Home
http://www.faz.net/-gr4-3y28
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Rezension: Belletristik Das Fieber und die Lanze

MADRID, 29. OktoberIn Deutschland hält man den 1951 geborenen Javier Marías für einen Bestsellerautor, weil deutschsprachige Leser ihn dazu gemacht haben. Der inneren Wahrheit seines Werks entspricht es aber eher, von einer gewissen Ernüchterung des Massenpublikums zu sprechen. Auf den gigantischen ...

MADRID, 29. Oktober

In Deutschland hält man den 1951 geborenen Javier Marías für einen Bestsellerautor, weil deutschsprachige Leser ihn dazu gemacht haben. Der inneren Wahrheit seines Werks entspricht es aber eher, von einer gewissen Ernüchterung des Massenpublikums zu sprechen. Auf den gigantischen Erfolg des Romans "Mein Herz so weiß" (spanisch 1992) folgte der mit Preisen überschüttete, doch im Handel weniger erfolgreiche Roman "Morgen in der Schlacht denk an mich" (1994). Und auf diesen das halb fiktionale, halb autobiographische Buch "Schwarzer Rücken der Zeit" (1998), das manche Kritiker verärgert, andere in Verzückung versetzt, in jedem Fall aber die Konsumenten von Bahnhofsliteratur in Verwirrung gestürzt hat, und sei es nur, weil kein Etikett auf dem Ding haftenblieb. Jetzt, abermals vier Jahre später, hat der bedeutendste spanische Erzähler der Gegenwart einen neuen Roman herausgebracht, "Tu rostro mañana" (Dein Gesicht morgen). Der 470 Seiten starke, bei Alfaguara erschienene Band liefert allerdings nur den ersten Teil. Auf "Fieber und Lanze" - so der Untertitel - soll irgendwann eine Fortsetzung folgen.

Für das ungewöhnliche Verfahren bat Marías bei der Präsentation des Buches um Entschuldigung. Beides - den Leser im ungewissen zu lassen und ihn mit einem überfetteten Buch einzuschüchtern - sei unhöflich. Da er tausend Seiten heute nicht mehr für vertretbar halte, habe er sich für die zweite Unhöflichkeit entschieden. Allerdings, den ersten Reaktionen nach wird der halbierte Marías den Erfolg nicht gefährden. Einmütig hat die spanische Kritik "Tu rostro mañana" in den ersten drei Tagen nach Erscheinen in den Himmel gehoben. "El País" spricht von einem "Genuß". Die katalanische Zeitung "La Vanguardia" sieht in dem "brillanten Roman" den "besten Marías" am Werk, "einen unserer wenigen unanfechtbaren Schriftsteller". Und "ABC", ein dem Autor nicht gerade nahestehendes Blatt, findet für die romanhaft-essayistische Schreibweise, den "discurso total", dieses Romans in der spanischen Literatur keinen Vergleich: Marías sei gegenwärtig einer der großen Schriftsteller Europas.

Das Überraschende an diesen Äußerungen ist weniger das Urteil selbst als der Umstand, daß die Marías-Feinde vorläufig in Deckung gegangen sind. Es scheint, als hätte das Buch ihnen die Lust an der persönlichen Attacke genommen, die sich in Spanien gern als Literaturkritik tarnt. Dabei hat Javier Marías nichts getan, um dem gewohnten Tadel aus dem Weg zu gehen. Sein neuer Roman knüpft durch den Schauplatz Oxford nicht nur an den Roman "Alle Seelen" von 1989 an und erzählt, was aus dem Personal des damaligen Buches ein gutes Dutzend Jahre darauf geworden ist. "Tu rostro mañana" macht sich auch der schlimmen Provokation schuldig, die Neigung des Autors zur englischen Sprach- und Geschichtswelt in keiner Weise zu verhehlen. Es hat schon Madrider Schriftstellerkollegen gegeben, die Marías' Anglophilie als "unspanisch" gegeißelt und dafür plädiert haben, den unpatriotischen Gesellen aus der wärmenden Herde auszustoßen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Peter Härtling in Bad Homburg Das Jahrhundert des Flüchtlingskindes

Peter Härtling wird in Bad Homburg mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet. Der Autor der behutsamen Empathie spricht deutliche Worte zum Elend der Kinder. Mehr Von Florian Balke, Bad Homburg

10.11.2014, 14:14 Uhr | Rhein-Main
Literaturpreis Open Mike Wildhüter begegnen Arztsöhnen auf der Jagd

Das Nadelöhr von Neukölln: Beim Open-Mike-Wettlesen suchen Autoren mit Entschlossenheit nach dem prekären Milieu. Die Zuschauer verlangen nach Reizen jenseits der Literaturbetriebslogik. Mehr Von Wolfgang Schneider

10.11.2014, 17:11 Uhr | Feuilleton
Reiner Stachs Kafka-Biographie Das Leben des Buchs beginnt mit dem Tod des Autors

Dieses ist der dritte Streich: Reiner Stach schließt nach achtzehnjähriger Arbeit seine große Kafka-Biographie ab. Entstanden ist ein Werk, das auf ein seltenes Prinzip setzt: die zärtliche Langsamkeit. Mehr Von Roland Reuß

15.11.2014, 18:56 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.10.2002, 12:00 Uhr