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Rezension: Belletristik Besuch im Folterkeller Idi Amins

 ·  Ein "leidlich typisches Exemplar" eines Schotten sei er, so der einst als Entwicklungshelfer angetretene Arzt Dr. Nicholas Garrigan, der Held seiner eigenen "Schlechte-Zeiten-Rhapsodie". Als er sie aus der Rückschau niederschreibt, sitzt er in einer Kate am Rande seiner schottischen Heimat und leidet ...

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Ein "leidlich typisches Exemplar" eines Schotten sei er, so der einst als Entwicklungshelfer angetretene Arzt Dr. Nicholas Garrigan, der Held seiner eigenen "Schlechte-Zeiten-Rhapsodie". Als er sie aus der Rückschau niederschreibt, sitzt er in einer Kate am Rande seiner schottischen Heimat und leidet immer noch unter einer "Art geistiger Sprachlosigkeit", wenn er an die zweite Hauptfigur seiner Story zurückdenkt, nämlich den ehemaligen Diktator Ugandas, Idi Amin Dada, der sich zu Regierungszeiten viele bizarre Ehrentitel zulegte, darunter auch "Der letzte König von Schottland".

Garrigan beginnt seinen Dienst in Uganda zu Beginn der siebziger Jahre, als Amin sich gerade an die Macht putscht und eine Militärdiktatur errichtet. Wie eine Unschuld vom Lande - darin den großen Ich-Erzählern der englischsprachigen Romanliteratur seit Gulliver oder Robinson Crusoe ähnlich - etabliert sich der Schotte zunächst in einer Ärztestation fernab der Hauptstadt Kampala und tröstet sich über Diagnosefehler hinweg, indem er räsoniert, es gelte "zu verstehen, daß es kein allgemeingültiges System des Verstehens gibt".

Was sich zunächst wie eine persönliche Schwäche ausnimmt, gewinnt zunehmend an Brisanz, als Garrigan durch einen Zufall dem Diktator Amin nützlich sein kann und von diesem zum Leibarzt ernannt wird. Ausgestattet mit Annehmlichkeiten, deren korrumpierender Einfluß ihm lange Zeit unklar bleibt, und von dem schlauen, charismatischen Amin schließlich mehr und mehr mit Zuckerbrot und Peitsche traktiert, redet sich Garrigan ein, mit Amins dunkleren, kriminellen Machenschaften eigentlich nichts zu tun zu haben: "Man mußte Distanz wahren", sagt er sich einerseits und läßt sich andererseits berauschen von des Präsidenten "Gangstersophismen" und dessen "wundersamer Rhetorik". Als ihm ein Geheimdienstler der britischen Botschaft in aufrüttelnder Absicht klarmacht, in Uganda sei es "wie bei Hitler", will Garrigan dies nicht wahrhaben. Erst ein von Amin zwangsweise und zwecks Einschüchterung veranlaßter Besuch in den präsidialen Folterkellern, in denen gerade ein früherer Medizinerkollege langsam umgebracht wird, sowie das Schicksal einiger Kollegen und Freunde bewirken bei Garrigan eine zunächst innere Umkehr - und da ist es beinahe schon zu spät.

Der 1967 geborene Engländer Giles Foden, der in Afrika (darunter auch in Uganda) aufwuchs, hat einen ungewöhnlich anschaulichen und glaubwürdigen Roman verfaßt, der sich gleichwohl nicht in Lokalkolorit und einer bloß spannenden Handlung verliert. Wie man als leidlich gebildeter und dennoch denkfauler, privatistischer Bürger in einem verwahrlosenden Gemeinwesen zum Mittäter und Mitschuldigen werden kann, indem man einem manchmal geradezu sympathisch wirkenden Machthaber zuarbeitet - das ist das eigentliche, konsequent durchgehaltene Thema dieser auch in der deutschen Übersetzung glänzend erzählten Geschichte. Garrigan benutzt seine Quasi-Autobiographie eher unbewußt als Beichte, will aber vordergründig einen "authentischen Augenzeugenbericht" liefern. Mit diesem bewährten Kunstgriff vermeidet Foden jede direkte Charakterisierung und Wertung seiner Hauptfigur und wirft eine Reihe verstörender Fragen auf. Gerade weil dieser bis in kleinste historische Details recherchierte Roman nicht den Widerstand gegen Hitler, Stalin oder andere angeblich meistverachtete Gestalten zum Gegenstand hat, dringt er tiefer vor als bloß bis unter die Haut. Vom moralisch schlechthin Ernsten handeln, ohne ein einziges Mal moralisierend daherzukommen: Der noch junge Giles Foden beherrscht diese diffizile Kunst, als ob sie das Selbstverständlichste überhaupt wäre.

WOLFGANG STEUHL

Giles Foden: "Der letzte König von Schottland". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Blumenbach. Aufbau-Verlag, Berlin 2001. 430 S., geb., 20,-

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2002, Nr. 29 / Seite 40
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04.02.2002, 12:00 Uhr

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