http://www.faz.net/-gr3-2d9g

Rezension: Belletristik : Beglückend wie die Nähe von Galeerensklaven auf der Ruderbank

  • Aktualisiert am

Wo Hass und Liebe eins sind: Maxim Biller hat einen großen Roman über die gegenwärtige Vergangenheit geschrieben / Von Thomas Wirtz

          Vierhundertsechsundzwanzig Seiten kann kein Polemiker. Mit nur einem Lungenflügelschlag erschöpft er sich lieber über die Kurzdistanz der Tirade, spurtet er dem Gegner leidenschaftlich in die offenen Arme oder dribbelt atemraubend auf der Stelle. Die Kondition des Polemikers bevorzugt das Spiel aus dem Erregungsstand, den trockenen Blattschuss auf engem Zeilenraum, die Blutgrätsche mit Erholungspause. Auf die lange Strecke würde ihn auch das langsamere Argument überholen.

          Als Maxim Biller für die spurtbewegte Zeitschrift "Tempo" schrieb, hieß seine Kolumne "100 Zeilen Haß". Dies ist das Längenmaß des Polemikers, der eben kein Spielfeld von epischer Breite durchlaufen will. Auch Billers Erzählungsbände wählten die kleine Form, mikroskopierten den Aberwitz oder falteten die Jahrzehnte eines ganzen Lebens auf die Handlichkeit eines Steckbriefs zusammen: Die Einsamkeit des Langstreckenläufers war daraus nicht zu erfahren. Und nun vierhundertsechsundzwanzig Seiten. Auf dem Deckblatt prangt unter dem Titel "Die Tochter" die Gattungsbezeichnung "Roman" in einer kaum kleineren Schrift, als sei sie das eigentliche, das unübersehbare Ereignis: der ehemals begriffsschlaksige Hässling nun im Breitwandformat. Maxim Biller ist aus der zeilenerregten Polemik in die große, weite Literatur gesprungen - und mit beiden Beiden sicher gelandet. Sein Roman "Die Tochter" verleugnet die alte Besessenheit nicht, die Lust am Veitstanz im Minengelände der deutsch-jüdischen Geschichte, doch bändigt er den Bewegungsdrang mit strenger Disziplin. Wenn bei diesem Buch noch jemandem der Atem stockt, dann ist es der Leser.

          "Als Motti Wind nach zehn langen, bedrückenden Jahren seine Tochter Nurit wiedersah, hatte sie fast gar nichts an." So lautet der erste Satz, und mit ihm endet die Entblößung noch nicht. Denn der Eingang nimmt für die Tochter vorweg, was dem Vater ein ganzes Buch hindurch abverlangt wird: die pornografische Erniedrigung, die ihm das Seelenkostüm bis zum letzten Fetzen zerreißt. Seine Geschichte ist die des einen handlungsarmen Tages in München, der durchsetzt ist von Rückblenden: der Jugend in Tel Aviv, der Teilnahme am Libanon-Krieg, der Emigration nach Deutschland, wo Motti heiratet, Vater wird, von der Familie sich trennen muss, zehn Jahre allein bleibt. Und seitdem die Sonntage mit der Videothek teilt.

          Lange hat Motti den Videoangriff auf die männliche Netzhaut hinausgezögert. Er kleidet das Mädchen, das sich vor ihm auf dem Schirm auszog, mit einer Biografie ein: Erstaunt ist er über die gepflegte Erscheinung der Körperakrobatin, was er ihrer gutbürgerlichen Vergangenheit zuschreibt. Sorgende Eltern denkt er sich, die das junge Mädchen mit einer Daunendecke gegen die Nachtluft schützten, Abende im Konzertsaal, Tage in der Bibliothek. Was auf dem Schirm flimmerte, wird von diesem inneren Bildungsfilm überblendet. Das Stöhnen verschwindet im Hintergrundrauschen, vor dem die ausgedachte Idylle ihre unerregten Akzente setzt.

          Weitere Themen

          Von den Toten auferstanden

          „Nachtschicht“ im ZDF : Von den Toten auferstanden

          In der Jubiläumsfolge seines „Nachtschicht“-Krimis treibt es der Regisseur Lars Becker auf die Spitze. Da stirbt ein Mann gleich zweimal, und die Verbrechensaufklärung ist fragwürdig. Das macht aber nichts. Im Gegenteil.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Um diese Grenze dreht sich der Streit: Hinweisschild auf eine Zollstation in Nordirland.

          Was der Deal bedeutet : Der Brexit-Kompromiss bindet die Briten an die EU

          Die Briten hätten sich auf Standards eingelassen, hinter die sie nicht mehr zurück könnten, heißt es in Brüssel. Doch rettet der Kompromiss einen geordneten Brexit? Eine wirtschaftliche Einordnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.