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Sonntag, 12. Februar 2012
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Rezension: Belletristik Biete 99-Zimmer-Wohnung

15.08.2002 ·  Wer glaubt, ein Puzzlespiel aus neunundneunzig Teilen bereite keine Schwierigkeiten, der sollte sich an dem versuchen, das Georges Perec entworfen hat und das der bibliophilen Edition seines Monumentalromans "Das Leben. Gebrauchsanweisung" beiliegt, der zum zwanzigsten Todestag des Autors im Frühjahr neu herausgekommen ist.

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Wer glaubt, ein Puzzlespiel aus neunundneunzig Teilen bereite keine Schwierigkeiten, der sollte sich an dem versuchen, das Georges Perec entworfen hat und das der bibliophilen Edition seines Monumentalromans "Das Leben. Gebrauchsanweisung" beiliegt, der zum zwanzigsten Todestag des Autors im Frühjahr neu herausgekommen ist. Die Teile dieses Puzzles greifen nicht ineinander, sondern schmiegen sich an, verhaken sich nicht in Aus- und Einbuchtungen von immer wiederkehrenden Grundformen, sondern bieten einander je individuell geformte Küstenlinien dar, die sich erst nach sorgsamem Abtasten ihrer bizarren Windungen zu einem Kontinent zusammenfügen.

Dies ist nach Perec die höchste Wahrheit eines Puzzles: "Allem Anschein zum Trotz ist es kein solitäres Spiel: Jede Gebärde, die der Puzzlespieler macht, hat der Puzzlehersteller vor ihm bereits gemacht; jeder Baustein, den er immer wieder zur Hand nimmt, den er betrachtet, den er liebkost, jede Kombination, die er versucht und wieder versucht, jedes Tasten, jede Intuition, jede Hoffnung, jede Ermutigung, sind von dem andern ergründet, auskalkuliert, beschlossen worden." Darin liegen gleichermaßen Tyrannei und Trost.

Ein wahrhaftes Puzzlespiel ist auch dieser durchkalkulierte und doch unergründliche Text, ein Geschichtenkontinent in neunundneunzig Kapiteln, ein literarisches Labyrinth aus Hunderten Erzählungen und Figuren, ein Spiegelkabinett des Alltags und zugleich ein Kosmos der seltsamsten Erfindungen und kühnsten Kombinationen, mit der Pluralform "Romane" im Untertitel nur näherungsweise zu bezeichnen. Die Geschichte vom Hamster, dem sein Lieblingsspiel entzogen wurde, findet sich darin ebenso wie die Geschichte vom Richter und seiner Frau, die Einbrecher wurden; die Geschichte vom Maler, der Nekrophilie praktizierte, wie auch die vom ehemaligen Tierarzt, der sich in eine schnurrbärtige Marseillerin verliebt hat. Wir lesen vom Sattler aus Szcyrk, vom reichen Opernliebhaber, vom Warschauer Clown, frustrierten Botaniker, argentinischen Flieger, kleinen Tunesier und vielen anderen mehr. Und dabei ist alles ganz einfach.

Perec erfindet die Welt neu, indem er ihren Dreh- und Angelpunkt entdeckt. Ein Pariser Mietshaus in der Rue Simon-Crubellier, das inklusive Heizkeller, Treppenhaus und Dienstbotenzimmer über genau neunundneunzig Räumlichkeiten verfügt, bildet den gemeinsamen Schauplatz sämtlicher Geschichten, in die uns der olympische Erzähler stück- und ausschnittweise Einblick gibt. So sehen wir das Treiben aller Hausbewohner und Besucher, verfolgen das Schicksal ihrer Vorgänger, Verwandten und Verflossenen, beobachten die Zufälligkeiten und dramatischen Verwicklungen, die sie verbinden, und bemerken erst allmählich, wie die diversen Schlüssellochperspektiven sich durch kleine Überschneidungen zu einem gewaltigen Panorama fügen. Wie jedes gute Spiel wird dies zur ernsten Leidenschaft. Ob wir dabei an Hypertexte oder an die "Lindenstraße" denken, an Hitchcocks "Fenster zum Hof" oder Balzacs "Comédie Humaine", eines steht fest: Schon lange nicht mehr konnten wir als Leser unseren Voyeurismus so wunderbar ausleben.

Mit dem Debütroman "Die Dinge", einem soziologisch inspirierten Beschreibungsexperiment von 1965, wurde Perec einst Mitglied der Pariser Avantgarde um Raymond Queneau, die sich in der "Werkstatt für potentielle Literatur" zusammenfand. Mit "Das Leben. Gebrauchsanweisung" aber, vier Jahre vor seinem frühen Tod erschienen, ist er zum Kultautor geworden, dessen Werk dank seines kongenialen Übersetzers Eugen Helmlé auch hierzulande bestens präsent ist. Die Neuausgabe enthält nun - neben dem vertrackten Puzzle - ein schön illustriertes Beiheft, in dem Helmlé eine kundige Führung durch das Lebensgeschichtenwerk bietet. Denn alles experimentelle Spiel ist bei diesem Autor zutiefst existentiell begründet. Als Überlebender von Weltkrieg und Holocaust, dem Eltern und Familie zum Opfer fielen, sucht Perec im Schreiben Bausteine, um daraus seine Wirklichkeit versuchsweise und tastend wiederzuerrichten. So gipfelt das tyrannische wie trostreiche Projekt der Moderne, die Welt im totalen Buch zu bannen, in diesem optimistischen Solitär.

All seine Geschichten erzählen darum immer nur von einem: der Selbstvergewisserung durch ein selbstverfaßtes Regelwerk, das bis zum letzten durchgespielt wird. Im Mittelpunkt stehen - natürlich - ein Puzzlespieler und ein Puzzlehersteller, die ihr Leben ganz dieser hohen Kunst gewidmet haben. Aber ebenso wie sie verweisen auch der Maler, Ethnologe, Sammler, Lexikograph und viele andere Figuren, die wir in "Das Leben" treffen, mit ihren passionierten Tätigkeiten immer wieder auf die Arbeit ihres Autors, durch Inventarisierung eines einzigen Gebäudes eine vorläufige Heimstatt in der Sprache zu erschaffen.

Früher lehrten die Rhetoriker, zum Memorieren einer Rede solle man alle Argumente und Figuren auf ein imaginäres Haus verteilen und es beim Vortrag sodann Zimmer für Zimmer im Geiste abschreiten. Diese alte Mnemotechnik stülpt Perec um. Ihm dient das Wohnhaus allererst zur topischen Fundierung einer rettenden Imagination, in der die Architektur der ganzen Welt, von der wir reden können, gründet.

Im Beiheft erfahren wir auch von den mathematischen Modellen, nach denen sein Text konstruiert ist: Die Struktur der Kapitel folge einer "lateinischen Doppelmatrix der Ordnung 10", durch "gegenläufige Permutation" auf einem "Schachbrett" nach dem Muster eines "Springerparcours" organisiert. Das aber kann uns wenig kümmern. Denn letztlich gilt zur lustvollen Erkundung dieses Erzähluniversums nur eine einzige Gebrauchsanweisung: Man vergesse alle Formeln, Anweisungen und Systeme, schlage das Buch an beliebiger Stelle auf und lese, lese, lese.

TOBIAS DÖRING

Georges Perec: "Das Leben. Gebrauchsanweisung". Romane. Aus dem Französischen übersetzt von Eugen Helmlé. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2002. 894 S., geb., dazu das Beiheft "Marginalien zu Georges Perec" von Eugen Helmlé und das von Georges Perec entworfene Puzzle zu 99 Teilen, 27,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2002, Nr. 188 / Seite 32
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