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Rezension: Belletristik : Baden an Flachküsten

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Iris Murdoch sucht "Das Meer, das Meer" / Von Harald Hartung

          Sie war schon postmodern, ehe der Ausdruck in Schwang kam. Sie mußte nicht avantgardistisch erzählen, um berühmt zu werden. Ihre Mischung aus Fantasy und Philosophie faszinierte Leseratten und Snobs zugleich. Kurz: Die vergangenes Jahr verstorbene Iris Murdoch war eine Meisterin der erzählerischen Magie. Was auch ihre deutsche Leserschaft zunehmend zu würdigen weiß. Dabei sind ihre siebenundzwanzig Romane durchaus unterschiedlich in Machart und Qualität.

          Nach dem geistreichen Roman "In guter Absicht", einem Zauber- als Erziehungsroman, kommt nun ein älteres, englisch bereits 1978 erschienenes Werk: "Das Meer, das Meer". Auch dieser Roman zeigt die bekannten Tugenden der Erzählerin. Jedenfalls in seiner glänzenden, zumindest neugierig machenden Exposition. Den Fortgang freilich muß man wohl enttäuschend nennen. Irgend etwas davon steckt schon im vagen Lyrismus des Titels, der etwa zu diesem Seufzer führt: "Ja, ja, das Meer, das Meer", fuhr James fort. "Wußtest du, daß Plato väterlicherseits von Poseidon abstammt?" Wußten wir nicht.

          Charles Arrowby, ein Junggeselle von sechzig Jahren, Schauspieler, Dramenautor und Theaterdirektor, hat sich in ein einsames Haus am Meer zurückgezogen. Er ist der Scheinwelt des Theaters überdrüssig und will sich Rechenschaft über sein Leben ablegen. Er beginnt mit Aufzeichnungen, die zu seinen Memoiren werden sollen. Er imaginiert eine Geschichte seines Lebens, erzählt als die Reihung von Porträts der Menschen, die er gekannt hat.

          Hier die Hauptfiguren seiner Galerie. Da ist der Cousin James aus dem feineren Zweig der Familie, General mit merkwürdigen Neigungen zum Buddhismus. Sodann drei Schauspielerinnen: die deutlich ältere Clement, die Charles in die Liebe einführte; die charmante Lizzie, die etwas füllig geworden ist und Charles mit ihrer Liebe verfolgt; die berühmte Rosina Vamburgh, ein anbetungswürdig künstliches Geschöpf, doch offenbar eine Nervensäge. Schließlich ist da noch Hartley, die unvergessene Jugendfreundin. Mit ihr verbanden Charles einst eine keusche Beziehung und das Gelöbnis, einander mit achtzehn zu heiraten. Als Charles nach London an die Schauspielschule ging, löste Hartley das Verhältnis auf und verschwand spurlos.

          All dies und mehr listet Charles eher lust- als schmerzvoll auf und gibt dabei zu, daß ihn immer noch besitzerische Gefühle plagen und ihm eine Harem-Situation im Grunde sehr behagen würde. Oft genug hat er Prospero als seine Lieblingsrolle gespielt. Jetzt, in seiner nicht splendiden, aber behaglichen Isolation, fragt er sich, ob er ernsthaft der Magie abgeschworen hat, was vor allem meint: seiner Herrschaft über die Frauen. Hat er nicht; doch wir ahnen, daß sein imaginärer Harem noch eine Rolle spielen wird.

          Aber das hat gut Weile. Denn Iris Murdoch läßt unseren Einsiedler nicht bloß seine Vergangenheit aufblättern, sondern auch seine Umwelt beschreiben. Dazu alles, womit er seine Tage ausfüllt. Charles beschreibt uns sein Denkgehäus', das düstere Shruff End, ein Haus, in dem es zu spuken scheint. Er schildert uns seine ihn verjüngenden Badeerlebnisse an der gefährlichen Steilküste - und er macht uns bekannt mit den Küchenzetteln des "aufgeklärten Essers", für den er sich hält. "Nicht jeder wird gezuckerte Speckstreifen mögen", läßt er uns wissen. Oder: "Nur ein Dummkopf verachtet Tomatenketchup."

          Eine Idylle also. Wäre da nicht, ziemlich zu Anfang, "das schreckliche Ereignis" gewesen. Einmal, nachdem Charles in einem Tümpel einen Ringelwurm betrachtet hat, überfällt ihn eine schreckliche Vision: Er sieht ein Ungeheuer, eine Riesenschlange, aus den Wellen steigen. Vielleicht das Erinnerungsrelikt aus einem fernen LSD-Horrortrip, vielleicht eine Vorausdeutung auf kommendes Unheil.

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