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Rezension: Belletristik Autor trifft Luftballon

Loriot ist komischer: Alain de Botton erzählt von der Liebe

Alain de Botton hat Humor. Um das nachdrücklich zu beweisen, hat er seinen Roman "Romantische Bewegung" mit zahlreichen Diagrammen und Grafiken ausgestattet, die das Geschehen illustrieren und dabei doch vollkommen überflüssig sind. Das ist eine Spielerei von schnell welkendem Reiz, auch wenn sie im Klappentext als "herrlich komisch" gepriesen wird.

Als Alice und Eric, deren Liebesgeschichte erzählt wird, mit dem Flugzeug unterwegs sind, versucht Eric vergeblich, seiner Freundin mit einem Vortrag über Luftwiderstand und Umkehrschub zu imponieren: "Ironie war ihre instinktive Abwehrreaktion gegenüber den Gefahren technologischer und anderer Arten humorloser (und somit in gewisser Weise grausamer) Überheblichkeit." Eine beigefügte Schemazeichnung zeigt einen Luftballon und eine Reißzwecke. Der Ballon trägt die Aufschrift "Überheblichkeitsballon", und unter der Reißzwecke steht: "Ironische Nadel".

Für den Leser ist damit nichts gewonnen. Die Grafiken besitzen den herben Charme von Tafelbildern aus Volkshochschulkursen und werden mit einem schelmischen Augenzwinkern präsentiert, das bald nur noch wie ein nervöser Tick wirkt. "Man hätte das Szenario der Liebespermanenz mit einer Hängebrücke vergleichen können: Die Momente der Bestätigung in der Liebe wurden durch die tragenden Pylonen symbolisiert, die Zeiten der Kälte durch die langen Spannen der Seile dazwischen", doziert der Erzähler. In der beigefügten Zeichnung sind ebenjene Pylonen zu sehen, die die Momente der Bestätigung symbolisieren und zur Erklärung die Namen "Kuß", "Zärtlichkeit", "Postkarte", "Lächeln" und "Anruf" tragen. In Deutschland ist de Botton damit in eine Domäne eingedrungen, in welcher unbeholfene Karikaturisten lange Zeit unangefochten geherrscht hatten. Lange war es ihnen vorbehalten, schlafende Hunde mit der Aufschrift "CDU-Sozialausschüsse" und brennende Reifen mit der Aufschrift "Sparpaket" zu versehen. Alain de Botton ist der erste Romancier, der Brückenpylonen mit den Begriffen "Zärtlichkeit" und "Postkarte" beschriftet hat. Das hat bisher nicht einmal Felix Mussil gewagt.

Es wird überhaupt viel doziert und erläutert in diesem Roman. Die Geschichte - Girl meets Boy - ist schlicht. Um so komplexer fallen die Analysen, Zwischenbetrachtungen und essayistischen Abschweifungen des Erzählers aus. Kaum haben Alice und Eric miteinander geschlafen, heißt es: "Eine tiefe Ambivalenz scheint der Geschichtsbetrachtung innezuwohnen", und es werden umstandslos Augustinus, Thales von Milet, Flaubert, Schopenhauer, Hegel, Heraklit und Rousseau ins Schlafzimmer zitiert. Alain de Botton hat nicht nur Humor, er ist auch intelligent und belesen, und er weiß, in welches Lokal in Chelsea er Alice und Eric schicken muß, damit sie beim Lachs-Carpaccio über Beckett diskutieren können und sich zwanglos Glossen über die Welt als "theatrum mundi" anhängen lassen. Für Feinschmecker mag das ergötzlich sein, aber die Romanfiguren wirken dabei nicht gerade wie das blühende Leben.

In Arthur Conan Doyles Roman "Das Zeichen der Vier" beschwert sich Sherlock Holmes bei Watson, daß er die kriminalistische Arbeit in seinen Detektivgeschichten romantisch verbräme; ebensogut können man eine Liebes- und Entführungsgeschichte in den fünften Satz des Euklid einbauen. Alain de Botton verfährt umgekehrt: Er versucht, theoretische Abhandlungen aus der Soziologie, der Psychologie, der Anthropologie und der Philosophie in eine Liebesgeschichte einzubauen - ein Unterfangen, das kein besseres Ende nimmt als die Liebesgeschichte von Alice und Eric.

Auf Dauer sind sie nicht füreinander geschaffen. Mitten im Karibikurlaub gerät die Selbstverwirklichung ins Stocken, und die Liebe kommt abhanden. Der Leser wird Zeuge der Beziehungsdiskussionen eines solventen, verwöhnten, abwechselnd am kulturellen Leben, aneinander und am Lachs-Carpaccio naschenden Pärchens, das eine existentielle Lebenskrise für gekommen hält, wenn es sich beim Shopping in die Haare gerät - es gibt Verlockenderes. Was hier auf 344 Seiten ausgebreitet wird, hat Loriot einmal in bemerkenswerter Kürze zusammengefaßt: "Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen." Soviel Dichte, Präzision und Komik hat Alain de Bottons Roman leider nicht zu bieten. GERHARD HENSCHEL

Alain de Botton: "Romantische Bewegung". Sex, Shopping, Liebesroman. Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Frielinghaus. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1996. 344 S., geb., 38,- DM.

Romantische Bewegung

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.1996, Nr. 123 / Seite 38

 
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