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Rezension: Belletristik : Auf der Schwelle

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Norbert Niemanns Debütroman · Von Peter von Matt

          Von diesem Autor wird man noch hören. Er hat Zeit, er besitzt Reserven, und er wagt es, dem Leser Steine in den Weg zu legen. Es ist ohne weiteres möglich, von Norbert Niemann nicht gefesselt zu sein. Keiner wird hier auf der ersten Seite schon gepackt und liest atemlos weiter bis zum letzten Satz. Keinem erkaltet der Kaffee, keinem verbrennt die Pizza im Ofen, während er dieses Debüt liest. Man legt den Roman zwischendurch gern weg und pflegt das Verhältnis zu seinen Nächsten.

          Vielleicht tut man dies sogar mit besonderer Behutsamkeit. Denn die kuriose Langsamkeit des Romans bewirkt, daß man sich selbst wie in einer geräumigeren Zeit vorkommt. Es ist nicht jene magische, in die tiefsten Schichten dringende Existenzverzögerung, die sich bei der Lektüre Stifters ergeben kann. Der Roman betreibt nur eine andauernde Verschiebung von der Handlung ins Denken, von der spektakulären Aktion in ein Sinnieren, dem keine Grenzen gesetzt scheinen. Wohl geschehen dramatische Dinge. Lebensläufe brechen, Menschen verschwinden, verknüpfte Seelen reißen schreiend auseinander. Diese Ereignisse würden ausreichen für einen tüchtigen Roman von der Sorte, die man spannend nennt, geistreich und unterhaltsam. Niemann, geboren 1961, aber kehrt das übliche und erwünschte Verhältnis von Tat und Betrachtung in der Erzählung um. Die Taten schildert er in drei, vier Zeilen, die Betrachtungen über Seiten hin.

          Der Leser muß sich also entscheiden: Soll er sich das wirklich bieten lassen? Falls er es nicht tut - es gibt ehrenwerte Gründe, das Buch nach einer Stunde dankend wegzulegen. Bleibt man aber dabei, gerät man in eine Erzählwelt, die auf neue und andere Weise spannend ist. Das unentwegte Nachdenken nämlich über das, was getan werden könnte, getan wird, nicht getan wird, hätte getan werden sollen oder besser nicht getan worden wäre, dieses Nachdenken, das den Roman mit einer seltsamen, wilden Energie durchzieht, ist nicht die Gehirnarbeit des Autors, der seinen Lesern eifrig mitteilen will, was ihm zur eigenen Erzählung alles einfällt - das wäre unerträglich -, sondern es ist die Gehirnarbeit der Figuren. Als solche wird sie zur Physiognomie einer Generation.

          Diese Generation weiß alles über sich selbst. Für jede Regung der Seele und des Unterleibs besitzt sie ein theoretisches Modell. Und auch dieses Wissen selbst hat sie längst erkannt und durchreflektiert. Was seit nunmehr dreißig Jahren von Psychologie, Soziologie und Ästhetik an Konzepten ausgestoßen wurde, um die Menschen über sich selbst zu unterrichten und sie frei zu machen, furchtlos, überlegen gegenüber jeder Regung der Seele und des Unterleibs, das überzieht nun wie ein phantastisches Geschwür die endgültig aufgeklärten Gehirne. Phantastisch aber ist das Geschwür nicht, weil es falsch wäre, eine "Mystifikation", wie die großen Gurus der siebziger Jahre es nannten. Phantastisch ist das Geschwür, weil es die blanke Wahrheit ist. Alles stimmt, jede Analyse trifft zu, und nichts gibt es, was der effizienten Analyse nicht zugänglich wäre. Es ist nur alles grauenhaft.

          Die Hauptfigur des Romans heißt Peter Schönlein, was nicht ganz zufällig an die Namensgebung bei Martin Walser erinnert. Dieser Schönlein verkommt im Laufe der Geschichte auf traurige Weise - oder er kommt im Laufe der Geschichte haarscharf davon und findet zu sich selbst. Was zutrifft, ist schwer zu entscheiden. Es gibt reichlich Argumente für die Annahme eines jämmerlichen Niedergangs, aber unterderhand signalisiert der Roman auch das Gegenteil. Zehnmal sagt Schönlein auf den letzten zwei Seiten, er sei nicht verrückt. Bestätigt dieses Insistieren nun die Aussage oder widerlegt es sie?

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