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Rezension: Belletristik : Das dauerhafte Grinsen im Opel Admiral

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Westfälischer Unfriede: Hans-Ulrich Treichels meisterhafte Erzählung "Der Verlorene" / Von Gerhard Schulz

          Diese Geschichte vom verlorenen Sohn, die Hans-Ulrich Treichel erzählt, ist traurig, komisch, makaber, amüsant, beklemmend, banal, eine unerhörte Begebenheit und ein kleines Meisterwerk. Kriegsszenerie: Flüchtlingszüge, eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm. Feindliche Soldaten ergreifen die Frau, die angstvoll das Kind einer anderen gibt; aber nachher, als die Männer ihre Lust an ihr gestillt haben, ist die Fremde mit dem Kind uneinholbar davongezogen im Sog des Trecks und der Weltgeschichte. Das ist Stoff, aus dem sich antike Tragödien oder Shakespearesche Verwechslungskomödien machen ließen; bei Treichel ist eine deutsche Tragikomödie daraus geworden. Ihr Anfang ereignet sich im Ostpreußen des Jahres 1945, und nicht recht zu Ende geht sie irgendwo in dem allmählich wieder zu Wohlstand gekommenen deutschen Westen.

          Das schlimmste Leid, das einer Frau widerfahren kann, sagt man zuweilen, sei der Verlust ihres Kindes. Diese Mutter hier bekommt allerdings nach dem verlorenen, vom Sturm des Krieges verwehten Sohn später noch einen zweiten, der dafür sorgt, daß Tragödie und Satyrspiel wie ein Teig vermischt werden, denn dieser etwas "zu dick geratene pubertierende Knabe" ist der Erzähler von Treichels unerhörter Begebenheit. Verlorene Söhne pflegen einen privilegierten Status bei den Eltern innezuhaben, wie man vom Apostel Lukas weiß. Diesem Sohn hier kann zwar zur Heimkehr kein gemästetes Kalb geschlachtet werden, denn er kehrt nicht heim; aber man wird ihn immerhin in einem Fleischerladen beinahe gefunden zu haben glauben. Bis dahin jedoch ist es noch ein verwickelter Prozeß.

          Von der schwierigen, hindernisreichen Suche nach dem verlorenen Arnold handelt hauptsächlich, was der kleine Bruder zu berichten hat, und da diese Suche zum Lebensinhalt der Mutter geworden ist, muß das jüngere Kind um ihre Liebe auf seine Weise ringen. "Sibling rivalry" - Geschwisterrivalität - nennt die Psychoanalyse dergleichen Konflikte, und auch die können gelegentlich die Dimensionen großer Tragik annehmen. Aber nicht bei den Atriden spielt sich ab, was hier erzählt wird, sondern irgendwo im Westfälischen, wohin der Krieg diese Kleinfamilie gespült hat und wo man sich eine neue Existenz gründet. Denn man ist fleißig. "Weder der schwäbisch-pietistische noch der ostpreußische Mensch ist auch nur annähernd in der Lage, so etwas wie Freizeit oder Erholung zu genießen", weiß der kleine Bruder aus dem Munde der Eltern zu berichten, wenn sie von ihrer Herkunft reden. Das Gespräch über deutsche Stammeseigentümlichkeiten aber ist ebenso beliebt wie fragwürdig.

          In Treichels Erzählkunst steckt viel Hinterhältigkeit. Was dieser dicke Knabe arglos, zutraulich, gutgläubig, grollend, bekümmert mitzuteilen hat, ist in Wirklichkeit ein ganzes Panorama deutscher Trivialitäten und Platitüden. Ohne Zweifel gehört dieser Erzähler in die von Oskar Matzerath angeführte Schar tückischer deutscher Literatursöhne. Ständig erbricht er sich unterwegs, auch in des Vaters neuen Opel Admiral, und er leidet bei allen unpassenden Gelegenheiten an einer Trigeminusneuralgie, einem krampfartigen Grinsen, das seinen Vater stets in Rage bringt.

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