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Rezension: Belletristik : Das Einbohren der Finger ins Nervengeflecht

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Inka Pareis starkes Debüt Von Thomas Wirtz

          Als literarisches Biotop ähnelt die Großstadt einem Wasserloch in der Wüste. "Lebe gefährlich" steht an ihrer Grenze, Gebot und Fluch zugleich. In dieser abgeschlossenen Welt ist der Kriminalroman entdeckt worden. Er protokolliert das Artensterben und ist so zynisch, dass er dem Tathergang mehr Aufmerksamkeit schenkt als seinem Opfer. Eugène Sue beschreibt vielbändig den Pariser Sumpf, zeichnet den Hinterhof als uneinsehbaren Tatort und erkennt im Treppenhaus die Himmelsleiter, die niemals jemand wieder hinuntergestiegen ist. Edgar Allan Poe folgt dem Mann in die Menge und erlebt die Unausweichlichkeit der Passanten wie ein Schicksal, jeder Fußgänger ein treibender Täter, der nur durch die Qual der Opferwahl blockiert wird. Jeder Moment kann beim Bad in dieser Menge das Ertrinken bringen oder hinter der Mauerecke das Meuchelmesser. Spätestens beim harten Fall des Opfers liegt auch für den Verbrecher das Geld auf der Straße.

          Seit dem Hauptstadtbeschluss hat auch Deutschland wieder einen solchen Sitz des kapitalen Verbrechens und damit Anschluss an ein Metropolengenre gefunden. Unübersehbar aber bleibt, dass der Berlin-Roman einen Sonderweg beschreibt. Auch Inka Pareis Debütroman ist ein Kriminalwerk, das sich virtuos aus den Arsenalen der Gattung bedient und nur von dem scheinbar Entscheidenden: dem Mordopfer, nichts wissen will. Die Schattenboxerin, so der Titel ihres Buches, braucht keinen Gegner, weil sie an den eigenen Bewegungen genug hat. Verletzen kann sie in ihren Kämpfen nur sich selbst.

          Die Lehniner Straße im Ostteil Berlins ist ein Ort tiefster Verwahrlosung. Fremde meiden diese Gegend, sofern sie nicht den Wagemut und das Interesse von Abbruchunternehmern mitbringen. In den Hauseingängen sammelt sich der Urin in Pfützen wie nach einer Regenzeit, Müll streunt über die Hinterhöfe und wächst zu Zivilisationskippen heran. In den Fluren brechen die Dielenbretter, fehlende Außenwände erlauben überraschende Einblicke auf leer geräumte Wohnungsbühnen, herausgerissene Klingeln vereiteln möglichen Besuch. Nach der Verschleppung einer Kellergreisin ins Altersheim bleiben zwei allein stehende Frauen zurück, die nur der mietfreie Wohnraum zum Ausharren überredet. Aufmerksam registriert die Ich-Erzählerin Hell die regelmäßigen Lebensgeräusche ihrer Nachbarin Dunkel, bis diese eines Tages aussetzen und das unbelebte Haus alleine zurücklassen. Ihre "Außenklo-Partnerin" ist verschwunden, die gegenseitig versicherte Existenz von Hell und Dunkel, dieses Chiaroscuro zweier unbekannter Frauen und ihre manichäisch grundlose Einheit damit zusammengebrochen. Hell, die scheinbar letzte Überlebende, macht sich auf die Suche nach ihrer Nebenbewohnerin, ohne mehr von ihr zu kennen als das Abziehgeräusch der Wasserspülung.

          Hell befindet sich in einem Zustand kontrollierter Verwahrlosung. Der Leser begegnet ihr unvermutet in einem Augenblick, als das Experiment, sich "noch weiter zu minimieren", beinahe den Punkt einer unumkehrbaren Selbstauslöschung erreicht hat. Ihre Wohnung ist von fast allen Annehmlichkeiten befreit und so leer geräumt wie ihr Seelenleben, das die Behaglichkeit einer entfrosteten Kühltruhe verströmt. Kaum eine Regung dringt aus diesem verschlossenen Innenraum hervor, kein Gefühlslaut deutet an, dass das wache Registrieren der Außenwelt zu einer leicht erhöhten Betriebstemperatur führen könnte.

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