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Rezension: Belletristik Auf Erweckungsfahrt

 ·  Peter Handke ist zum Albtraum der Reiseveranstalter geworden. Denn in seinen Romanen gerät jede Reise zur Pilgerfahrt, jede Pilgerfahrt zum Abenteuertrip und jeder Abenteuertrip zum Bildungsurlaub. Alle Handkeschen Entdeckungs- und Erweckungsreisen führen ans Ende unserer Welt und in das Herz einer ...

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Peter Handke ist zum Albtraum der Reiseveranstalter geworden. Denn in seinen Romanen gerät jede Reise zur Pilgerfahrt, jede Pilgerfahrt zum Abenteuertrip und jeder Abenteuertrip zum Bildungsurlaub. Alle Handkeschen Entdeckungs- und Erweckungsreisen führen ans Ende unserer Welt und in das Herz einer anderen, einer besseren Welt, der Anders- oder Handke-Welt, in der man nicht reist, sondern ziellos-zielgerichtet unterwegs ist, dem Flug eines Birkenblatts und der inneren Stimme folgend. In dieser Welt kann man sich nicht verlaufen, gilt doch jeder Irrweg in ihr als Abkürzung. Je weniger einer sich hier zurechtfindet, desto näher seinem Ziel darf er sich wähnen. Wie jeder Vergnügungspark ist auch die Handke-Welt auf einer überschaubaren Grundfläche errichtet, aber derart raffiniert, daß der Eindruck einer unüberschaubaren, gigantischen Ausdehnung entsteht. Das geht nicht ohne gehörigen Aufwand ab. Und so umfaßt der neueste Anbau 759 Seiten, von denen knapp fünfhundert auf der Stelle treten. Sein Titel: "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos".

Fast achthundert Seiten, die nicht durcheilt, sondern durchwandelt sein wollen, und in denen eine ganz eigene Zeitrechnung Gültigkeit beansprucht. Stunden, Tage und Sekunden sind in diesem Buch meistens "störende, unnötig entzaubernde Einheiten", störend in einer Welt, die nach Verzauberung verlangt, weil sie an ihrer Entzauberung leidet. Es ist erkennbar unsere Gegenwart, die Handke hier zeichnet und deren gegenwärtige Entwicklungen er zuspitzt und in die Zukunft verlängert: Die Globalisierung hat zum Ende der Nationalstaaten geführt, eine Art Weltregierung ist etabliert und an die Stelle des Nationalismus das Bekenntnis zur Region getreten. Dieser profanen Gesellschaft droht, von den meisten ihrer Mitglieder unbemerkt, die Katastrophe des "Bildverlusts". Darunter versteht Handke das Ausbleiben von "Bilderfunken und Funkenbildern", die unwillkürlich ins Bewußtsein treten, eher Eingebungen als Erinnerungen: "Wohl gehörte das jeweilige Bildobjekt zu eines jeden persönlichen Welt. Aber das Bild, als Bild, war universell. Es ging über ihn, sie, es hinaus. Kraft des offenen und öffnenden Bildes gehörten die Leute zusammen. Und die Bilder waren zwanglos, anders als jede Religion oder irdische Heilslehre."

Diese Bilder, die sich weder steuern noch gar festhalten lassen, sind die Grundlage des "Bilderglaubens" und der auf reiner Anschauung gegründeten Gemeinschaft der Bildmächtigen, wie man jene nennen könnte, denen die Gnade des Bildersehens zuteil wurde. Und wie jeder Glaube hat auch dieser eine Prophetin. Es ist eine alleinlebende Finanzexpertin, die "Bankenfrau", eine international bekannte "Finanzweltmeisterin", Mutter einer verschollenen Tochter, Geliebte eines abwesenden Liebhabers, Abenteurerin und Weltreisende, schließlich Auftraggeberin des Buches, das ein "Autor", der Erzähler, nach ihren Wünschen schreibt. Sie ist Handkes schöne Erwählte, eine sendungsbewußte weiße Magierin, wie die Kräfte des Guten stark und schwach zugleich. Die Bilder "erhöhen" ihren Tag und "bekräftigen" die Gegenwart, sie machen die bildgläubige Finanzfrau unangreifbar und wehrhaft, eine Herrscherin unter den Menschen, im Bunde mit den Tieren: "Vor allem die scheuesten Tiere erkannten (ja, ,erkannten'), wenn jemand ,im Bild', ganz im Bild, ganz bei sich im Bild war. Vor so einem verloren sie nicht bloß ihre Scheu. Sie bezogen ihn, wenn auch nur für den Augenblick, doch was für einen!, ein in ihr Dasein. Nicht nur, daß sie keine Angst mehr vor ihm hatten: sie wollten ihm, ein jedes auf seine Weise, gut."

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2002, Nr. 16 / Seite 52
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19.01.2002, 12:00 Uhr

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