Home
http://www.faz.net/-gr4-6qhrr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Belletristik 1860

Multatuli "Max Havelaar"

Multatuli (lat.: ich habe viel ertragen müssen) ist der nom de plume Eduard Douwes Dekkers, der (er lebte von 1820 bis 1887) in den vierziger und fünfziger Jahren ein hoher Kolonialbeamter der niederländischen Verwaltung auf Java war und wegen seiner wirklichen Anteilnahme am Schicksal der javanischen Bevölkerung regierungsseitig in große Ungnade fiel. Sein Buch, das die Mißstände der Kolonialpolitik anprangert, erregte gewaltiges Aufsehen, und dies ungeachtet seiner verwirrend schönen artistischen Schauseite - Multatuli schreibt auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen in ganz verschiedenen Stilen, und man merkt gar nicht genau, ob nun gerade deshalb oder ob trotzdem sein polemischer Impetus so unüberhörbar ist. Man weiß am Ende nicht einmal genau, ob das ganz wundervolle Durcheinander nun Raffinesse oder die Naivität der großen Leidenschaft war. Das ist eines dieser Bücher, die in unserm Kopf alles in Unordnung bringen, was wir uns so zu unsrer Bequemlichkeit zurechtgebaut haben, alles kriegt gewissermaßen Löcher und Risse und wird durchsichtig - ja, für was nun: für die Wahrheit? für eine Schönheit, die beunruhigender ist als wir dachten? Schwer zu sagen, was Kunst eigentlich tut, was Lesen bewirkt. - Noch einmal aufregend ist dann ein Vergleich, nämlich mit dem Roman "Die stille Kraft" von Louis Couperus aus dem Jahre 1900; Couperus (er lebte von 1863 bis 1923) war nicht selber auf Java tätig, sondern wuchs bequem als Sohn eines dort tätigen hohen niederländischen Kolonialbeamten auf, und sein Buch, ein schönes Beispiel des damals allgemein beliebten Exotismus, schildert, ästhetisch nun relativ herkömmlich, die - offenbar berechtigte - Angst der Europäer vor dem, was unter der tropischen Ruhe dort in Java sich an alten furchtbaren Kräften verbirgt. Selbst die stärksten Männer gehn da unter, und die schönsten Frauen fliehn, und wenn sie klug sind, verehren sie Wagner dann doch lieber wieder in Bayreuth statt in Batavia. (Multatuli: "Max Havelaar oder Die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handelsgesellschaft". Aus dem Niederländischen übersetzt von Martina den Hertog-Vogt. Verlag Bruckner & Thünker, Köln 1993. 481 S., geb., 44,- DM. Louis Couperus: "Die stille Kraft". Aus dem Niederländischen übersetzt von Christel Captijn Müller und Heinz Schneeweiß. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1993. 253 Seiten, geb., 34,- DM.) R.V.

Max Havelaar oder Die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handelsgesellschaft; Die stille Kraft

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.1996, Nr. 228 / Seite 38

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Eichlers Eurogoals Das große Fressen nach der WM

Bei der WM in Brasilien wurden Stars wie Ronaldo, Rooney oder Messi nicht satt. Nun stillen sie in den europäischen Ligen ihren großen Torhunger. Nur Beißer Suarez muss noch auf seine Vampir-Stunde warten. Mehr Von Christian Eichler

29.09.2014, 13:21 Uhr | Sport
Sexarbeiter kämpfen um Rotlichtbezirk auf Java

Einer der größten Rotlichtbezirke Asiens auf der indonesischen Insel Java soll geschlossen werden. Doch die etwa 1400 Sexarbeiter in dem Gebiet protestieren, denn es geht um ihre Lebensgrundlage. Mehr

16.06.2014, 14:38 Uhr | Politik
Henry Hazlitt Der Starkolumnist des Kapitalismus

Henry Hazlitt war ein radikal liberaler Publizist. Er trat für den Goldstandard ein. Und widerlegte Keynes Seite für Seite. Aus unserer Serie Die Weltverbesserer. Mehr Von Michael von Prollius

26.09.2014, 22:34 Uhr | Wirtschaft
Niederländer sollen Untersuchungen leiten

Niederländische OSZE-Mitarbeiter haben den Zug mit den Leichen inspiziert. Die ukrainische Regierung will die Leitung der Ermittlungen den niederländischen Experten überlassen. Sie hätten die meisten Opfer zu beklagen. Mehr

21.07.2014, 16:55 Uhr | Politik
Prager Botschaft 1989 Nackte Angst und übergroße Hoffnung

Heute vor 25 Jahren trat Außenminister Genscher auf den Balkon der deutschen Botschaft in Prag, um den DDR-Flüchtlingen mitzuteilen, dass ihre Ausreise möglich ist. Christian Bürger war Lagerleiter der ostdeutschen Flüchtlinge. Als Genscher kam, stand er direkt hinter ihm. Mehr Von Stefan Locke

30.09.2014, 11:03 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.09.1996, 12:00 Uhr