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Rezension: Belletristik : An den Haaren

  • Aktualisiert am

Aglaja Veteranyis Roman aus der Zirkuswelt

          Wenn ihre Mutter in der Zirkuskuppel an den Haaren hängt, erzählt ihr die Schwester das Märchen vom Kind, das in der Polenta kocht. Das lenkt ein wenig von dem Gedanken ab, die Mutter könnte sich zu Tode stürzen. Aber eben nur ein wenig. "Ich muss immer an den Tod meiner Mutter denken. Ich sehe, wie sie sich mit den Feuerfackeln die Haare in Brand steckt, wie sie brennend auf den Boden stürzt." Aglaja Veteranyis Zirkusroman, aus dem sie beim letztjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb einen Ausschnitt vorlas, ist voll mit Schreckensfantasien. Früher sind die Eltern, er Clown, sie Artistin, im rumänischen Staatszirkus aufgetreten. Dann hat der Vater das Geld aus der Zirkuskasse gestohlen und ist mit der Familie ins Ausland, in die Schweiz, geflohen. Dort geht der Zirkus weiter. Der Vater schlägt die Mutter, er droht, dass er sie aus der Kuppel stürzen lässt, und er zerschnipselt im Zorn ihre Kostüme. Er möchte, dass das Kind Filmstar wird. Doch die Schwestern landen in einem Internat in den Bergen. Die Eltern trennen sich, die Mutter holt die Tochter nach Hause zurück. Sie hatte einen Unfall, jetzt plant sie mit ihrem neuen Freund eine Magier-Karriere. Man zieht nach Spanien, und die Tochter, inzwischen dreizehn, tritt im Varieté auf. Auf Plakaten wird sie als "Der Körper" angekündigt. Das Engagement wird aufgelöst, das Mädchen kehrt in die Schweiz zurück. Sie bewirbt sich vergeblich bei einer Schauspielschule. Am Ende erzählt sie von einem Film, in dem der Vater Gott und einen Zirkusdirektor spielte, der sagt: "Aus der Liebe zu den armen Menschen isst Gott Polenta. Er ist selber Ausländer, der von Land zu Land zieht."

          Was kann das Zirkuskind dafür, wenn uns die Zirkuswelt mit ihren Menschen, Tieren, Sensationen eher kalt lässt? Die Welt, die Aglaja Veteranyi aus kindlicher Perspektive und eigener Erfahrung schildert, ist unerfreulich. Vorne werden Kunststücke und Lachnummern geboten, und hinter der Bühne finden die Intrigen und Dressuren statt. Nicht anders hat man sich das vorgestellt. Aglaja Veteranyi scheint das zu ahnen. Also zieht sie ihre Überraschungseffekte aus der Sprache. "Sprachartistik" ist hier wörtlich genommen. Eigentlich handelt es sich um eine Satz-Artistik, denn von manchen Seiten schauen dem Leser bloß erratische Sprüche entgegen. Zwischendrin wird zwar auch erzählt, aber es sind diese kindlich-poetisch-somnambulen Schau-Sätze, an denen der Roman hängt wie die Mutter an ihren Haaren. Der Absturz ist fast unausweichlich. Aglaja Veteranys Kinder-Ich ist ein bisschen weise und zu wortgewandt. "Gott ist immer sehr hungrig." Schwer hängen die Wortgebilde in der Luft der weißen Seiten. Aglaja Veteranyi will uns, und darin ist sie ganz Artistin, staunen machen; aber vielleicht wollen wir gar nicht staunen.

          CHRISTOPH BARTMANN

          Aglaja Veteranyi: "Warum das Kind in der Polenta kocht". Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999. 190 S., geb., 29,80 DM.

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