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Rezension: Belletristik Biete 99-Zimmer-Wohnung

 ·  Wer glaubt, ein Puzzlespiel aus neunundneunzig Teilen bereite keine Schwierigkeiten, der sollte sich an dem versuchen, das Georges Perec entworfen hat und das der bibliophilen Edition seines Monumentalromans "Das Leben. Gebrauchsanweisung" beiliegt, der zum zwanzigsten Todestag des Autors im Frühjahr neu herausgekommen ist.

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Wer glaubt, ein Puzzlespiel aus neunundneunzig Teilen bereite keine Schwierigkeiten, der sollte sich an dem versuchen, das Georges Perec entworfen hat und das der bibliophilen Edition seines Monumentalromans "Das Leben. Gebrauchsanweisung" beiliegt, der zum zwanzigsten Todestag des Autors im Frühjahr neu herausgekommen ist. Die Teile dieses Puzzles greifen nicht ineinander, sondern schmiegen sich an, verhaken sich nicht in Aus- und Einbuchtungen von immer wiederkehrenden Grundformen, sondern bieten einander je individuell geformte Küstenlinien dar, die sich erst nach sorgsamem Abtasten ihrer bizarren Windungen zu einem Kontinent zusammenfügen.

Dies ist nach Perec die höchste Wahrheit eines Puzzles: "Allem Anschein zum Trotz ist es kein solitäres Spiel: Jede Gebärde, die der Puzzlespieler macht, hat der Puzzlehersteller vor ihm bereits gemacht; jeder Baustein, den er immer wieder zur Hand nimmt, den er betrachtet, den er liebkost, jede Kombination, die er versucht und wieder versucht, jedes Tasten, jede Intuition, jede Hoffnung, jede Ermutigung, sind von dem andern ergründet, auskalkuliert, beschlossen worden." Darin liegen gleichermaßen Tyrannei und Trost.

Ein wahrhaftes Puzzlespiel ist auch dieser durchkalkulierte und doch unergründliche Text, ein Geschichtenkontinent in neunundneunzig Kapiteln, ein literarisches Labyrinth aus Hunderten Erzählungen und Figuren, ein Spiegelkabinett des Alltags und zugleich ein Kosmos der seltsamsten Erfindungen und kühnsten Kombinationen, mit der Pluralform "Romane" im Untertitel nur näherungsweise zu bezeichnen. Die Geschichte vom Hamster, dem sein Lieblingsspiel entzogen wurde, findet sich darin ebenso wie die Geschichte vom Richter und seiner Frau, die Einbrecher wurden; die Geschichte vom Maler, der Nekrophilie praktizierte, wie auch die vom ehemaligen Tierarzt, der sich in eine schnurrbärtige Marseillerin verliebt hat. Wir lesen vom Sattler aus Szcyrk, vom reichen Opernliebhaber, vom Warschauer Clown, frustrierten Botaniker, argentinischen Flieger, kleinen Tunesier und vielen anderen mehr. Und dabei ist alles ganz einfach.

Perec erfindet die Welt neu, indem er ihren Dreh- und Angelpunkt entdeckt. Ein Pariser Mietshaus in der Rue Simon-Crubellier, das inklusive Heizkeller, Treppenhaus und Dienstbotenzimmer über genau neunundneunzig Räumlichkeiten verfügt, bildet den gemeinsamen Schauplatz sämtlicher Geschichten, in die uns der olympische Erzähler stück- und ausschnittweise Einblick gibt. So sehen wir das Treiben aller Hausbewohner und Besucher, verfolgen das Schicksal ihrer Vorgänger, Verwandten und Verflossenen, beobachten die Zufälligkeiten und dramatischen Verwicklungen, die sie verbinden, und bemerken erst allmählich, wie die diversen Schlüssellochperspektiven sich durch kleine Überschneidungen zu einem gewaltigen Panorama fügen. Wie jedes gute Spiel wird dies zur ernsten Leidenschaft. Ob wir dabei an Hypertexte oder an die "Lindenstraße" denken, an Hitchcocks "Fenster zum Hof" oder Balzacs "Comédie Humaine", eines steht fest: Schon lange nicht mehr konnten wir als Leser unseren Voyeurismus so wunderbar ausleben.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2002, Nr. 188 / Seite 32
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