30.08.1997 · Der große Romancier Jurij Dombrowskij · Von Sabine Brandt
Im Mai 1978 überfielen auf Moskaus Straßen gedungene Schläger den Schriftsteller Jurij Dombrowskij und prügelten ihn so unbarmherzig, daß er an den erlittenen Verletzungen starb. Der Grund: Dombrowskij hatte den stalinistischen Terror zum literarischen Gegenstand gemacht, und obendrein hatte er gerade den einschlägigen Roman "Die Fakultät der unnützen Dinge" im Pariser Emigrantenverlag YMCA-Press erscheinen lassen. Für ähnliche Provokationen war vier Jahre zuvor Solschenizyn aus dem Land getrieben worden, doch hatte der Sowjetstaat lernen müssen, daß ihm solche Aktionen wenig Gewinn brachten. Der Rausschmiß erregte weltweites Aufsehen, das dem schreibenden Staatsfeind zugute kam, dem sowjetischen Image aber nur häßliche Flecken verschaffte. Also wurde der Fall Dombrowskij intern erledigt, sozusagen innerhalb der Sowjetfamilie.
Der Schriftsteller, damals neunundsechzig Jahre alt, hätte ohne die Mordbüberei durchaus noch das Ende des Sowjetsystems erleben und wenigstens den Beginn der Anerkennung genießen können, die ihm danach zuteil wurde. Das nachkommunistische Rußland produzierte eine sechsbändige Werkausgabe, und Dombrowskij gilt seither als bedeutender Schriftsteller der Sowjetära - jener Epoche, die ihn beharrlich ins Gedächtnisloch verdrängt hatte. Der Sohn eines Rechtsanwalts, am Literaturinstitut seiner Geburtsstadt Moskau ausgebildet, schrieb nämlich schon seit den dreißiger Jahren. Einige Erzählungen und Romanversuche erschienen irgendwo in der Provinz, doch wurden sie nicht beachtet, geschweige denn gefördert. Denn ihr Autor hatte sich mit seiner Dissertation über "Die Quellen des Christentums in der Antike" in die ideologischen Nesseln gesetzt, war 1933 ins kasachische Alma-Ata verbannt und von 1939 an zwölf Jahre lang durch Lager und Gefängnisse geschleppt worden. Welcher Literaturredakteur der Stalinzeit hätte sich freiwillig eine solche Laus in den Pelz gesetzt?
Erst 1964 veröffentlichte die Moskauer Zeitschrift "Nowyj mir" Dombrowskijs Roman "Der Hüter der Altertümer", jedoch nicht ohne massive Eingriffe in den Text. Unter anderem verschwand das gesamte Schlußkapitel, in dem einstige Lagergefangene die durchlittene Hölle zum Maßstab für das Stalinsche System machen. Trotzdem blieb genug Aufbegehren übrig, und es nimmt wunder, daß dieser Roman 1964 noch erscheinen konnte. Immerhin war es das Jahr, in dem Chruschtschow stürzte und das sogenannte Tauwetter seiner Ära der Breschnewschen Erstarrung wich. Der Abdruck in "Nowyj mir" rief denn auch kaum ein Echo hervor, über die Buchausgabe zwei Jahre später legte sich Schweigen.
Jurij Dombrowskij blieb eine Unperson in seinem Land. Die dreißigbändige "Große Sowjet-Enzyklopädie", letzte Ausgabe, erschienen zwischen 1970 und 1981, kennt ihn nur im Zusammenhang mit dem Abschnitt XIV des Artikels "Kasachische Sowjetische Sozialistische Republik". Es geht da um die Beziehung zwischen der kasachischen Literatur und den Literaturen anderer Völker der UdSSR und darum, daß ein Dutzend Spezialisten, unter ihnen Dombrowskij, diese Beziehungen gepflegt haben. Da die heimischen Quellen den Schriftsteller so gründlich totschwiegen, wußten auch westliche Literaturfachleute nichts von ihm. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetmacht zog Jurij Dombrowskij in die Lexika ein.
Sehr spät siegten die guten Geister über die Dämonen. Die Auferstehung des Schriftstellers Dombrowskij ist ein doppeltes Geschenk, nicht nur im feierlichen Sinne höherer Gerechtigkeit, sondern auch für die Liebhaber guter Literatur. Denn Dombrowskijs Bücher erschöpfen sich nicht in der politischen Abrechnung mit einem der Totalitarismen unseres Zeitalters. Sie erzählen vielmehr Geschichten aus den Menschenleben, die sich in unserem Jahrhundert abspielten und unsere Anteilnahme herausfordern, so wie es jede interessante Erzählung tut. Hierzulande konnte man das erstmals 1990 erfahren, als "Die Fakultät der unnützen Dinge" in deutscher Sprache erschien, jener Roman, um dessentwillen Jurij Dombrowskij erschlagen wurde.
Jetzt, sieben Jahre später, folgt der Roman "Der Hüter der Altertümer". Die historische Logik der Handlungen verweist das zuletzt erschienene Buch an die erste Stelle, denn es kündigt die Entmenschlichung an, von deren alltäglicher Praxis "Die Fakultät der unnützen Dinge" berichtet. Das heißt aber nicht, daß nur die Lektüre beider Bücher das jeweils eine begreifbar macht. Dombrowskij steckte immer voller Geschichten und wußte mit jeder einzelnen die Wißbegier seiner Leser zu befriedigen. So auch mit dem Roman "Der Hüter der Altertümer", in dem er seiner Verbannungsstadt Alma-Ata ein liebenswertes Porträt zeichnete und zugleich das Vorfeld der großen Stalinschen Säuberungen ausmaß, das sowjetische Leben in den Jahren 1933 bis 1937.
Den Helden dieses Romans hat der Autor sich selbst nachempfunden. Sein "Hüter" ist ein Moskauer Intellektueller, verbannt nach Kasachstan und dort verwendet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum von Alma-Ata, Abteilung Altertümer. Von dem, was der kasachische Boden an alten Funden spendet, mithin von der menschlichen wie technischen Vergangenheit des "Siebenstromlandes", erfahren wir viel, und alles ist wert, notiert und erzählt zu werden. Der "Hüter", namenlos bis zum letzten Kapitel, zeichnet uns die Vielfalt der Natur ringsum und mitten in ihr die Stadt, deren aus Holz gebaute, lichtdurchflutete Kathedrale den sowjetischen Atheisten als Museum dient. Gelehrte und Arbeiter sind darin am Werke, alle krampfhaft bemüht, das Volk zu verkörpern, von dem die Sowjetmacht ständig spricht. Weitere Repräsentanten dieses Volkes wohnen und arbeiten weit vor den Toren, im Kolchos "Gigant der Berge".
In der Romanszene mischt sich provinzielle Gemächlichkeit mit der Unruhe schlechten Gewissens. Eigentlich bieten Stadt und Landschaft alles, um behaglich leben und arbeiten zu können. Über lange Partien scheint es denn auch, als preise der Autor ein Paradies an. Aber kein Paradies ohne Schlange. Tatsächlich windet sich durch die Phantasie der Leute eine tückische Riesenboa, obwohl ein Moment Nachdenken jedem klarmachen müßte, daß in den Bergen um Alma-Ata keine Boas gedeihen. Doch wer denkt schon nach, wenn ihn die Angst zermürbt, heute oder morgen von der Staatsmacht gewogen und zu leicht befunden zu werden? In der Boa materialisiert sich das lauernde Unheil.
In den friedlichen Provinztrott bricht immer wieder ein hysterischer Kampf um Rechtfertigung, der jegliches Selbstverständnis unterhöhlt und die Beziehungen untereinander vergiftet. Brigadier Potapow zum Beispiel aus dem Kolchos "Gigant der Berge" erscheint uns zunächst als schlichter Bauer, kauzig, wodkafroh und menschenfreundlich. Aber da gab es einen Bruder, der als Volksfeind erschossen wurde, und Potapow kann sich nicht genugtun, dieser Hinrichtung zu applaudieren. Bis er selbst in die Schußlinie gerät und sein sorgsam gehätschelter Glaube in tausend Stücke zerspringt. Die Genossin Ajupowa, Leiterin der Auslandsabteilung in der Öffentlichen Bibliothek, macht aus einem läppischen Druckfehler eine staatsfeindliche Aktion. Böse Folgen drohen, und der "Hüter" wehrt sich gegen die Denunziation, aber dann sagt der Redakteur der betroffenen Zeitung: "Sei der Ajupowa nicht allzu böse. Bei ihr hat man vor einer Woche den Mann abgeholt." Michail Stepanowitsch, dessen Familienname geheim bleibt, und Sofa Jakuschewa, juristische Doktorandin, schließen Freundschaft mit dem "Hüter". Aber als der in Sachen des Brigadiers aussagen soll, sind es diese beiden Freunde, die das Verhör führen.
Zählt man diese und andere Bedrückungen zusammen, dann scheint im kasachischen Siebenstromland die Luft zum Atmen knapp. Doch der Autor vermeidet solche Summierungen. Er erzählt seine Geschichten, als gebe es, trotz aller unguten Ahnungen, immer auch eine Hoffnung. Strikt nimmt er die Position derer ein, denen die dreißiger Jahre unmittelbare Gegenwart waren, und beharrt auf dem Recht seiner Figuren, nicht klüger sein zu müssen als ihr jeweils gelebter Augenblick. Dadurch gewährt er ihnen überhaupt erst die Chance zu leben. Wären sie sich unaufhörlich ihrer Gefährdung bewußt, es bliebe ihnen eigentlich nur der Selbstmord. Dombrowskij jedoch sorgt dafür, daß der Schrecken seinen Alltag hat. Wie alle Alltage ist auch dieser manchmal banal, zuweilen aber unerwartet schön. Wer überleben will, muß sich mit ihm verbünden und darf nicht darüber nachdenken, daß er vielleicht scheitern wird.
Wenn wir uns von Alma-Ata verabschieden, ist der "Hüter" noch frei. Doch nicht mehr lange, das wissen wir, obwohl es uns an dieser Stelle niemand sagt. Erst auf den letzten Seiten blickt der "Hüter" aus ferner Zukunft zurück auf die Lagerhölle der einstigen Gegenwart, und mit ihm erinnert sich der Verhöroffizier Michail Stepanowitsch, denn auch er fiel schließlich der Säuberung zum Opfer. Dies steht im Schlußkapitel, das "Nowyj mir" unter Chruschtschow nicht zu drucken wagte. Zugleich ist es die Überleitung zum Folgeroman "Die Fakultät der unnützen Dinge", in dem zur Sprache kommt, was der Roman vom "Hüter" vorbereitete.
Jurij Ossipowitsch Dombrowskij: "Der Hüter der Altertümer". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Margret Fieseler. Claassen Verlag, Hildesheim 1997. 384 S., geb., 39,80 DM.