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Rezension: Belletristik : Christian Kracht: Faserland

  • Aktualisiert am

Christian Krachts Deutschlanddurchquerung "Faserland" ist das am meisten mißverstandene Buch der neunziger Jahre. Es wurde mit den falschen Argumenten gemocht und mit den richtigen Worten kritisiert; in der Kritik steckte kaum etwas Wahres. Das Buch traf seine Leser so unvorbereitet, daß sie erstaunt waren, ...

          Christian Krachts Deutschlanddurchquerung "Faserland" ist das am meisten mißverstandene Buch der neunziger Jahre. Es wurde mit den falschen Argumenten gemocht und mit den richtigen Worten kritisiert; in der Kritik steckte kaum etwas Wahres. Das Buch traf seine Leser so unvorbereitet, daß sie erstaunt waren, wie lustig diese Geschichten aus Party-Deutschland klangen, von Fisch-Gosch, Champagner und Scampis auf Sylt, von bunten Pillen, schwulen Burschenschaftlern und schwarzen Models in Hamburg, Frankfurt und Heidelberg, von kleinen Clubs in München und großen Festen am Bodensee - und wenn es lustig klang, dann mußte das wohl Pop sein, schließlich, das wußten sie aus den bunten Magazinen, schließlich war jetzt alles Pop. Aber mit Pop, was auch immer das war, hatte dieses Buch herzlich wenig zu tun, und alle, die in der gewissen Zärtlichkeit, mit der Kracht die Oberfläche der Dinge streichelte, nur die Affirmation herauslasen, konnten einfach nicht entziffern, daß sich das Leiden an der Welt heute anders buchstabiert.

          Es ist eine Topographie des Hedonismus im Verfallsstadium, die Kracht zeichnet, und er geht dabei so prätentiös wie ehrlich vor, so entspannt wie stilsicher - doch eigentlich handelt "Faserland" von etwas anderem: Es ist ein sehr deutsches Buch, denn es dreht sich alles in den Strudel der Angst hinein. Das ist die dunkle Dynamik, die die Erzählung vorantreibt, kombiniert mit einem Haß auf dieses Land, was das ganze Unternehmen auch wieder sehr deutsch erscheinen ließe, würde Kracht nicht auf eine so bislang noch kaum gesehene Art seinen Haß in eine kosmopolitische und episch ergiebigere Form gießen: Dieses Buch ist geprägt von der höheren Form des Hasses, es ist ein Produkt des Ekels.

          Wie auch Krachts grandiose Untergangsphantasie "1979" ist "Faserland" die Geschichte einer Reise, die im Verschwinden oder in der Selbstauslöschung endet - der Ekel vor der Welt ist immer auch ein Ekel vor sich selbst, was dem markenbewußten Nihilismus des Buchs einen poetischen, fast schon ethischen Kern gibt. Christian Krachts Weg, sich der Welt zu nähern, ist die Flucht; das Vorurteil ist seine Art, sich die Welt zu erschließen, und das Ressentiment ist seine Form der Romantik. Zwischen die Bilder aus einem Land, in dem alle Rentner aussehen wie alte Nazis und sich Männer mit bunten Brillen Namen ausdenken wie "Bord-Treff", schieben sich immer wieder Kindheitserinnerungen; und was Kracht über seine Sehnsucht nach der Schauspielerin Isabella Rosselini sagt, beschreibt sehr gut die feine Distanz, mit der er sich die Welt vom Leib hält, obwohl er sich so danach sehnt: "Ich meine, ich berühre sie nicht, ich denke auch nicht direkt an sie, sondern lasse sie am Rand meiner Gedanken auftauchen, ohne ihr näherzutreten oder mit ihr zu sprechen, ohne sie anzusehen."

          Es ist eine Reise ohne offensichtlichen Grund, die Kracht in "Faserland" beschreibt: ein Vaterland, das er wie von außen betrachtet und das ihm dabei immer mehr zwischen den Fingern zerrinnt. Freunde mit mottenzerfressenen Pullis oder grünen Barbourjacken tauchen auf und verschwinden wieder, Erinnerungen verblassen im trunkenen Taumel und im Drogennebel. Im Denken und Fühlen reklamiert Kracht in dandyhafter Anmaßung die Autobiographie einer Zeit für sich: Das Bild, das er von Deutschland zeichnet, ist so präzise wie einseitig und gibt im Kern doch das wieder, was Jahre später in blinder Häme über die Literatur ausgeschüttet wurde, die als Reaktion auf den Befreiungsschlag Krachts entstand - Kracht erzählt vom Ende einer Welt, noch bevor der sogenannte Mainstream überhaupt erkannt hatte, daß es diese Welt gab, geschweige denn, daß sie schon wieder vorbei war. Krachts Kunst ist, die Zeitnähe seiner Erzählung mit einem Gefühl von existenzieller Verlassenheit zu verbinden.

          "Ich denke an die Hände der Geschäftsleute und an die der Betriebsräte, wie sie aufeinanderprallen beim Klatschen, die fetten Wursthände, die ganz rosa werden vom vielen Klatschen, und ich wünsche ihnen, mitsamt ihren Swatch-Understatement-Uhren, die sie auf dem Rückflug von Pattaya im Dutyfree in Bangkok gekauft haben, den Tod." Es gibt keinen Ausweg aus dem Labyrinth der Möglichkeiten: Die Welt, die Christian Kracht sieht, verachtet er; aber sie ist die einzige, die er hat. So willenlos und passiv aber dieser deutsche Dandy wirkt, der auch darin mehr als wesensverwandt ist zum Helden von "1979", so sehr reibt er sich doch wund an dieser Welt, von der er nichts will als Liebe und Glück und die ihm nichts gibt als "SPD-Nazis" und ICE-Funktionalität. "Bald sind wir in der Mitte des Sees", so endet dieser Roman. "Schon bald."

          Es geht in "Faserland" um nicht weniger als die Möglichkeit von Freiheit.

          gdi

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