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Rezension: Belletristik Bananisierung des Bösen

 ·  Reise ans Ende der Nacht: Paule Constant serviert Südfrüchte

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Paule Constants "Tochter des Gobernators", eine Art Alice im tropischen Horrorland, wurde 1995 in Paris zum Bestseller hochgelobt und schließlich auch in Deutschland begrüßt als das "farbigste, bizarrste, grausamste und perverseste Stück Literatur, das in den letzten Jahren aus Frankreich zu uns gelangt ist". "White Spirit", der vierte von bislang sechs Romanen der Autoren, dürfte die erhitzten Gemüter erst einmal beruhigen, denn er zeigt eine Autorin, die einen Stil zwar schon gefunden hat, sich aber mit der großen Form des Romans noch schwertut.

Am Klima lag es nicht, denn auch das neue alte Werk entführt uns in exotische Gefilde, und zwar in ein postkoloniales Afrika, das kaum weniger Horror bereithält als die Häftlingsinsel Cayenne. Auch nicht am Aufbau der Erzählung, denn wieder begleiten wir einen Helden auf einer Initiationsreise ans Ende der Nacht - zuerst zu Wasser und dann zu Lande. Aber vielleicht an der Symbolik des Themas, die sich in einem Fall zwanglos entfaltet, im anderen aber allzu künstlich konstruiert wird.

Das Glück sucht der zwanzigjährige Viktor auf dem Schwarzen Kontinent, doch er findet nur Desillusion: der erste Blick des Ankömmlings fällt auf "eine braune, gallertartige Masse, die in einem langen zähflüssigen Strom zum Meer hinunterrutschte, ein Massiv aus verfaulten Bananen". Da rutscht auch dem jungen Mann gleich das Herz in die Hose, denn sein Arbeitgeber, eine Import-Export-Firma, verteilt eine nicht weniger fatale Überproduktion. Den Verdammten dieser Erde soll Victor die Restposten des Westens unterjubeln, ihnen Zahnpasta als Lippenstift und Toaster als Ventilatoren verkaufen. Er lernt sein Handwerk schnell und mit makabrem Erfolg: eine Lieferung Haushaltsreiniger deklariert er als "White Spirit", als Weismacher und Geistpulver, und wird so zum Religionsstifter, der unfreiwillig einen selbstmörderischen messianischen Kult aus der Taufe hebt. Der Warenfetischismus kehrt zurück an seine religiösen Wurzeln.

Der gute Europäer hat keine Schwierigkeit, die zivilisationskritische Botschaft dieses Szenarios zu entschlüsseln - sie ist dick genug aufgetragen. Zu dick, möchte der deutsche Leser meinen, der freilich die Tradition des französischen Kolonialromans nicht kennt, gegen den Paule Constant mit parodistischem Elan anschreibt. Nicht bloß der fröhliche Klamauk einer Bananenrepublik wird hier geschildert, sondern die Horrorvision einer Welt zwischen Wahn und Erschöpfung. Die Hauptstadt des Landes ist "eine Art riesiger Müllhaldeplatz, gespickt mit Werbung, elekrisiert bis in den Himmel"; die Bananenplantagen sind Arbeitslager aus Wellblech, Stacheldraht und Reifen, und die Schnitter, trunken von eingeatmeten Insektiziden, "halten nur durch, indem sie sich vorstellten, es sei der Hals des Kapos, den sie abschnitten".

Individualität gibt es hier nur als surreales Rollenspiel, als Inzest zwischen Menschen, Tieren und Dingen. Ein fettleibiger Warenchef lebt Tag und Nacht in einer tiefgekühlten Vitrine, ein Vorarbeiter in wilder Ehe mit einer schwangeren Äffin, ein impotenter Bananenkönig mit Mätressen, "die sich mit fast sexueller Raserei sozial betätigten". Das Schimpansenbaby wird getauft, der Vorarbeiter getötet, und die Sozialarbeiterinnen wechseln ins "Sunset Boulevard", ein im Geiste Hollywoods geführtes Bordell.

Damit dieses Bestiarium nicht zu einer ridikülen Szenenfolge zerfällt, hätte auch die Hauptfigur des Romans ein Gesicht, eine Kontur oder wenigstens einen individuellen Blick erhalten müssen. Doch Victor bleibt von den traurigen Tropen seltsam unberührt: Was in ihm vorgeht, weiß man nicht, was um ihn vorgeht, schert ihn nicht. Und statt einem Mädchen den Hof zu machen, verkauft er ihr Ajax, Omo und White Spirit. "Der wahre Lustgewinn" - meint die Autorin - "liegt in den Kleinigkeiten."

Um Aperçus und farbige Bilder, um grausamen Kitsch und Situationspathetik ist Paule Constant nicht verlegen. Auch verfügt sie über eine assoziative Beweglichkeit des Stils, der es gelingt, die Intrige mit kunstvoller Gedankenprosa zu verweben. Doch da der Held des Melodrams davon kaum profitiert, fließen Sprachwitz und Einbildungskraft ins Dekor. Auch wer nur erzählen will um des Erzählens willen, darf nicht an der Hauptfigur vorbeifabulieren. MATTHIAS GRÄSSLIN

Paule Constant: "White Spirit". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Uli Aumüller. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1997. 326 S., geb., 38,- DM.

White Spirit

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.1997, Nr. 95 / Seite 36
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