hemingway".

          Der Text ist im soeben erschienenen neunzehnten der auf zwanzig Bände angelegten Werkausgabe enthalten. Der Band versammelt Essays und Rezensionen aus den Jahren 1955 bis 1982, von denen die meisten auch heute noch lesenswert sind. Und dies nicht nur deshalb, weil sie sich mit bedeutenden Autoren der Weltliteratur von Tolstoi, Hamsun, Faulkner, Nabokov bis zu Jünger und Böll beschäftigen. In ihren Reflexionen über das Handwerk des Schreibens beglaubigen sie einmal mehr die von Lenz an anderer Stelle geäußerte Überzeugung, "daß man nicht über andere schreiben kann, ohne gleichzeitig über sich selbst zu schreiben". Mit Vorsatz tut der Autor dies dort, wo er über sein Verhältnis zu Ernest Hemingway Auskunft gibt und eingesteht, daß Hemingway gegenüber eine "erhebliche - sagen wir: Abhängigkeit bestanden hat", und wo er, sich zugleich von Hemingway distanzierend, für sein Schreiben geltend macht, daß "das Leben nicht nur aus Momenten gewaltsamer Erprobung besteht".

          Hatte Hemingway die Tat gefeiert, so kommt es Lenz darauf an, "verstehen zu lernen, was seine Tat begünstigt oder nachträglich widerlegt". Nicht auf die Tat konzentriert sich sein Erzählen, ihm wird der "Raum für Reflexionen" ebenso wichtig wie die "Wahrnehmung der Randzonen" und das, was er "Schicksal" nennt. Anläßlich einer Rezension von Marie Luise Kaschnitz' Erzählungen "Ferngespräche" entwirft Lenz denn auch seine Poetik des Schicksals. Wobei das Schicksal nicht lediglich das tun soll, was es gemeinhin tut, nämlich "zuschlagen". Es soll vielmehr diskret und unscheinbar die menschlichen Geschicke beeinflussen und wie beiläufig seine Wirkungen entfalten.

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