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Rezension: Belletristik Besuch beim Mäusekönig

 ·  Walt Disney wäre im Dezember dieses Jahres hundert Jahre alt geworden. Vielleicht ist das der Anlaß, der den Verlag bestimmt hat, dies Buch zu präsentieren: "Dies ist der erste biographische Roman, der die Licht- und Schattenseiten eines der einflußreichsten Männer des zwanzigsten Jahrhunderts darstellt." ...

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Walt Disney wäre im Dezember dieses Jahres hundert Jahre alt geworden. Vielleicht ist das der Anlaß, der den Verlag bestimmt hat, dies Buch zu präsentieren: "Dies ist der erste biographische Roman, der die Licht- und Schattenseiten eines der einflußreichsten Männer des zwanzigsten Jahrhunderts darstellt." Das klingt fast vorwurfsvoll, so etwa, als habe der Autor Peter Stephan Jungk damit endlich eine klaffende Wissenslücke geschlossen und eine schwere Unterlassungssünde seiner Kollegen wiedergutgemacht. Nun gibt es aber bereits einige Biographien, die mal die Licht- (Bob Thomas, "Walt Disney. Die Original-Biographie", München 1986), mal die Schattenseiten (Marc Eliot, "Walt Disney. Genie im Zwielicht", München 1994), mal beide gleichermaßen (Richard Schickel, "The Disney Version. The Life, Times, Art and Commerce of Walt Disney", New York 1985) ausleuchten.

",Der König von Amerika' ist ein Roman." Darauf besteht eine vorangestellte Notiz ausdrücklich. Was ein Roman zusätzlich leisten könnte, dürfte klar sein: Da er weder zur Vollständigkeit noch zu der Nachprüfbarkeit seines Stoffs verpflichtet ist, müßte er seine Hauptfigur in einem neuen Licht erscheinen lassen. Jungk gelingen gegen Ende seiner Geschichte einige Szenen, die zumindest Disneys Krankheit und Tod eindrucksvoll illustrieren - mit dessen Leben und Werk tut er sich dagegen schwer.

Erzählt wird uns davon aus der Perspektive eines ehemaligen Mitarbeiters der Disney-Studios, der seit seiner Entlassung auf Rache an seinem "Übervater. Idol und Feindbild" sinnt. "Gefühle der Angst, Verehrung und der Verachtung" prägen sein "als ,tragisch' bezeichnetes Verhältnis zu Walt Disney", und zwar so nachhaltig, daß sich der Ich-Erzähler Wilhelm Dantine bald "als Besessenen, als Süchtigen, dessen Droge Walter Elias Disney heißt", zu erkennen gibt. Man könnte ihn auch als neurotische Nervensäge, als notorischen Nörgler bezeichnen, dessen als Gerechtigkeitsfanatismus getarnter Neid ihn zunehmend unerträglich macht. Und daß ein unsympathischer Erzähler jeden über den er sich negativ ausläßt, dadurch sympathisch wirken läßt, ist reine Mathematik.

Würde man Jungks Fiktion ernst nehmen, hätte Disney Dantine zu Recht entlassen, denn dessen Sinn für eine publikumswirksame Dramaturgie ist unterentwickelt: Der Handlungshöhepunkt liegt genau in der Mitte des Romans, der Anfang ist rätselhaft, ohne wirklich Spannung aufzubauen, lange nachträgliche Erklärungen sind notwendig, um das Gerüst zu stabilisieren. Das müßte schon reichen für einen Rausschmiß.

Doch glauben mag man die Konstruktion kaum, da der Autor jede Illusion bricht, noch bevor sie Wirkung erzielen kann. Zudem fehlen ihm die sprachlichen Mittel, um etwa die Profession seines Erzählers auszunutzen: Kaum einmal sieht er die Welt mit den Augen eines ehemaligen Trickzeichners und späteren Kameramanns: "Walts Schatten sprang von Mauervorsprung zu Mauervorsprung", ist das einzige gute Beispiel, das man finden kann. Ansonsten fallen Jungk nur die naheliegendsten Vergleiche ein: "Wie Feldherren, die Feindesland erobern", kaufen die Disneys Grundstücke ein. Der Kettenraucher Walt "stieß Rauchschwaden von sich, wie Lokomotivdampf". Einkaufszentren wuchern "krebsgeschwürähnlich". So ähnlich wuchern auch Jungks Komposita, wenn er "unvorhergesehenerweise" seine "Phantasiermaschinerie" in Gang setzt und Disneys "Selbstenthüllungsmonologe" protokolliert.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001, Nr. 234 / Seite L12
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