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Rezension: Belletristik : Das Grauen im Frisierspiegel

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"Der Zeuge": Ilja Mitrofanow berichtet vom Genozid

          In den warmen Sommernächten sammelten sich Ukrainer, Zigeuner, Bulgaren, Moldauer und Gagausen um die Lagerfeuer an der Donau Bessarabiens. Tagsüber arbeiteten sie gemeinsam, nachts teilten sie Brot und Wein. Ilja Mitrofanow, 1948 bei Odessa geboren, einer großrussischen Fischerfamilie entstammend, erinnerte sich an die bedächtigen Geschichten, die aus der damals jüngsten Vergangenheit des rumänischen Vielvölkerstaates erzählt wurden.

          1994 tödlich verunglückt, hinterließ Mitrofanow drei Kurzromane: "Zigeunerglück", "Wassermann über Odessa" und "Der Zeuge", allesamt Alltagsgeschichten, die im sozialistischen Blocksystem jedermann zustoßen konnten. Ein Maler trinkt sich um den Verstand, und seine Geliebte, eine Zigeunerin, umsorgt ihn in der Nervenheilanstalt. Zwei Entwurzelte umklammern sich, Außenseiter der "glücklichen sowjetischen Großfamilie".

          Der Kapitän eines russischen Frachtschiffes wird in Afrika aller Papiere und Devisen beraubt. Die sowjetische Miliz bezichtigt ihn des geheimdienstlichen Verrats und bringt ihn dorthin, wo er in sich gehen kann, "und als sie ihn freiließen, war sein Kopf so, daß er für keinen ausländischen Geheimdienst mehr arbeiten konnte, höchstens noch für unseren". Damit die Tochter heiraten kann, erklärt die Familie ihn für tot. Daraus entwickelt sich eine Slapstick-Tragödie; denn der Schwiegersohn des geistesgestörten Kapitäns, ein Taucher, wird an ihm zum Mörder. Durch den Kontrast zwischen der Tragik des Erlebten und der Beiläufigkeit sprachlicher Darstellung vermittelt der Autor ein bedrückendes Bild sprachloser Existenz. Zwei Liebesgeschichten aus dem Milieu ausgebeuteter Beziehungen, des sozialistisch verbrämten Utilitarismus.

          Im letzten, nun erschienenen Teil der Trilogie erzählt ein Zeuge der sowjetischen Besetzung Rumäniens, wie die neuen Machthaber die Bevölkerung Bessarabiens ausplündern, schikanieren und schließlich auszurotten versuchen. Professionell taxiert der Friseur Fedja die Persönlichkeit und Zahlungsfähigkeit seiner Kunden. Spiegelverkehrt durchschaut er auch das neue sozialistische System, dem er willig dient. Es schmeichelt ihm, den sowjetischen Kommandanten unentgeltlich rasieren zu dürfen. Von sich selbst hat er eine hohe Meinung und lädt "den ganzen Schaum seiner Eitelkeit" auf seine Frau ab, die er mit recht unsanften Händen behandelt.

          Für Fedja ist es naheliegend, daß er die Obrigkeit körperlich berühren darf; kein anderer kommt so nah an die Macht heran. Sie fasziniert und korrumpiert ihn, auch wenn er nur scheinbar an ihr beteiligt ist; denn während er im parfümduftenden Reich der Kompressen und des Rasierschaums agiert, verhungern Frau und Kind. Im Frisiersalon als Spiegelkabinett der Außenwelt entwickelt sich die Tragödie Fedjas zur Parabel für die Verfügbarkeit der Schuster, Schneider, Bäcker, Friseure und all derer, die auf Anerkennung angewiesen sind. Der Kunde ist König, und sei er dein Mörder.

          Stalins Ikone mit buschigem Schnurrbart schreckt ab und weckt das berufliche Interesse Fedjas - das wäre ein Kunde! Aber der Hunger verändert ihn, treibt ihn aus dem Salon, in dem er gern der Meister wäre, auf die Straße, und er begreift, "daß das Wichtigste im Leben nicht ein Stück Brot ist". Desillusioniert, fast um den Verstand gebracht, überlebt "der Zeuge" die Liquidierung der Welt von gestern durch die Diktatur der Sowjets, die sie 1940 mit dem Hitler-Stalin-Pakt auf Rumänien ausgedehnt hatten.

          Mitrofanow beobachtet und urteilt aus dem Blickwinkel seiner Erzählfiguren. Er spricht die Sprache der Zigeunerin, des Tauchers aus Odessa und des Friseurs, der in Bildern seines Berufes denkt. Er läßt sie in einfachen Sätzen berichten, mit Lebensklugheit und Witz. Wer viel zu erdulden hat, dramatisiert sein Schicksal nicht. Man gewöhnt sich daran, paßt die Gedanken, "wirr wie ungekämmte Haare", den Notwendigkeiten an.

          Als Fedja bei einer Hungerrevolte allerdings Zeuge von Kannibalismus wird, verliert er das Bewußtsein. Wie im Fieber bittet er Gott, ihm das Gedächtnis zu nehmen. Er schleppt sich nach Hause. Seine Frau erkennt ihn kaum. "Fedja! Dein Haar ist ganz weiß! - Ach, das ist doch nur Mehl, Maria." Dann kommen russische Scharfschützen, stellen Familien, bei denen sie geplündertes Mehl gefunden haben, an die Hauswand und erschießen sie. Es gibt nur wenige Überlebende. "Niemand hat erzählt, wer von seiner Verwandtschaft ,nach dem Paragraphen' erschossen worden war. Als ob nichts passiert wäre. Gar nichts. Über Brot redeten sie."

          Es gibt wenige Schriftsteller - Werfel, Tabori, Edgar Hilsenrath mit seinem Roman "Der Nazi & der Friseur" -, die den Genozid in Worte zu fassen vermochten. Ilja Mitrofanow, eine Hoffnung der postsowjetischen Literatur, gehört zu ihnen. HANS-PETER KLAUSENITZER

          Ilja Mitrofanow: "Der Zeuge". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Ingeborg Schröder. Verlag Volk & Welt, Berlin 1996. 175 S., geb., 28,- DM.

          Der Zeuge

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.1996, Nr. 181 / Seite 36

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