Home
http://www.faz.net/-gr4-6qfa4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Belletristik Blindheit ohne Einsicht

 ·  Bei Gilbert Adair stirbt schon wieder ein Autor / Von Julia Encke

Artikel Lesermeinungen (0)

Eine Geschichte ist genau dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, verkündet das Motto bei Gilbert Adair. Zu spät kommt John Ryder zu seinem Vorstellungsgespräch in die Cotswold Hills. Das Landhaus liegt abgelegen und erinnert an die Zelle eines mittelalterlichen Gelehrten oder Heiligen, an eine Versenkung, in der man beim Eintreten verschwindet. Niemand würde hierher kommen - bis auf eine Haushälterin vielleicht. Keine Zeitungen, kein Radioapparat, kein Fernsehen. Nur wenige Kilometer von London entfernt konnte einem die Welt schon gestohlen bleiben. Adairs Leser sind auf alles gefasst.

Ein bekannter Schriftsteller ist es, der bei einem Autounfall in Sri Lanka am ganzen Körper Verbrennungen erleidet, das halbe Gesicht und beide Augen verliert und jetzt nach einem Sekretär sucht. Fremde Augen sollen an die Stelle der seinen treten. Jemand, der die Welt nicht nur für ihn beobachtet, sondern die Beobachtungen an ihn weitergibt, so dass er sie in Prosa umgießen kann, jemand, der die Orte seiner Vergangenheit noch einmal aufsucht. Er träumt von einer Autobiografie.

Der Roman wird sie als Geschichte der Buchstabierungen und Lektüren, der Verbesserungen und Wiederholungen dokumentieren. "Ich bin blind", lautet der erste Satz eines langen Diktats. Der junge Ryder leiht dem Autor die Augen und macht seine Sache gut. Er achtet darauf, dass im Haus auch das Licht brennt, dass die Türen einen Spalt offen stehen, begleitet den väterlichen Freund auf die Straße. Aber irgendetwas stimmt nicht. Irgendwas ist faul. Vielleicht existiert das diktierte Wort nicht als geschriebene Datei. Vielleicht ist der Sekretär ein Manipulateur, ein Fälscher, ein Betrüger?

Haushälterinnen schnüffeln gern, und bei Adair sorgt Mrs. Kilbride für quälende Unruhe. Was das für ein Puzzle sei, das zusammengesetzt auf dem Tisch liege, fragt sie den Blinden eines Morgens. Sein liebstes Gemälde - das Selbstbildnis von Rembrandt - hatte dieser beschreiben wollen und John in die Nationalgalerie nach London geschickt. Im Souvenirladen sollte er ein Puzzle davon kaufen, es auf dem Tisch ausbreiten und nur die Teile mit den Augen aussparen. Alle großen Selbstporträts seien von Blinden gemalt, so seine Behauptung. Ein Rembrandt ohne Augen war die Allegorie seiner Autobiografie. Zwei Männer seien doch aber auf dem Bild zu sehen, lenkt Mrs. Kilbride ein, ein "zusammengequetschtes und gestrecktes" Ding läge da außerdem am Boden.

Der Blinde sieht sich betrogen. Nicht der Rembrandt, Holbeins "Gesandte" lagen hier, und Ryder hatte kein Wort darüber verloren. Es ist die verborgene Ankündigung eines Duells und ein böses Zeichen. Ein Blick im Weggehen, schräg über die Schulter, lässt die Konturen jenes "blinden Flecks" erkennen, den Mrs. Kilbride meint. Es ist ein in den Bildraum gesetzter Totenschädel, der als "hohles Bein" auf den Künstler selbst verweist, auf Holbein, den Namen des Autors.

"Der Tod des Autors" hieß Gilbert Adairs vorletztes Buch. Es war seine Abrechnung mit der "Theorie", jenem "kleinen, engen und inzestuösen Universum der Literaturwissenschaften". Eine Biografie sollte darin geschrieben werden. Fast überdeutlich spielte der Roman auf den Literaturtheoretiker Paul de Man an, dessen nazistische Artikel aus der Kollaboration man 1987 entdeckt hatte. De Mans "Dekonstruktion" stand nun unter Verdacht, politische Vergangenheit vertuschen zu wollen. In seiner Fiktion allerdings ging es Adair nicht darum, das prekär gewordene Verhältnis von Theorie und Ideologie neu zu bestimmen. Er verstrickte seinen Helden kurzerhand in einen Krimi, nahm ihn beim Wort und ließ ihn am bekannten Diktum vom "Tod des Autors" buchstäblich krepieren.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Blindband

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999, Nr. 279 / Seite L6
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (0) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Colm Tóibín im Gespräch Marias Erfahrung, in all ihrer traumatischen Rohheit

Der irische Schriftsteller Colm Tóibín erzählt in seinem jüngsten Buch „Marias Testament“ die Passionsgeschichte aus der Sicht der Mutter Jesu. Eine Provokation? Oder eine Revolution? Mehr

18.04.2014, 11:58 Uhr | Feuilleton
Hans Christoph Buch wird 70 Reise zum besten Albtraum der Welt

Selbst Graf Dracula wird bei ihm zum Erzähler: Hans Christoph Buch, unablässig von Weltneugier getrieben, wird Siebzig und hat gleich drei neue Bücher zu bieten. Mehr

13.04.2014, 09:48 Uhr | Feuilleton
Gabriel García Márquez Du sollst tanzen!

„Ausländische Verleger und García Márquez - ganz schwierig“: Der deutsche Verleger des verstorbenen Schriftstellers erzählt von einer lang ersehnten Begegnung, dunklen Vorzeichen und einer glücklichen Fügung. Mehr

20.04.2014, 17:44 Uhr | Feuilleton

30.11.1999, 12:00 Uhr

Weitersagen