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Rezension: Belletristik : Auch für den Angsthasen wehen die Fahnen

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Bürger sollt ihr sein: Richard Fords großer Roman über die Mittelklasse / Von Paul Ingendaay

          Jetzt, wo er da ist, fragt man sich, warum dieser Roman nicht schon früher geschrieben wurde. Und sei es nur, um den Ruf nach dem "großen amerikanischen Roman", der von Literaturkritikern jenseits des Atlantiks in regelmäßigen Abständen zu hören ist, für eine Weile verstummen zu lassen.

          Richard Fords "Unabhängigkeitstag" ist auf programmatische Weise amerikanisch, nicht nur durch das stille Pathos des Titels und den beruhigenden Klang des Namens Ford. Das Buch hat mit knapp sechshundert Seiten auch die erforderlichen Abmessungen. Und es bringt in seinem opulenten Breitwandformat viele Motive des amerikanischen Alltagslebens unter, von denen man sich (übrigens auch in Europa) gerne etwas erzählen läßt: lange Autoreisen, einen weit gewölbten Himmel, einsame Stimmen aus dem Anrufbeantworter, die Sorge ums Eigenheim, dazu beiläufige Gespräche über die Fährnisse des Lebens und zur Nacht das einladende Neon eines unerwartet auftauchenden Motels (wo leider ein Mord geschehen ist, aber die Polizei hat den Tatort abgesperrt und nimmt bereits die Daten auf). Was immer dann noch kommen mag, Parkplätze sind in ausreichender Zahl vorhanden.

          Fords Hauptfigur und Ich-Erzähler, der vierundvierzigjährige Frank Bascombe, ist kein Unbekannter; wir kennen ihn bereits aus dem Roman "Der Sportreporter" (deutsch 1989), wo er nach dem unglücklichen Tod seines Sohnes und einer gescheiterten Ehe sympathisch, wortreich, aber merkwürdig unscharf über sein Schicksal räsoniert. Die Liebesverhältnisse, durch die er dann schlittert, sind immer etwas zu kompliziert, um ihn über den Verlust der Ehefrau hinwegzutrösten. Ein deutscher Rezensent schrieb seinerzeit über dieses Buch, Bascombe sei einer von uns - "einer von uns halbreichen, halbgebildeten, sehnsuchtsvollen und armseligen Menschen". Nun ja.

          Der neue Roman, für den man den Vorgänger nicht kennen muß, ist viel präziser geschrieben und deutlich besser übersetzt. Er spielt im Jahr 1988, wenige Monate bevor der Kandidat Dukakis gegen den Kandidaten Bush antritt. Der flaue Zweikampf ist zwar auch längst historisch, aber es verdient festgehalten zu werden, daß Ford in "Unabhängigkeitstag" zum erstenmal so etwas wie eine glaubhafte gesellschaftspolitische Atmosphäre gelingt.

          Frank Bascombe, in mittleren Jahren, nun ein widerstrebender Dukakis-Demokrat, hat das Schreiben für Sportmagazine aufgegeben und betätigt sich als Immobilienmakler. Noch immer gehört er zu denen, die sich Emotionen leisten, ohne Gefühle zu zeigen. In Haddam/New Jersey, einer insgesamt sauberen Bürgerwelt, ist er vorläufig festgewachsen: Aus Sentimentalität zieht er sogar umgehend in das Haus, das seine Ex-Frau räumt, als sie ein zweites Mal heiratet (nämlich einen Architekten mit Bauch und Villa in Connecticut). Natürlich bringt ihm das die Frau nicht zurück, und die gemeinsamen Kinder bekommt er nur zur verabredeten Besuchszeit zu Gesicht. Andererseits darf er sich unschuldig daran fühlen (es sei denn, geschiedene Eltern seien grundsätzlich an allem schuld), daß sein fünfzehnjähriger Sohn Paul im Kaufhaus eine Packung Kondome klaut und sich ein Gerichtsverfahren einhandelt.

          Damit wird Paul zu einem jugendlichen Straftäter, nicht jedoch zu einem "jugendlichen Delinquenten", wie Fredeke Arnim treuherzig den juvenile delinquent des Originals übersetzt. Es gibt ein gutes Dutzend solcher harmlosen Anglizismen - "Bandage" (bandage), wo der Verband gemeint ist, "Chance" (chance), wo es Gelegenheit heißen müßte, und schließlich auch einen meiner Favoriten: "Gut für dich" (good for you). Nachdem die Erbsenzählerei erledigt ist, muß aber festgehalten werden, daß die Übersetzung dem Ton, den weit ausladenden Sätzen und auch den stilistischen Manierismen Fords über die gesamte Romanstrecke gewachsen ist. An vielen Stellen hat Fredeke Arnim sich von der englischen Syntax gelöst und Entsprechungen gefunden, die dem Deutschen angemessen sind. Beruhigend zu wissen, daß ein Autor, der in sechs Jahren durch drei Verlage gereicht und von nicht weniger als fünf Übersetzern verarztet wurde, endlich in den richtigen Händen liegt.

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