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Rezension: Belletristik : Alle Männer schauen auf Laura

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Das berühmteste, für manche berüchtigte, jedenfalls das am weitesten verbreitete Buch, das unter dem Namen des Honoré Gabriel Victor de Riqueti, Comte de Mirabeau, im Jahre 1786 erschienen ist: "Le Rideau levé, ou l'Education de Laure", stammt vermutlich gar nicht aus seiner Feder. Aber da es seinem frivolen ...

          Das berühmteste, für manche berüchtigte, jedenfalls das am weitesten verbreitete Buch, das unter dem Namen des Honoré Gabriel Victor de Riqueti, Comte de Mirabeau, im Jahre 1786 erschienen ist: "Le Rideau levé, ou l'Education de Laure", stammt vermutlich gar nicht aus seiner Feder. Aber da es seinem frivolen und im Rousseauschen Sinne freien Geiste entstammen könnte, wurde es gleich nach seinem Erscheinen und blieb es hinfort ihm zugeschrieben.

          Mirabeau, 1749 in der Provence geboren, starb in Paris als gerade zweiundvierzigjähriger im Jahre zwei der Revolution, die er mit in Gang gesetzt hatte - doch als Anhänger einer konstitutionellen Monarchie, der das Ancien Régime reformieren, nicht abschaffen wollte, geriet er zwischen die Fronten. 1793 entfernte das Regime des Volkes seinen Leichnam aus dem Pantheon, wohin er zwei Jahre zuvor so ruhmvoll zu Grabe getragen worden war.

          Er hatte ein wahrhaft tolles Leben hinter sich. Früh rebellierte er gegen den konservativen Vater, der, als Wirtschaftstheoretiker bei Hofe einflußreich, den libertären Sohn wegen seiner ausschweifenden Lebensweise einige Male in den Kerker werfen ließ. Dort schrieb und publizierte er mit sechsundzwanzig Jahren seinen "Essai sur le despotisme", der das Recht auf Freiheit als Grundlage allen menschlichen Handelns einforderte; und floh, obschon verheiratet, wenig später mit Sophie, der zwanzigjährigen Frau des siebzigjährigen Marquis de Monnier, nach Holland. Zwei Jahre später wurden beide nach Paris ausgeliefert, und Mirabeau verschwand bis 1780 hinter den Gefängnismauern von Vincennes. Dort, wo auch der Marquis de Sade manche seiner berüchtigten Schriften verfaßte, schrieb Mirabeau jene zwei Bücher, die, obwohl 1783 anonym erschienen, ihn einschlägig berühmt machten: In den "Bekenntnissen eines Gefangenen aus Vincennes" ("Le Libertin de qualité, ou Ma conversion") erzählte er unverblümt von seinem ausschweifenden Leben; und im "Erotica Biblion" lieferte er eine Art zeitgenössischer Liebes(kunst)lehre.

          Als dann 1786 die "Erziehung von Laura" ebenfalls anonym herauskam, wurde auch dieses Buch Mirabeau zugeschrieben, weil es im Verlage der "Bekenntnisse" erschienen und im Geiste des "Erotica Biblion" verfaßt war. Bis heute gibt es keinerlei andere, also so gut wie keine Indizien für Mirabeaus Urheberschaft. Gleichwohl publizierten seither alle Herausgeber oder Verleger das Büchlein unter Mirabeaus Namen.

          Auf deutsch wurde es so unter anderem auch vom Insel Verlag unter dem Titel "Der gelüftete Vorhang" (1971) veröffentlicht; freilich entfaltete Norbert Miller damals in seinem Nachwort seine Geschichte und schloß mit dem Urteil, Mirabeau wäre durchaus ein "würdiger Vater" dieses "Gelüfteten Vorhangs". Übrigens gibt es dieses schöne Insel-Buch in der ebenso eleganten wie unverblümten Übertragung von Eva Moldenhauer nach wie vor zu kaufen.

          Gerade darum wundert es mich, daß der Haffmans Verlag dieses feinsinnig rousseauistische und freisinnigst erotische Bildungsbüchlein nun erneut herausgebracht hat: unter dem variierten Titel "Der Blick hinter den Vorhang", den allerdings dasselbe Bild von François Boucher schmückt wie das Insel-Buch, und "neu übersetzt" von Petra-Susanne Räbel.

          Das hübsche Eroticon schildert - als verkappte Brieferzählung um drei Ecken herum - Lauras sexuelle Erziehung durch ihren Vater, der freilich ihr biologischer Vater nicht ist - immerhin spielt das Inzestmotiv unterschwellig immer mit. Bis zur festlichen Defloratio durch den Vater wird Lauras Hymen bewahrt von einer genau beschriebenen Keuschheitsapparatur. Mit dem Hymen geht dann aber auch die Handlungsführung entzwei. Nach Lauras Entlassung in die volle Weiblichkeit wechseln Positionen und Konstellationen wie in einem Sexual-Kaleidoskop, wechseln mit den Partnern der sexuellen Spielchen auch ihre Erzählerinnen, die freilich immer dasselbe nur in etwas anderem Ambiente berichten. Hin und wieder wird Laura vom Vater auch intellektuell fortgebildet, ganz im Sinne der rousseauistisch empfindsam genießenden Selbstfindung, die den Menschen aus seiner Unmündigkeit zur Selbstbestimmung auch über seinen Körper führe. Das Ganze wird recht erfindungsreich und unverschwiemelt erzählt, unterliegt aber dennoch einem stets männlichen Blick, dem neben allen denkbaren Kombinationen zwar noch die lesbische, nicht aber mehr die homosexuelle behagt.

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