08.10.2002 · Eigentlich muß man sich nur den Titel anschauen. "Wenn man einen weißen Anzug anhat" heißt das neue Buch von Max Goldt, und man wartet dann und hofft, daß es noch irgendwie weitergeht, und man fragt sich, was denn dann genau los sein soll, wenn man solchermaßen bekleidet ist, ob dann in Zentralasien ...
Eigentlich muß man sich nur den Titel anschauen. "Wenn man einen weißen Anzug anhat" heißt das neue Buch von Max Goldt, und man wartet dann und hofft, daß es noch irgendwie weitergeht, und man fragt sich, was denn dann genau los sein soll, wenn man solchermaßen bekleidet ist, ob dann in Zentralasien die Sonne niemals untergeht oder ob es endlich Schwarzweißfotos von Erdbeeren gibt. Aber nein. Nichts weiter. "Wenn man einen weißen Anzug anhat". Punkt. Nichts scheint mehr übrig von Goldts angenehm störrischer Marktverweigerung (die natürlich mit der Zeit bereits wieder zu einer Verkaufsstrategie geworden war). Zwar war im Grunde niemand in der Lage, vor eine Buchhändlerin zu treten und fehlerfrei zu sagen: Haben Sie "Mind boggling - Evening Standard" oder "Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau" oder gar "Oh Schlagsahne, hier müssen Menschen sein"? Aber man konnte ja der Einfachheit halber immer fragen, ob das neue Buch von Max Goldt vorrätig sei. Das reichte. Diesmal kann man sich den Titel leider merken.
Aber vielleicht ist auch gar nicht der Titel das Schlimme. Sondern die Titelgeschichte. Denn der Satz "Wenn man einen weißen Anzug anhat" geht ja tatsächlich irgendwann weiter. Und zwar auf Seite 158 dieses 159 Seiten dünnen Buches. Goldt entwickelt hier eine Theorie des "Nicht kleckern, sondern protzen". Danach zwinge einen ein weißer Anzug zur Selbstbeherrschung, so daß man derart konzentriert Rotwein trinke, daß gerade ein weißer Anzug nie Flecken bekäme: "Am besten man hat einen weißen Teppich und trägt einen weißen Anzug, je edler, je besser. Dann passiert wahrscheinlich gar nichts mehr." Und hier, es muß gesagt sein, irrt der Dichter.
Und vielleicht ist es dieses Irren, das den Max-Goldt-Leser so verschreckt. Bislang irrte sich der Autor nie. In seinen Kolumnen für die "Titanic", die in mehreren Sammelbänden vorliegen, überzog er entweder die alltägliche Wirklichkeit mit einer mikroskopischen Aufmerksamkeit, oder aber er verstieg sich, gedanklich sorgfältig, in Assoziationsketten, die er so lange nach oben kletterte, bis allen anderen Autoren die Luft zu dünn geworden wäre - er aber erst so richtig loslegte und fiktive Dialoge erfand, die in ihrer Verfremdung ihre Wirklichkeitsnähe um so mehr unter Beweis stellen konnten. So erzählte er die Geschichte der letzten zwanzig Jahre der Bundesrepublik Deutschland als Sprachgeschichte, und es gab kaum noch jemand, der daran zweifelte, daß dies die präziseste Form moderner Geschichtsschreibung ist.
Das Dumme ist, daß Max Goldt offenbar irgendwann etwas von dieser Bewunderung seiner Kunst als Stimmenimitator und Wirklichkeitsarchäologe mitbekommen hat. Daß ihm das nicht behaglich ist, ist ehrenwert. Daß er diese Unbehaglichkeit in seinem neuen Buch aber immer wieder zum Thema macht, ist für den Leser eher verstörend. Immer wieder stößt man in "Wenn man einen weißen Anzug anhat", das eine Art Tagebuch zwischen dem 20. Juni und dem 31. Dezember 2002 sein soll, auf Passagen der Selbsthistorisierung à la "Es gibt einen sehr beliebten Text von mir, in dem kommt das Wort ,Klofußumpuschelung' vor. Die Begeisterung, die dieser Ausdruck erzeugt hat, ist mir rätselhaft." Da steht man dann als Leser doppelt angeschmiert da: Zum einen erinnerte einen das Zitat wehmütig an jene Zeit, als Goldt noch nicht vom Apfel der Erkenntnis gekostet hatte und im Status der schauenden und beschreibenden Unschuld war. Zum anderen soll man sich offenbar dafür schämen, daß man gerade wieder über diese schöne Worterfindung geschmunzelt hat.
Und wenn das gleiche dann noch einmal passiert, man also lachend einen schönen Tagebucheintrag gelesen hat, um dann vom Bannspruch des Autors kalt erwischt zu werden: "Bei den ersten Vorträgen dieses Textes ärgerte ich mich über das von einigen Zuhörern ausgehende Gelächter", dann beginnt die permanente Metaebene allmählich doch spürbar auf der Lektüre zu lasten. Er sei, schreibt er, "ein Anhänger der Einengung von Begriffen" - und es ist nicht so, daß dies irgendeinem seiner Leser bislang entgangen wäre, nur hat er bisher dankbarerweise nicht übers Einengen geredet, sondern eingeengt. Der begnadete Praktiker wird in diesem Buch immer wieder zum gnadenlosen Theoretiker. Er denkt darüber nach, wo Satire etwas bewirkt, wann "die große Zeit der Handy-Witze" war, was wann zu Tode karikiert wurde und wozu er gerne "mal was Selbstkritisches aus dem Kabarett-Lager hören würde".
Leider geht das ganze Buch auch schon so bedeutungsschwanger los. Goldt referiert das Gespräch mit seinem neuen Verleger Alexander Fest, der ihn dazu überrreden will, es einmal mit einem Tagebuch zu versuchen. Dann schreibt Goldt von seinen großen Zweifeln gegenüber diesem Genre - nach 159 Seiten weiß der Leser, daß sie wohlbegründet waren. Und zugleich wirkt es von Anfang an merkwürdig, daß der Autor dem Leser sein langes Nachdenken über die richtige Gattung nicht vorenthält. Dies wirkt nicht nachdenklich, wie es vielleicht das Ziel des Autors war, sondern eher kokett, denn nur die Selbstsicheren halten selbst ihren Zweifel für überlieferungswürdig.
Doch langsam. Sollte man hier nicht einmal etwas Selbstkritisches aus dem Leser-Lager hören? Sind wir nicht die Konventionellen, die Max Goldt keine schriftstellerische Entwicklung gestatten, weil wir uns auch weiterhin plump über Klofußumpuschelungen freuen und selbst entscheiden wollen, ob das witzig ist? Ja und nein. Das vorliegende Buch scheint der Beweis für den Fall zu sein, daß ein Autor selbst von der eigenen Form der Wirklichkeitsbeschreibung gelangweilt ist, während die Leser noch lange nicht genug davon haben. Und es ist auch in der Tat so, daß es in diesem Buch überall Anflüge gibt von Pathos, von Ernst, von unironischer Klarheit, die zeigen, wie dieser Autor sicherlich auch sein könnte. Doch spürt man zugleich, wie unfrei Goldt an diesen Stellen noch ist, wie theoretisch er über die Formen nachdenkt, anstatt kühn draufloszuformen. Und so wird man sich am Ende der Lektüre weniger an diese Abschnitte, die einen neuen, anderen Goldt ankündigen, erinnern als vielmehr an jene im altbekannten Goldtschen Kolumnenton, der die Wirklichkeit scannt und belauscht.
Wenn er scannt, geht das so: "Abgesehen von der meist geringeren Auslastung, ist die größte Besonderheit der ersten Klasse gegenüber der zweiten, daß die Leute in der ersten einander wissend und belustigt anschauen, wenn die Zugbegleiter englische Durchsagen machen." Oder so: "Mallnitz-Obervellach, Fritzens-Wattens. Österreichische Bahnhöfe heißen so, wie in den siebziger und achtziger Jahren deutsche Frauen mit anspruchsvollen Berufen." Und wenn er lauscht, was immer besonders schön ist, geht es so: "Sie gehört zu den Frauen, die auch in der eigenen Wohnung hochhackige Schuhe tragen, damit sie sich eines weiblich selbstbewußten Ganges vergewissern." Hoffen wir jetzt einfach einmal, daß Max Goldt das nächste Mal wieder ohne hochhackige Schuhe durch sein Buch laufen kann, weil er sich dann seiner Rolle als großer Autor bereits vollständig vergewissert hat.
Max Goldt: "Wenn man einen weißen Anzug anhat". Ein Tagebuch-Buch. Rowohlt Verlag, Reinbek 2002. 159 S., geb., 16,90 [Euro].