Home
http://www.faz.net/-gr4-39hs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Belletristik Berg der Wut

Der militärische Fokus auf Afghanistan hat einen kulturellen Lichthof: Nie war die afghanische Literatur so präsent wie heute. Vor einem Jahr galten die wenigen in die Welt verstreuten afghanischen Schriftsteller als die ärmsten der armen Poeten, waren sie diejenigen, deren Schaffen am vergeblichsten schien.

Der militärische Fokus auf Afghanistan hat einen kulturellen Lichthof: Nie war die afghanische Literatur so präsent wie heute. Vor einem Jahr galten die wenigen in die Welt verstreuten afghanischen Schriftsteller als die ärmsten der armen Poeten, waren sie diejenigen, deren Schaffen am vergeblichsten schien. Nur wenn sie in der Sprache ihrer Gastländer schrieben, hatten sie die Möglichkeit, Publikum und Verlage zu finden.

Wer als Afghane in seiner Muttersprache schreibt, mußte sich hingegen bis vor kurzem wie ein Narr vorkommen. Selbst die gängigste der vielen afghanischen Sprachen, das Dari - eine afghanische Spielart des Persischen -, findet im schlecht organisierten afghanischen Exil nicht entfernt so viele Leser wie persische oder arabische Exilliteratur. Und doch gab es solche Autoren. Seit dem 11. September kann man sie mit einiger Aussicht auf Erfolg übersetzen lassen. Nachdem bereits einige englischsprachige Bücher afghanischer Autoren auf den Markt geworfen worden sind, liegt jetzt ein erstes bedeutendes Werk aus dem Dari auch in Deutsch vor. Es ist so gut, daß man es schon vor dem Krieg problemlos hätte publizieren können.

"Erde und Asche" heißt dieses Buch, das erstmals 1999 in einem afghanischen Exilverlag in Frankreich erschien. Sein Autor, Atiq Rahimi, wurde 1962 in Kabul geboren und studierte dort Literatur, bis er 1984 über Pakistan nach Frankreich floh. Heute lebt er in Paris und arbeitet als Dokumentarfilmer. Im Klappentext heißt es, "Erde und Asche" sei Atiq Rahimis "erster Roman". Das stimmt nicht. Es ist eine Novelle. Nur mit Hilfe eines unschönen Großdrucks ist es dem Verlag gelungen, einen Text auf 98 Seiten auszudehnen, der in normalem Druckbild vielleicht vierzig Seiten zählen würde. Aber das mindert die Qualität des Buchs nicht, und es ist gut und klug, es trotz seiner Kürze separat veröffentlicht zu haben.

"Erde und Asche" ist vergleichbar nur mit den besten Erzählungen der modernen persischen Literatur. Besonders Hushang Golschiri, dem im Jahr 2000 verstorbenen experimentellen Erzähler und avantgardistischen Sprachkünstler, dem Meister der persischen Prosa mittlerer Länge zwischen langer Erzählung und kurzem Roman, scheint Rahimis Buch verpflichtet. Bereits die Erzählperspektive wirkt, gemessen am verbreiteten Bild von orientalischer Literatur, verblüffend avanciert: Erzählt wird im Präsenz der zweiten Person Singular. Der Angesprochene heißt Dagastir, ein Protagonist, der zu sich spricht, sich selbst nah und unendlich fern zugleich ist.

Durch die in der Erzählhaltung angelegte Schizophrenie gelingt es Rahimi, die einfache Handlung dramatisch auszugestalten. Die Geschichte spielt während der sowjetischen Okkupation, von den Taliban weiß sie noch nichts. Dagastir wartet am Eingang zum Sperrgebiet eines Bergwerks, in dem sein Sohn arbeitet. Er will ihm berichten, was im Heimatdorf vorgefallen ist. Er hat seinen Enkel Yassin mitgenommen, das einzige überlebende Familienmitglied. Die Stunden verrinnen unter der Sonne im Staub, das Kind quengelt. Dagastir hat viel Zeit, zu überlegen, was er seinem Sohn sagen will und ob er es überhaupt sagen soll.

Alle Verwandten, die Frau, die Mutter, die Geschwister sind einer sowjetischen Vergeltungsaktion zum Opfer gefallen. Selbst der kleine Yassin ist nur noch halb da: "Yassins Welt ist eine andere geworden. Eine lautlose Welt. Er war nicht immer taub. Er ist es geworden. Ihm selbst ist es nicht bewußt. Er wundert sich, daß nichts mehr ein Geräusch macht. Stell dir vor, ein Kind wie Yassin zu sein. Kannst dir nicht vorstellen, daß du es bist, der nichts mehr hört. Denkst, es seien die anderen, die verstummt sind. Die Männer haben keine Stimme mehr, der Stein hat keine Stimme mehr. Die Welt ist verstummt. Aber weshalb bewegen die Menschen dann unnötig ihre Münder?"

Der Leser kommt dem im Selbstgespräch versunkenen Dagastir beklemmend nah. Man meint zu spüren, wie knapp dieser einfache Mensch angesichts seines Schicksals am Wahnsinn vorbeischrammt. Die Mine, in der Dagastirs Sohn arbeitet, wird von den Sowjets betrieben. Dagastir ahnt, daß der Sohn sich wird rächen wollen und sich den Rebellen anschließen wird, wenn er erfährt, was geschehen ist. Das würde die Ehre retten, aber die letzte Überlebensgrundlage der geschrumpften Familie zerstören. Dagastir schwankt, wünscht sich den Sohn mal als Rächer, dann wieder als Vorbild an Besonnenheit, fürchtet beides, will dem Sohn nichts verraten und unternimmt es dann, wie unter Zwang stehend, doch. Zwischen diesen Polen, auf der staubigen Piste, unter einer erbarmungslosen Sonne spielt sich das innere Drama dieses Mannes ab. Als Dagastir schließlich zum Bergwerk gelangt, ist sein Sohn unter Tage. Der Vorarbeiter tröstet ihn: Man habe ihm schon erzählt, daß die Widerstandskämpfer sein Dorf zerstört hätten, und wolle ihn in der Mine festhalten, bis er sich beruhigt habe. Er sei schließlich ein guter Arbeiter und solle demnächst auf einen Alphabetisierungslehrgang geschickt werden.

So ist die Schmach eine doppelte. Die wahren Täter bleiben unbenannt, und der Sohn, der nicht weiß, was wirklich geschah, kann die Ehre nicht retten, ja, er hat nicht einmal die Wahl. Die Opfer sind nicht nur Opfer, sie werden entmündigt und um ihren Schrei betrogen. Das erschütternde Buch von Atiq Rahimi ist dieser Schrei.

Atiq Rahimi: "Erde und Asche". Roman. Aus dem afghanischen Persisch (Dari) übersetzt von Susanne Baghestani. Claassen Verlag, München 2002. 102 S., geb., 13,- .

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2002, Nr. 58 / Seite 56

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben